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Wissenschaftler tüfteln an "Künstlicher Intelligenz auf Abruf"

Wie Rechenkraft, Software oder Speicherplatz wird auch Künstliche Intelligenz verstärkt nach Bedarf als Webdienst abrufbar sein, prognostiziert DFKI-Chef Wolfgang Wahlster. Dafür müssten Schnittstellen und Standards entwickelt werden.

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Wolfgang Wahlster, Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

(Bild: Stefan Krempl)

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Nach Video, Computing oder Software on Demand wird es auch bald Künstliche Intelligenz (KI) auf Abruf geben. Davon geht zumindest Wolfgang Wahlster aus, Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Eine entsprechende Plattform für "KI on Demand" sei Teil der Überlegungen für Projekte zum künftigen EU-Forschungsrahmenprogramm, also die Fortsetzung für das aktuelle "Horizont 2020". Gefördert werden könnten damit etwa KI-Webservices als Funktionen fürs "Next Generation Internet".

KI auf Abruf werde eine wichtige Komponente bei kollaborativen Robotern, virtuellen Assistenten wie Empfehlungs- und Überzeugungssystemen, im Bereich Security und IT-Forensik oder bei Wearables spielen, prophezeite Wahlster am Dienstag bei einer Diskussionsrunde vom World Wide Web Consortium (W3C) und Telefónica Basecamp zur Zukunft des Hypermediums in Berlin. Es gehe dabei letztlich um die "zweite Welle der Digitalisierung" in Form der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation. Nötig seien dafür aber noch geeignete Sprachen, um Informationen zwischen den verschiedenen Herstellern smarter Dinge austauschen zu können.

Das Fundament dafür sei mit dem vielbeschworenen "semantischen Web" und maschinenlesbaren Daten bereits seit vielen Jahren gelegt, erläuterte der DFKI-Chef. Nun gelte es, einen "orchestrierten Austausch zwischen Geräten mit Syntax und Semantik" hinzubekommen. Eine Art offene Systemarchitektur gebe es bereits dafür, noch benötigt würden aber Programmierschnittstellen (APIs) und weitgehend genormte Bausteine für komplexe KI-Systeme. Am besten wäre es, dafür einschlägige W3C-Standards zu entwickeln, die als "Kleber" dienen und die Interoperabilität gewährleisten sollten.

Wahlster umriss so ein über das Internet der Dinge hinausgehendes "Web of Things", das er als "Düsenantrieb" für smarte Fabriken, Produkte und Dienstleistungen beschrieb. Mit hinein spiele dabei etwa die Idee des "digitalen Zwillings", das ein Modell für Wartung und Sicherheit oder einen Kohlendioxid-Fußabdruck mit einem Produkt verbinde, sowie das Konzept von "Plug & Produce", über das sich Maschinen punktgenau in vorhandene Infrastrukturen einbinden ließen. Bosch habe mit derlei Ansätzen in elf Fabriken weltweit bereits gute Erfahrungen gemacht und bei 26 Millionen hergestellten Gütern eine Produktivitätssteigerung um 25 Prozent erzielt.

Dass vernetzte und lernende Maschinen eines Tages intelligenter sind als der Mensch und ihn kontrollieren, hält der Forscher für reine Sciencefiction. Je mehr er sich mit KI auseinandersetze, desto größer werde sein Respekt für die menschliche Intelligenz, konstatierte er. Wenn sich der Mensch nicht "um sein KI-System" kümmere und es nicht mit Daten füttere, werde eine Art sozial verkümmerte Technik vergleichbar mit Kaspar Hauser daraus. Auch ein Humanoid sei aber natürlich kein biologisches Wesen: "Ich möchte keine Hardware mit Emotionen im WWW."

Der W3C-Geschäftsführer Jeff Jaffe, der am Mittwoch eine Beiratssitzung des Konsortiums in Berlin leitet, bezeichnete Künstliche Intelligenz, Roboter und "smart everything" als "wichtiges Feld" auch für die Standardisierungsorganisation. Ob das Gremium den von Wahlster geforderten Klebstoff für Webdienste rund um KI ins Visier nehme, ließ er aber offen.

Chris Wilson, Charles McCathie Nevile und Jeff Jaffe

(Bild: Stefan Krempl)

Beiratsmitglied Chris Wilson von Google betrachtet es als unvermeidlich, dass es Systeme geben werde, "die sich selbst entwickeln und kontrollieren". Er hoffe nur, dass die Menschheit bis dahin "Ethik und Moral" dafür festgelegt habe, was aber schwer werden dürfte. Zugleich ärgerte er sich, dass mittlerweile jeder Flughafen für seine eigene Smartphone-App und damit für proprietäre Anwendungen werbe, obwohl eine Webseite für den Transport der angebotenen Informationen völlig ausreiche.

Charles McCathie Nevile von der russischen Suchmaschine Yandex gab sich optimistischer, dass HTML als Basissprache des Webs "ziemlich robust" sei "und uns wohl weiter erhalten bleiben wird". HTML5 sei da und habe großes Potenzial, ergänzte Telefónicas "Außenminister" Christoph Steck. Trotzdem sei es schwierig für Unternehmen, in diesem Markt funktionierende Geschäftsmodelle aufzubauen und zu überleben. Darüber hinaus gebe es in Regionen wie Lateinamerika fast nur Smartphones und damit zwangsweise eine viel geschlossenere Internetwelt im Vergleich zu der auf einem Desktop-Rechner oder Laptop. (kbe)