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Wissenschaft: Open-Access-Publikationen beliebt, aber in der Kritik

Immer mehr Wissenschaftler veröffentlichen ihre Forschungsergebnisse online. So sind sie schnell und frei verfügbar. Der Präsident der Humboldt-Stiftung befürchtet aber einen "enormen Qualitätsverlust".

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Eizelle

(Bild: dpa, Waltraud Grubitzsch/Archiv)

Immer mehr Wissenschaftler publizieren ihre Forschungsergebnisse elektronisch. Diese Digitalausgaben erscheinen entweder parallel zur klassischen gedruckten Ausgabe oder ausschließlich als PDF-Dokument. Und viele Forscher deklarieren diese Arbeiten dann auch gleich als "Open Access", machen sie also gratis im Internet verfügbar.

Vor allem junge Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure und Mediziner nutzen gerne diese rasche und unkomplizierte elektronische Veröffentlichung, wie Anke Wartenberg vom Qucosa-Projekt der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek SLUB berichtet. Es ist auf digitale Wissenschaftspublikationen aus Sachsen spezialisiert. Unter vielen Historikern und anderen Geisteswissenschaftlern gelte hingegen noch "das Paradigma des gedruckten Wortes", berichtet SLUB-Sprecher Jens Bemme: "In einigen Fächern wie zum Beispiel der Biologie ist die digitale Publikation aber bereits Standard."

Zudem verändere dieser Trend die Art und Weise, wie Konferenzen ablaufen. "Es gibt wissenschaftliche Tagungen, bei denen die Redebeiträge schon zu Konferenzbeginn online gehen. Wenn die anderen Teilnehmer die Vorträge bereits gelesen haben, können sie auf den mündlichen Vortrag anders reagieren, dann fällt die Diskussion oft viel lebhafter aus", sagt Bemme.

Besonders jüngere Wissenschaftler wollen ihre Forschungsergebnisse nach dem Open-Access-Prinzip schnell weltweit zugänglich zu machen, weiß der SLUB-Sprecher. Denn Open Access heißt: Die Arbeiten können recht unkompliziert und kostenlos aus dem Internet als PDF-Dokument heruntergeladen oder zumindest im vollen Text gelesen werden. Damit steigt in den Augen junger, ehrgeiziger Forscher die Chance, von Fachkollegen zitiert zu werden, was die eigene Reputation erhöht.

"Da ist ein Generationswechsel im Gange", betont Bemme. Ein Vorteil sei die zeitnahe Verfügbarkeit. Bis man an eine gedruckte Dissertation herankomme, könne es hingegen gut zwei bis drei Jahre dauern. "Eine elektronische Veröffentlichung ist rasch einsehbar", meint auch Christine Dallmann vom Lehrstuhl für Medienpädagogik an der TU Dresden. Die 30-jährige wissenschaftliche Mitarbeiterin publiziert gemeinsam mit Professor Ralf Vollbrecht die digitale Zeitschrift Medienwelten.

Das Journal veröffentlicht seit 2012 hervorragende Abschlussarbeiten, die sonst in den Schubladen des Prüfungsamtes verschwinden würden. "Und anders als in einer gedruckten Zeitschrift können wir auch empirische Arbeiten mit 100 oder 200 Seiten publizieren, ja sogar Bilder und Filmmaterial einbetten." Dallmann sieht aber auch Nachteile: "Wir werden von manchen Kollegen misstrauisch beäugt, weil in den Medienwelten keine große Redaktion für das Qualitätsmanagement sorgen kann." Außerdem hätten Open-Access-Programme wie das Open Journal System zwar enorm viele Funktionen, aber die Bedienfreundlichkeit sei nicht so gut.

Auch unter Naturwissenschaftlern, die eigentlich als besonders online-affin gelten, gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wie gut das Konzept wirklich ist. "Grundlagenforschung wird in aller Regel durch öffentliche Mittel gefördert, daher sollten die Ergebnisse auch öffentlich zugänglich sein. Geschieht das aber über Open Access, fürchte ich einen enormen Qualitätsverlust", argumentiert der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz.

Ähnlich sieht das Wolfram Koch, Geschäftsführer der Gesellschaft Deutscher Chemiker in Frankfurt am Main: "Die Qualitätssicherung in einer wissenschaftlichen Publikation kostet Geld. Wir sind da eher skeptisch, wie das über einen Open-Access-Ansatz finanziert werden soll", sagt der Professor.

Diese Diskussion ist auch den Qucosa-Betreuern in Dresden bekannt. Sie gehen aber davon aus, dass sich nicht nur die digitale gegen die gedruckte Publikation durchsetzen wird, sondern auch das Open-Access-Prinzip mehr und mehr Anhänger in der Wissenschaftler-Gemeinde finden wird. Der Druck seitens wichtiger Finanziers trage da seinen Teil bei, meint Anke Wartenberg: "Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zum Beispiel fordert teilweise in ihren Förderprogrammen schon ausdrücklich eine Open-Access-Publikation." (kbe)