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Wirtschaftsforscherin: Die Verkehrswende wird komplett verhindert

Negative Mythen rund um die Elektromobilität werden gezielt gestreut, beklagt Claudia Kemfert vom Umweltrat. Städte sieht sie durch "Stehzeuge" verschandelt.

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Elektroauto, E-Auto, laden

(Bild: guteksk7 / shutterstock.com)

Für Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) führt an einer intelligenten Verkehrswende mit Elektrofahrzeugen im Zentrum kein Weg vorbei. "Wir sehen die Potenziale der Elektromobilität als die wichtigste Größe bei der Klima- und Energiewende", erklärte die Wissenschaftlerin am Donnerstag auf der "Hauptstadtkonferenz Elektromobilität" in Berlin. Die Antriebstechnik habe einfach den "größten Wirkungsgrad".

Dem Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen leuchtet daher nicht ein, warum Deutschland nicht in der Lage sein sollte, die Verkehrswende "ingenieurs- und innovationsgetrieben" zu stemmen. Sie weiß aber auch, dass der längst erforderliche Wandel für einige etablierte Akteure "sehr schmerzhaft und schwierig" ist und daher "komplett behindert wird". Es gebe hierzulande schließlich nach wie vor eine "große Marktmacht der Automobilkonzerne", denen der Abschied vom Verbrennungsmotor trotz großer Ankündigungen von E-Autos schwerfalle. Die Revolution werde eher "von Startups und jungen Unternehmen vorangetrieben".

Längst wiederlegte Mythen, dass es mit den Rohstoffen für Batterien und dem Lithium-Abbau Probleme gebe oder E-Antriebe sogar umweltschädlich sein könnten, "landen sofort in der Presse", wunderte sich Kemfert. "Jegliche vernünftige Diskussion" beispielsweise über die vom Umweltrat geforderte E-Auto-Quote, Tempolimit und eine Reduzierung umweltschädlicher Subventionen etwa von Diesel oder Kerosin werde "abgewürgt", der wissenschaftliche Kenntnisstand in den oberflächlichen Mediendebatten nicht widergespiegelt. Dazu komme, dass "wir in der Verkehrspolitik nahezu einen Totalausfall in den letzten zwei Jahrzehnten hatten".

"Wir haben einfach keine Zeit mehr", mahnte die Wissenschaftlerin zur Aufholjagd angesichts der Notwendigkeit, die Erdtemperatur zu begrenzen und die vereinbarten Klimaschutzziele zu erreichen. Der Verkehrssektor stelle hier ein großes Problem dar, "weil die Emissionen nach oben gehen". Daher könne es nicht so weitergehen wie bisher mit der Strategie, nur "ein bisschen Wasser in den Wein" zu tröpfeln.

"Die Städte sind voller Stehzeuge, die Parkraum brauchen", beklagte die Expertin. Es gelte, unnötigen Verkehr zu vermindern und mithilfe der Digitalisierung Angebote "zu bündeln, zu optimieren, zu verlagern". Die Technik könne auch helfen, Schwankungen bei den im Zentrum stehenden erneuerbaren Energien auszugleichen und Speichermöglichkeiten intelligent zu koppeln. Energieeffizienz bei Autos spiele eine untergeordnete Rolle, bringe vor allem nichts, "wenn die Fahrzeuge immer größer und schwerer werden".

Noch würden rund 96 Prozent der Fahrzeuge in Deutschland konventionell betrieben, gab Kemfert zu bedenken. In Norwegen liege der Anteil der Stromflitzer dagegen schon bei über 50 Prozent. An einen solchen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gebe, könne die Bundesrepublik auch kommen, "wenn die Politik umsteuert". Neben der E-Mobilität bei Pkw müssten dafür auch Oberleitungs-Lkw über die Hauptautobahnen rollen und mehr E-Busse auf die Straßen, wo die hiesigen Städte "wahnsinnig spät" dran seien.

"Wir sehen sehr viel Nachfrage außerhalb von Deutschland", konstatierte Daniela Gerd tom Markotten, künftige Geschäftsführerin des neuen plattformbasierten Mobilitätsanbieters Reach Now von BMW und Daimler. Hierzulande sei alles rund um neue App-Dienste zum "Suchen, Buchen und Bezahlen" der schnellsten oder günstigsten Verkehrsverbindungen "von der Tendenz her sehr zögerlich". Es gebe offenbar große Bedenken, "wem man damit auf die Füße tritt".

Eine Aufbruchsstimmung witterte der Berliner Wirtschaftsstaatssekretär Christian Rickerts zumindest in der Hauptstadt: "Immer mehr Menschen nehmen das E-Fahrzeug als echte Alternative an." Der Bund sei nicht immer hilfreich, wenn es darum gehe, den Schalter auf Strom umzulegen und die Schadstoffbelastung zu reduzieren, monierte Rickerts. Berlin habe daher in Eigenregie ein Förderprogramm wirtschaftsnahe Elektromobilität (Welmo) aufgelegt, über das inzwischen Anträge vor allem aus kleinen und mittleren Betrieben für 1000 E-Autos sowie 250 Ladepunkte vorlägen. Für den Herbst kündigte der Staatssekretär eine weitere Initiative "für Speicher und Speichersysteme" an. Die Landesbetriebe hätten bisher rund 300 Stromflitzer in ihren Fuhrparks, die BVG wolle bis 2030 nur noch E-Busse einsetzen.

Dazu kommen werde bald das "weltweit erste elektrische Löschfahrzeug" bei der Feuerwehr, verriet Gernot Lobenberg, Leiter der Berliner Agentur für Elektromobilität Emo. An der Spree gebe es derzeit neben 25.000 E-Bikes oder Pedelecs rund 10.000 E-Autos, 250 davon im Carsharing, wo der Anteil noch in diesem Jahr auf rund 33 Prozent anwachsen soll. Bei der Infrastruktur werde die Hauptstadt tüchtig aufrüsten, versprach Lobenberg. Vor allen in den Außenbezirken werde man bald über Anbieter wie Ubitricity "an ganzen Straßenzügen Laternen zum Laden nutzen" können. An konventionellen Tankstellen seien "Wechselautomaten" für Akkus geplant. (axk)