Wissenschaftler: Digitalisierung gefährdeter Kulturstätten bleibt unzureichend

Die Terrormiliz IS zerstört Kulturdenkmäler. Die Digitalisierung der Denkmäler kann einen Teil der Stätten für die Nachwelt sichern. Ein Schatz an Informationen gehe dennoch oft für immer verloren, sagt Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe.

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CyArk hat im September das Brandburger Tor gescannt.

(Bild: CyArk )

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Die zunehmende Digitalisierung bedrohter Kulturdenkmäler kann Stätten sichern, bevor sie Naturkatastrophen oder Zerstörungen zum Opfer fallen. Der Mainzer Kriminalarchäologe Michael Müller-Karpe hält die Initiativen aber trotzdem für unzureichend. "Das ist verdienstvoll, aber kein Ersatz für eine Kulturstätte", sagte der Wissenschaftler der Deutschen Presse-Agentur. "Die Originale sind unwiederbringlich. Sie enthalten oft einen Schatz an Informationen, die wir heute noch gar nicht lesen können", ergänzte Müller-Karpe, der auch den Kulturausschuss des Bundestags berät und Gerichtsgutachten schreibt.

Die gemeinnützige US-Organisation CyArk zum Beispiel will mit 3D-Technik bedrohte Kulturdenkmäler digitalisieren und damit eine Online-Bibliothek aufbauen. Mit 3D-Laserscannern werden historische Stätten gescannt. Die Daten werden in eine Datenbank eingespeist und online zugänglich gemacht. Zuletzt gab die Organisation bekannt, Teile des Kölner Doms zu scannen. Das Deutsche Archäologische Institut hat ähnliche Projekte.

Müller-Karpe erklärt: "Auch vor der Zerstörung durch Plünderer können Datenbanken die archäologischen Stätten nicht schützen." Beim Art-Loss-Register (ALR) als weltweit größte Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke verkehre sich der ursprünglich positive Zweck sogar mitunter ins Gegenteil: "Staatsanwaltschaften haben schon Strafverfahren um Kulturgüter fraglicher Herkunft eingestellt mit der Begründung, der Tatverdächtige habe im ALR nachgeschaut und damit seiner Sorgfaltspflicht Genüge getan. Dabei können Raubgrabungsfunde dort gar nicht dokumentiert sein. So gesehen dient das ALR sogar der Wäsche von geplünderten und illegal gehandelten Kulturgütern."

Mit verschiedenen Scannern werden Kulturdenkmäler digitalisiert.

(Bild: CyArk )

Für den Schutz archäologischer Stätten wäre hingegen viel gewonnen, wenn es gelänge, die "kunstsinnigen Kriegsgewinnler und Terrorfinanciers" in Deutschland zu stoppen, ergänzte der Experte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz. "Denn solange es Käufer gibt, die keine unangenehmen Fragen nach der zweifelhaften Herkunft ihrer Schnäppchen stellen, solange wird es Plünderer geben, die die Nachfrage befriedigen – und solange wird es auch Kriegsparteien und Terroristen geben, die sich auf diese Weise die Kriegskassen füllen lassen."

Im syrischen Weltkulturerbe Palmyra hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bereits wertvolle Kulturdenkmäler in Schutt und Trümmer gelegt. Der IS finanziert sich zudem auch durch den Verkauf von Kunstgegenständen aus geplünderten Kulturstätten. (mit Material der dpa) / (kbe)