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Wissenschaftler fordern Reform des US-Wahlsystems

Mögliche Manipulationen im US-Wahlkampf, Menschenrechtsverletzungen in Syrien und der Kampf gegen Fake-News: Auf ihrem Kongress in Hamburg suchen Hacker eigene Antworten zu aktuellen Problemen.

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Nach einer Untersuchung zu möglichen Manipulationen bei der US-Präsidentschaftswahl haben Wissenschaftler eine Reform des Wahlsystems gefordert. Hauptproblem sei die Vielfalt von 52 verschiedenen Möglichkeiten zur Stimmabgabe, sagten Alex Halderman und Matthew Bernhard von der Universität Michigan am Mittwoch beim Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC) in Hamburg. Darüber hinaus beschäftigten sich die Hacker am zweiten Tag ihrer Konferenz mit weiteren aktuellen Debatten, vom Krieg in Syrien über den Kampf gegen Fake News bis zur Sprache der Populisten.

Halderman erklärte, dass es selbst innerhalb eines US-Staates von Bezirk zu Bezirk unterschiedliche Verfahren gebe. "Es ist einfacher, das Wahlergebnis zu hacken, als wir gedacht haben", sagte der Informatiker. Die Möglichkeiten einer Manipulation der Speicherkarten von Abstimmungsmaschinen seien schockierend. Jede Stimmabgabe müsse sich auf einem Wahlzettel auf Papier nachweisen lassen, forderte der Wissenschaftler. Bislang sei dies nur für 70 Prozent der Wählerstimmen möglich.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es beim Wahlsieg von Donald Trump tatsächlich zu Fälschungen gekommen sein könnte, bewerteten die Forscher allerdings als gering. Sehr viel plausibler sei es, dass sich die Demoskopen in ihren Prognosen zugunsten der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton einfach massiv geirrt haben.

Das "Syrian Archive" dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in Syrien.

Menschenrechtsaktivisten präsentierten auf dem Kongress eine Datenbank zur Dokumentation von Gräueltaten in Syrien. Bislang seien mehr als 2200 verifizierte Vorfälle erfasst worden, sagten die Projektverantwortlichen Hadi al Khatib und Jeff Deutch. Ziel sei es, die Menschenrechtsverletzungen für Wissenschaftler und für mögliche internationale Ermittlungen festzuhalten.

Das "Syrian Archive" solle die bislang verstreut verfügbaren Berichte und Videos an einem Ort verfügbar machen. Zahlreiche Videos oder Beiträge in sozialen Netzwerken seien inzwischen auch gelöscht worden, möglicherweise auf Betreiben staatlicher Stellen. Daher sei jetzt besonderes Augenmerk auf das Backup der gesammelten Daten gelegt worden. Das Projekt arbeitet unter anderem mit den Vereinten Nationen, Human Rights Watch, Amnesty International und syrischen Journalisten zusammen.

Die "Hoaxmap" sammelt widerlegte Gerüchte und macht auf die vermehrten Fake News zu Flüchtlingen aufmerksam.

Ein weiteres großes Thema war der Kampf gegen Falschnachrichten im Internet. Die Aktivisten Karolin Schwarz und Lutz Helm präsentierten am Dienstagabend die Plattform "Hoaxmap". Auf der digitalen Karte werden widerlegte Gerüchte gesammelt und auf die vermehrten Fake News zu Flüchtlingen aufmerksam gemacht.

Für den Netz-Aktivisten Markus Beckedahl ist eine breite Investition in die Medienkompetenz" die beste Antwort auf Falschmeldungen im Netz. Die Gesellschaft habe es seit 15 oder 20 Jahren versäumt, diese ausreichend zu fördern, sagte er am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. "Viele sind glücklich, wenn sie ihr Handy bedienen können. Aber wie man sich souverän im Internet bewegt, worauf man da achten soll - das hat uns niemand erklärt." Und: "Es bringt nichts, Medienkompetenz nur in der Schule zu unterrichten, wenn 90 Prozent nicht mehr in die Schule gehen."

Der Linguist Martin Haase beschäftigte sich mit der Sprache der Populisten. Der vielgenutzte Begriff "postfaktisch", der zum "Wort des Jahres" gewählt wurde, ist Haase zufolge oft unangebracht und eine Abschwächung, da man meist von "kontrafaktisch und Lüge" sprechen müsste. Auch der gängige Begriff "Flüchtlingskrise" ist nach Ansicht des Sprachwissenschaftlers ein Wort, das die "Minderheit entmenschlicht". (dpa) (akr)