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Wissenschaftler: Studien über Tauschbörsen unbrauchbar

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Ist Filesharing gut oder schlecht für die Musikbranche? Durch 23 Studien über die Auswirkungen von Tauschbörsen hat sich der Wiener Kulturwirtschaftsforscher Peter Tschmuck gearbeitet. Er wollte wissen, welcher Effekt stärker ist: Ob der Download den Kauf ersetzt oder ob Nutzer über Filesharing neue Musik entdecken und anschließend kaufen. Am Donnerstag fasste Tschmuck die Forschungsergebnisse im Rahmen der Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung zusammen. "Ich bin zu keiner endgültigen Erkenntnis gekommen", lautet Tschmucks Fazit. "Wir brauchen neue Studien mit globaler Perspektive."

Die 23 untersuchten Studien folgen höchst unterschiedlichen Ansätzen. Manche sind rein theoretischer Natur, andere bauen auf (bisweilen wenig repräsentativen) Umfragen auf und wenden darauf teilweise wieder theoretische Annahmen an. Vier der 23 Studien greifen auf tatsächliche Daten über die Aktivität in einzelnen Tauschbörsen zurück. Unbestritten scheint nur eines: Die US-Musikindustrie setzt im neuen Jahrtausend weniger mit dem Verkauf von Tonträgern um als in den 1980er und 1990er Jahren. In Großbritannien sind die Umsätze im Vorjahr hingegen wieder gestiegen.

20 Studien sehen einen Zusammenhang zwischen kostenfreiem und bezahltem Bezug von Musikaufnahmen, drei nicht. Doch hier gibt es schon ein erstes Problem: Die Definitionen sind unterschiedlich. Piraterie, unautorisiertes Kopieren, kostenfreier Musikkonsum oder Downloads sind Begriffe, die nicht 1:1 vergleichbar sind. Zudem sind auch die untersuchten Produkte nicht gleich: Mal werden nur CD-Alben betrachtet, anderswo auch Singles, wieder andere Studien beziehen bezahlte Downloads mit ein. Hinzu kommt, dass das Datenmaterial teilweise sehr alt ist – Untersuchungen aus 1998 oder 2002 können über die heute aktuellen Tauschbörsen, ihre Nutzer und deren Internetzugänge vielleicht nicht viel aussagen.

Da Befragte zudem nicht unbedingt ehrlich sind oder sich schlecht erinnern, versuchen manche Forscher von anderen, bekannten Fakten auf die Tauschbörsennutzung zu schließen. Ob Daten wie Internet-Verbreitung, die Häufigkeit von Kirchenbesuchen oder die Anzahl der Strafzettel für Falschparken tatsächlich Rückschlüsse auf Dateitausch im Internet zulassen – oder auch umgekehrt –, ist allerdings zumindest diskussionswürdig.

Von den 20 Studien, die einen Zusammenhang sehen, meinen fünf, dass die Musikindustrie ohne Tauschbörsen noch weniger verkauft hätte, der Effekt der Tauschbörsen sei also positiv. 13 Studien sehen einen negativen Zusammenhang – doch mit hoher Schwankungsbreite. Mal wird ein Promille-Anteil des Umsatzrückgangs auf Tauschbörsen geschoben, mal soll der negative Effekt sogar 245 Prozent betragen, will heißen, ohne Filesharing wäre der Umsatz deutlich höher. Eine Studie differenziert – Superstars würden Nachteile erleiden, unbekannte Künstler aber durch Mehrumsatz profitieren. Schließlich sieht eine Studie zwar ein Fünftel des Umsatzrückgangs durch P2P bedingt, führt aber gleichzeitig Wohlfahrtsgewinne von durchschnittlich 70 Dollar je befragtem P2P-User an.

"Wir müssen die einfachen Zusammenhänge und Kausalitäten hinter uns lassen", sagte Tschmuck. Die Zusammenhänge seien sehr komplex. Die Effekte neuer, legaler Angebote wie Pandora, Spotify, YouTube, MySpace und so fort seien noch überhaupt nicht untersucht worden. Dabei hätten sie die Situation völlig verändert. Auch zu Frage, wofür frühere Musik-Käufer ihr Geld nun ausgeben würden, also welche anderen Branchen profitierten, seien ihm keine Daten bekannt. Tschmuck will aber über die rein ökonomische Betrachtung hinausgehen: "Wir sollten über die soziale Bedeutung des Urheberrechts sprechen." (Daniel AJ Sokolov) / (vbr)

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