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Wirbel um Wiki-Watch

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Mitarbeiter der Arbeitsstelle Wiki-Watch an der Europa-Universität Viadrina sehen sich mit Manipulationsvorwürfen konfrontiert. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hatten am Wochenende über Indizien berichtet, dass aus dem Umfeld des Wiki-Watch-Initiators Wolfgang Stock mehrere Wikipedia-Einträge in Verbindung mit einem Pharma-Unternehmen "in firmenfreundlicher Richtung optimiert“ worden sein sollen. Stock weist die Vorwürfe zurück und kündigte rechtliche Schritte gegen die Zeitung an. Die FAZ hat den Artikel inzwischen aus ihrer Online-Ausgabe entfernt.

Ein anonymer Wikipedia-Nutzer hatte zuvor Artikel zu Pharma-Themen dokumentiert, in denen es unter anderem zu auffälligen Änderungen [Update: in Verbindung mit einer vom Institut für Qualität
und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen duchgeführten Studie] zu einem Insulin-Präparats gekommen war. Dabei soll auch ein Account eine Rolle spielen, der Wolfgang Stock zugeordnet wird. Auch ein zweiter Account, der ebenfalls auffällige Änderungen vornahm, konnte demnach Wiki-Watch zugeordnet werden.

FAZ-Autor Jörn Wittkewitz warf dem Projekt deshalb eine Grenzüberschreitung vor: "Es bedarf einer speziellen Auffassung von Forschung, um die Qualität der Einträge bei Wikipedia eigenhändig zu optimieren und im selben Projekt die Güte der Artikel statistisch zu bewerten." Wiki-Watch war im Oktober 2010 mit dem Ziel gegründet worden, mehr Transparenz über die Arbeit der Wikipedia-Community herzustellen.

Stock, der gleichzeitig geschäftsführender Gesellschafter der PR-Agentur Convincet ist, wehrt sich gegen den Verdacht der Auftragsarbeit: Kein Mitarbeiter seiner Firma habe im Auftrag von Kunden in der Wikipedia editiert. Ebenso habe kein Mitarbeiter von Wiki-Watch in der Wikipedia mitgearbeitet. Für sich selbst macht er jedoch eine Wikipedia-Regel geltend, wonach der Wunsch nach Anonymität eines Nutzers respektiert werden soll, selbst wenn der Name des Nutzers bekannt sei.

Auch in einem anderen Zusammenhang soll ein Mitarbeiter von Wiki-Watch aufgefallen sein. In Wikipedia-Artikeln der Themenbereiche Homosexualität und Religion sowie Evangelikalismus sollen Nutzer aus dem evangelikalen religiösen Spektrum versucht haben, weltanschaulich gefärbte Informationen einzubringen und damit gegen Wikipedia-Regeln verstoßen haben. [Update: Einer der beteiligten Nutzer mit dem Pseudonym "Diskriminierung" soll auch den Account von Wiki-Watch verwendet haben.]

Rechtsanwalt Johannes Weberling, der Wiki-Watch zusammen mit Stock leitet, räumt die Verbindung ein. Der Nutzer "Diskriminierung" habe bei der ersten Umfrage unter Wikipedia-Administratoren geholfen. Nachdem er im November 2010 den Wiki-Watch-Account ohne Wissen der Verantwortlichen für eigene Zwecke genutzt habe, sei ein Vier-Augen-Prinzip für Artikel eingeführt worden. Im Februar ließ Wiki-Watch den eigenen Wikipedia-Account wegen Inaktivität sperren. Zur Identität der kritisierten Wikipedia-Autoren macht Wiki-Watch keine Angaben. (Torsten Kleinz) / (vbr)

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