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Wired-Konferenz: Die Zukunft ist analog und sozial

Auf der ersten Konferenz des Hightech-Magazins "Wired" in Europa tauschen sich Philosophen, Innovationsforscher und Designer über die Entwicklung der Computertechnik aus. Datenverarbeitung baue zunehmend nicht mehr auf der klassischen, von John von Neuman entwickelten exakten Adressierung einzelner Parameter auf, erklärte der US-Wissenschaftshistoriker George Dyson auf dem Treffen von rund 400 Fachleuten am Donnerstag in London. ""Wir gehen zurück zur analogen Datenverarbeitung."

George Dyson

(Bild: heise online/S. Krempl)

Die Ansprache von Rechnerressourcen erfolge über verschiedene Masken und Vorlagen, die der Biologie näher kämen. Als Beispiel nannte der Technikphilosoph die pulsbasierte Taktung von Mikroprozessoren. Alan Turing sei als einer der EDV-Pioniere bereits der Ansicht gewesen, dass sich nicht deterministische, sondern lernfähige Rechner durchsetzen würden. Er habe von einer "Orakel-Maschine" gesprochen, die ab und zu auch Vermutungen anstelle. Genau dies mache Googles Suchmaschine mit dem "Auf gut Glück"-Knopf: "Menschen machen zufällige Klicks und die Maschine lernt davon." So könne Intuition mit Erfindungsgabe ersetzt werden.

"Wir erleben eine analoge Revolution, die digital vorangetrieben wird", erweiterte der britische Designer Richard Seymour die These Dysons. Dabei träten auch alte Prinzipien wieder in den Vordergrund, die bis ins Mittelalter und noch weiter zurückreichen. Als Beispiel nannte er den Aufstieg fetischistischer Beziehungen und die Verknüpfung von Dingen wie Erkennungszeichen und IDs in der physikalischen und der virtuellen Welt, denen "metaphysische Macht" zugeschrieben würde. Wahrheit, Vertrauen und Ehre gewännen zugleich wieder an Bedeutung. Physikalische Medien wie CDs verlören dagegen an Wichtigkeit. Dazu träten persönliche Agenten wie "Siri" im neuen iOS und iPhone von Apple, die künftig ständig mit einer Person lebten und ihre Wünsche verstünden. Entscheidend sei dabei nur, dass die zugehörigen personenbezogenen Daten in der Kontrolle ihres Eigentümers blieben und nicht "in die Cloud" wanderten.

Für die Autorin Rachel Botsman, die sich auf soziale Innovationsprozesse und das Modell des "kollaborativen Verbrauchs" spezialisiert hat, wird das über Netzwerke vermittelte Vertrauen zwischen Fremden der entscheidende Faktor in der neuen, kooperativ angelegten Wirtschaft. Es gehe darum, ein übergreifendes "Reputationskapital" über Nutzerspuren in verschiedenen Community-Plattformen und sozialen Netzwerke zusammenzutragen. Eine solche Währung werde mehr wert sein als heute die Einstufung der persönlichen Kreditwürdigkeit von Scoring-Anbietern.

Die damit beflügelte Zukunft gehört laut Botsman alten Geschäftsmodellen wie dem Tauschen, dem Leihen und dem Vermieten auf individueller Basis im Einklang mit dem Peer-to-Peer-Modell. Schon heute schliefen in New York City mehr Menschen in Orten, die über soziale Vermittlungsdienste und Schlafplatzbörsen wie Airbnb gebucht würden als in Hotels. Autobauer wie BMW, Ford und General Motors hätten verstanden, dass ihr Hauptgeschäft bald nicht mehr der Verkauf von Fahrzeugen sei. Sie verstünden sich vielmehr als Mobilitätsdienstleister, die Carsharing unterstützten.

Insgesamt wird für Botsman die Verwirklichung des Gedankens von Jeremy Rifkin greifbarer, dass der Zugriff auf Ideen, Güter und Dienstleistungen wichtiger sei als deren Besitz. Alles, was in einem Haushalt nicht permanent gebraucht wird, werde zur teilzeitlichen Nutzung durch Dritte freigegeben. Das kaputte derzeitige Konsummodell werde so durch eine Neuentdeckung gemeinschaftlicher Werte abgelöst. Dies gehe hin bis zur Entwicklung "kollaborativer Lebensstile", in denen Zeit, Örtlichkeiten, Fähigkeiten und Geld "geteilt" würden. Online-Plattformen wie Taskrabbit, über die man Arbeitswillige mit Besorgungen und Aufgaben vom Einkaufen über das Aufbauen von Ikea-Möbeln bis zum Schreiben von Liebesbriefen versehen könne, gingen in diese Richtung. (Stefan Krempl) / (vbr)

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