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Wissenschaftler visualisieren "Hotspots in der Kulturgeschichte"

Mit langweiligen Daten spannende Forschung betreiben: Interdisziplinäre Wissenschaftler haben 150.000 Geburts- und Todesdaten von Kulturschaffenden errechnet, welche Orte über 2000 Jahre kulturelle Attraktivität besitzen sowie Migrations- und Interaktionsmuster dargestellt.

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Welche Orte in Europa und in Nordamerika waren für Kulturschaffende über die Jahrhunderte am attraktivsten? Dieser Frage ist ein interdisziplinäres Forscherteam nachgegangen. Es hat Geburts- und Sterbedaten und -orte von über 150.000 namhaften Persönlichkeiten aus drei Internet-basierten Künstler-Datenbanken statistisch ausgewertet und mit Google n-Grams kombiniert. Anschließend wurden die Resultate visualisiert. Sie zeigen, welche Orte in welchen Zeiträumen kulturelle Attraktivität besitzen und wie die Migrations- und Interaktionsmuster aussehen.

Kulturelle Hotspots in Europa

(Bild: Maximilian Schich und Mauro Martino)

"In Europa geht ein Großteil der kulturellen Entwicklung von Rom aus. In Frankreich setzt die Tendenz zur Zentralisierung in Paris bereits kurz vor dem 15. Jahrhundert ein, also rund 200 Jahre vor dem Absolutismus", schreiben die Forscher. Ganz anders sei die Dynamik hingegen in Deutschland und anderen europäischen Staaten, wo Föderalisierungsprozesse aufgetreten seien. "In Deutschland fluktuiert vom 13. Jahrhundert an die Attraktivität von Städten wie München, Köln, Leipzig, Heidelberg, Dresden, Hamburg oder Berlin dauernd." Die Mobilitätsmuster ließen auch erkennen, wie Amerika nach seiner Entdeckung allmählich erschlossen wird. Sichtbar sei ein starker Sog in Richtung Westküste, etwa Hollywood.

An dem Projekt haben sieben Forscher der ETH Zürich, der Northeastern University in Boston und der University of Texas at Dallas aus den Bereichen Kunstgeschichte, komplexe Netzwerke, Komplexitätsforschung, computer-basierte Soziologie, Informationsdesign, Physik und Mobilität gearbeitet. Nun haben sie es in einem Artikel der aktuellen Ausgabe von Science vorgestellt.

Hotspots der Kulturgeschichte (9 Bilder)

Etwa 100 n.Chr. war Rom am attraktivsten.
(Bild: Maximilian Schich und Mauro Martino)

Geburts- und Todesdaten von Kulturschaffenden seien für Kunsthistoriker etwas vom Langweiligsten überhaupt, meint Maximilian Schich, der promovierter Kunsthistoriker ist das umfangreiche Projekt leitete. "Doch verfügt man über genügend langweilige Daten, so finden sich darin plötzlich spannende Muster." Für die Kunstgeschichte neu sei insbesondere die Erkenntnis, dass nicht alleine ökonomische Zentren Anziehungspunkte für Künstler waren und die Attraktivität von Orten als Geburts- oder Sterbeorte nur gering mit der Ortsgröße korreliert. In dem relativ kleinen Hollywood starben zehnmal mehr Kulturschaffende als dort geboren wurden.

Schich und seine Kollegen hoffen, dass die vorliegende Studie dazu beitragen wird, die an vielen Hochschulen bestehenden Vorbehalte zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu reduzieren. Einer davon sei: Naturwissenschaftler sind an allgemeinen Gesetzmässigkeiten interessiert, Geisteswissenschaftler lieben das Detail. Der neue Forschungsansatz vereine beides. (anw)