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Wird bei Quaero gemauschelt?

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Die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hakt erneut beim geplanten deutsch-französischen Suchmaschinen- und Digitalisierungsprojekt "Quaero" nach. Im Rahmen einer Kleinen Anfrage wollen die Abgeordneten von der Bundesregierung wissen, weshalb es keine öffentliche Ausschreibung gab, auf die sich Unternehmen zur Beteiligung an Quaero bewerben konnten. Die Regierung solle zudem erklären, welche Kriterien sie bei der Auswahl der am Projekt beteiligten Unternehmen angelegt hat und weshalb die Federführung des Konsortiums bei der Bertelsmann-Tochter empolis GmbH liegt, einem Unternehmen, das bisher nicht mit Suchmaschinen gearbeitet habe. Die Fraktion will ferner erfahren, unter welchen Gesichtspunkten die beteiligten Hochschulen ausgewählt worden sind.

Quaero war Anfang 2005 zwischen dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac und dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als gemeinsames technologiepolitisches Projekt vereinbart worden. Insbesondere in Frankreich regte sich zu dieser Zeit zunehmend Unmut über Digitalisierungsprojekte US-amerikanischer Unternehmen wie Google oder Microsoft, die ankündigten, nach und nach auch Bestände europäischer Bibliotheken zu digitalisieren und unter ihrer Obhut ins Internet stellen zu wollen. "Wenn wir nichts unternehmen, droht bei der Überlieferung kulturellen Wissens eine Vorherrschaft der US-Amerikaner", echauffierte sich etwa der Präsident der französischen Nationalbibliothek, Jean-Noël Jeanneney. Quaero sollte deshalb nicht nur Suchmaschine für Audio-, Video-, Text- und Bildinhalte sein, sondern auch als Zugangslösung für eigene digitale Bibliotheken aufgebaut werden.

Im August teilte der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie (BMWi), Hartmut Schauerte, auf Anfrage der Bundestagsabgeordneten Grietje Bettin (Bündnis 90/Die Grünen) mit, dass für die Entwicklung von Quaero – ein "Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes und zur Sicherung der kulturellen Vielfalt" – insgesamt "deutlich über 400 Millionen Euro" an Forschungsgeldern aufgebracht werden sollen (PDF-Datei). Die Kosten des deutschen Anteils belaufen sich laut Schauerte auf 240 Millionen Euro, von denen bis zu 100 Millionen Euro aus Mitteln der FuE-Förderung des BMWi kommen sollen. Der Rest entfalle auf die Wirtschaft. Frankreich hatte zuvor bereits Fördermittel in ähnlicher Größenordnung bewilligt.

Kern von Quaero sei die Entwicklung von Basistechnologien ("Core Technology Cluster") zur Erschließung von Multimedia-Inhalten und Wissen im Internet, erklärte Schauerte. Deutsche und europäische Kultureinrichtungen sollten mit Quaero befähigt werden, "in eigener Regie den Zugriff auf ihre kulturellen 'Schätze' innovativ aufbereitet und strukturiert einem breiten Publikum online zu ermöglichen". Für die Verwertung der FuE-Ergebnisse sollen nach Projektende Lizenzgebühren erhoben werden, was insbesondere für die beteiligten Unternehmen lukrativ sein dürfte. Nach Angaben Schauertes war das Interesse an einer Mitwirkung am Quaero-Projekt seitens der Wirtschaft und der Wissenschaft sehr groß.

Die Gesamtleitung des Projekts auf deutscher Seite fällt der auf Content- und Wissens-Management spezialisierten empolis GmbH zu, einem Tochterunternehmen der zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Arvato AG. Ebenfalls beteiligt sind SAP, Siemens, Thomson, die Deutsche Nationalbibliothek, Lycos, der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), die Gesellschaft für Forschung und Innovation (VFI), mittelständische Firmen wie morsophy, m2any, ontoprise, intelligent view, Pilot, 3D, die Universitäten Karlsruhe, München, Darmstadt und Konstanz, die Fraunhofer Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung, das Institut für Rundfunktechnik, das Forschungszentrum Informatik (FZI) sowie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Projektanträge mussten bis zum 8. August 2006 eingereicht werden.

Nach Angaben von DFKI-Direktor Wolfgang Wahlster ist das Quaero-Konsortium allerdings weniger soziokulturell, denn stark wirtschaftlich ausgerichtet. So seien in dem 900 Seiten starken Projektförderantrag an das Wirtschaftsministerium zahlreiche Geschäftsszenarien von Modellen für das Krankenhaus der Zukunft und den schnellen Zugriff auf medizinische Daten bis zur Digitalisierung der ebenfalls beteiligten Deutschen Bibliothek ausgebreitet. Alle diese "Business Cases" seien "von vornherein auf kommerzielle Nutzung ausgerichtet", da "alle beteiligten Firmen Geld verdienen wollen" und keine reine Werbefinanzierung geplant sei. "Wir sind nicht interessiert an Dingen", betonte Wahlster auf einem Bitkom-Forum Anfang September in Berlin, "wo wir sagen, das stellen wir jetzt zum Gemeinwohl ins Internet."

Zur Verbesserung der bisherigen Such- und Indiziertechniken schwebt dem Quaero-Konsortium laut Wahlster eine Verknüpfung der vergleichsweise willkürlichen Verschlagwortung von Inhalten über "Social Tagging" mit dem deutlich strengeren Katalogisierungsansatz des sogenannten semantischen Web vor. Wenn ein Hobby-Golfer eine Aufnahme seiner Sportart in einer Foto-Community schlicht mit dem Begriff "Golf" kennzeichne, blieben dadurch gewisse Mehrdeutigkeiten etwa für Autofreunde bestehen. Ein semantisches System würde hingegen die Ambivalenzen erkennen und eine Klassifizierung nach verschiedenen Zusatzbegriffen oder Kategorien empfehlen. Technisch wollen die Quaero-Entwickler vor allem auf den Standard OWL (Web Ontology Language) setzen. In Deutschland soll vor allem die Arbeit an Benutzerschnittstellen, intelligenter Dialogführung und Visualisierung vorangetrieben werden. Als einen wichtigen Teil davon bezeichnete der DFKI-Chef einfach zu handhabende Systeme für digitales Rechtekontrollmanagement (DRM). (pmz)