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Wolfenstein 2 angespielt: Frankenstein, der Nazi-Killer

In Wolfenstein 2 haben die Nazis die USA übernommen. Technik und Präsentation sind klasse, allerdings leidet das Spiel unter manchen Design-Entscheidungen.

Wolfenstein 2 angespielt: Frankenstein, der Nazi-Killer
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Wolfenstein II: The New Colossus (deutsch) (PC)
Wolfenstein II: The New Colossus (deutsch) (PC) ab € 14,99

Die schwedischen Entwickler von Machine Games haben einen Sinn für derben Humor. Vor drei Jahren hauchten sie der damals etwas abgehalfterten Wolfenstein-Reihe mit dem furiosen "Wolfenstein: The New Order" neues Leben ein. Das am morgigen Freitag in den Handel kommende "Wolfenstein 2: The New Colossus" führt die Geschichte, die in einer alternativen Zeitlinie spielt, nahtlos weiter. Die Nazis haben nicht nur den Zweiten Weltkrieg gewonnen, sondern auch die USA okkupiert.

Der Spieler schlüpft in die Rolle von B.J. Blazkowicz, eines unverwüstlichen Einzelkämpfers, der die Nazis im Alleingang mit Maschinengewehren und Äxten niederkämpft. Blazkowicz' Körper muss dieses Mal extrem leiden. Er wird aber immer wieder zusammengeflickt, sodass er im Laufe des Spiels zu einem waren Frankensteinmonster mutiert.

Der sich strikt auf die Solo-Kampagne konzentrierende Ego-Shooter lebt von der trashigen Erzählung, die Blazkovicz von einem U-Boot über das verstrahlte New York bis zu geheimen Basen neben der "Area 51" führt. Sehr aufwendig inszenierte Zwischensequenzen zeigen Blazkowicz' Crew, wie sie von ihrer U-Boot-Zentrale aus die nächsten Missionen plant und immer wieder auf Frau Engel trifft. Dieser blonde Nazi-Verschnitt erinnert an die Ilsa-Trash-Filme aus den 70ern und ist (zumindest in den ersten Spielstunden) die einzige charismatische Gegenspielerin. Gerne würde man hier ein paar neue Bösewichter treffen, die im Vorgänger so vorzüglich unterhalten haben.

Die Präsentation ist tatsächlich das Highlight von Wolfenstein 2: The New Colossus. Auf der PS4 Pro wird das Spiel auf geeigneten Fernsehern in 4K ausgegeben und läuft stets butterweich mit 60 fps. Die tatsächlich gerenderte Auflösung mag zuweilen etwas niedriger ausfallen, Aliasing-Effekte sind aber zumindest auf großen 4K-Fernsehern kein Thema. Eher stört da schon, dass das Spiel keine HDR-Ausgabe unterstützt und in einigen Szenen Farbbänder zu sehen sind. Die deutsche Synchronisation ist gelungen, wenn sie auch manchmal nicht exakt lippensynchron zu den Figuren ist.

Dramaturgisch machen die Schweden jedoch einen ähnlichen Fehler wie im ersten Teil: Die erste Mission ist hier wie dort eine der schwächsten im ganzen Spiel. Blazkowicz muss mit einem Rollstuhl durch ein enges U-Boot rollern. Hier geht es meist geradeaus durch enge Gänge, es gibt kaum taktische Variationsmöglichkeiten. Immerhin geht es bald zu Fuß weiter, aber auch hier dominieren in den ersten Stunden weitgehend enge Tunnel und Gebäude, die linear durchlaufen werden. Große Areale, in denen man sich zurechtfinden und an Gegner heranschleichen muss, sind Mangelware. Die famose Schleichmechanik aus dem ersten Teil liegt weitgehend brach.

Zu den effektivsten Kampftechniken gehört der Nahangriff mit der Axt. Da Blazkowicz im Laufmodus extrem schnell unterwegs ist, kann er von Gegner zu Gegner hechten. In einigen Leveln ist es sogar möglich, einfach an Gegnern vorbei zu sprinten. Mitunter findet man aber nicht gleich den Ausgang oder das nächste Ziel. Es lässt sich zwar auf einer Art Kompass einblenden, der ist aber nicht immer gut sichtbar. Das lösen andere Spiele eleganter.

Nicht ganz entscheiden konnten sich die Entwickler offenbar, wie der Spieler Medizin-Packs und Munition aufnehmen soll. Denn prinzipiell genügt es, über die Packs zu laufen und sie automatisch aufzunehmen. Das klappt aber nicht immer und man bekommt jedes Mal eine Taste eingeblendet, die man drücken soll. Darunter leidet der Spielfluss, vor allem, wenn die Gegner in den unteren Schwierigkeitsgraden tonnenweise Munition fallen lassen.

Wolfenstein 2 – Einige Szenen aus der ersten Mission

Apropos Schwierigkeitsgrad: Den darf man während des Spiels jederzeit verändern. Doch selbst im voreingestellten zweitleichtesten Grad gibt es immer wieder Szenen, in denen drei gut gepanzerte Nazi-Roboter auf den Spieler zustürmen, der ohne Rüstung und vielleicht noch mit 20 Prozent Gesundheit chancenlos ins Gras beißt. Stellt man den einfachsten Grad ein, kommt man wiederum viel zu leicht voran und kann sich vor Munitions- und Medizinpacks kaum retten. Eine bessere Abstimmung wäre hier wünschenswert.

In den ersten sechs Stunden haben wir auf der PS4 Pro laut Statistik bereits 60 Prozent der Missionen fertig. Die Solo-Kampagne läuft demnach auf rund zehn Spielstunden heraus. In höheren Schwierigkeitsgraden darf man da gerne ein bis zwei Stunden hinzurechnen.

Im Vergleich zu Teil 1 ist Wolfenstein 2 vom Spielfluss her mehr geglättet worden. Allerdings geht das zu Lasten der spielerischen Abwechslung. Besonders das Schleichen kommt in den ersten Stunden zu kurz. Gut und gerne hätte man den Entwicklern noch etwas Zeit für die Balance gegeben, um die Schwierigkeitsgrade, Gegnerplatzierung und den Nachschub an Munition und Medizin zu optimieren.

Gut unterhalten hat uns das Spiel aber trotzdem, denn die Handlung hat einige haarsträubende Wendungen auf Lager und führt selbst nach fünf bis sechs Stunden noch neue Waffen und Gadgets ein, die mehr spielerische Variationen versprechen. Davon abgesehen ist dies ein technisch sehr aufwendig inszenierter Ego-Shooter, der allerdings nicht ganz die Originalität des Vorgängers erreicht.

Wolfenstein 2: The New Colossus erscheint am 27. Oktober für PC, Xbox One und Playstation 4. Eine Switch-Ausgabe soll folgen. Wolfenstein 2 ist in Deutschland zensiert. Aus rechtlichen Gründen wurden alle Hakenkreuze entfernt. Inhaltliche Gewaltszenen wurden allerdings nicht geschnitten. Die USK hat das Spiel ab 18 Jahren eingestuft. (hag)

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