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World Robot Summit: Japan bereitet Olympische Roboterspiele vor

Beim World Robot Summit unterstreicht Japan den eigenen Anspruch auf eine Führungsrolle in der Robotik. Noch läuft aber nicht alles rund.

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World Robot Summit: Japan bereitet Olympische Roboterspiele vor

(Bild: heise online/Hans-Arthur Marsiske)

Bei der offiziellen Eröffnung des World Robot Summit (WRS) in Tokio trat als Moderator kein geringerer als Leonardo da Vinci auf. Mit beeindruckend langem, weißen Bart saß er auf der Bühne und kündigte die jeweils nächsten Redner an. Erst auf den zweiten Blick verrieten seine sparsamen, sich wiederholenden Bewegungen, dass es sich nicht um einen Schauspieler handelte, sondern um einen Roboter. Gebaut wurde er von Minoru Asada und seinen Mitarbeitern an der University of Osaka und dürfte der erste Roboter sein, der eine historische Person verkörpert.

Jetzt verlieh das Duplikat des berühmten Gelehrten dem diesjährigen WRS eine besondere Würde und unterstrich die geschichtliche Relevanz des japanischen Vorhabens, die neue industrielle Revolution mit Robotern voranzutreiben. 100 Milliarden Yen (ca. 770 Millionen Euro) habe die japanische Regierung für die Jahre 2015 bis 2020 zur Verfügung gestellt, um Japan zu einem globalen Zentrum von Robotikinnovationen zu machen, führend bei Anwendungen in der Pflege, Landwirtschaft und Katastrophenhilfe zu werden und die Robotik mit dem Internet der Dinge zu verschmelzen, sagte Koji Inoue vom Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (METI).

Bei dieser Strategie, die Yasuhiko Hashimoto (Japan Robot Association) mit der deutschen "Industrie 4.0" und "Made in China 2025" verglich, spielt der WRS eine zentrale Rolle. Er geht auf den 2014 vom Premierminister Shinzō Abe geäußerten Wunsch zurück, im Jahr 2020 Olympische Roboterspiele in Japan zu veranstalten. Die Bezeichnung "olympisch" dürfen die Japaner zwar nicht verwenden, die Roboterwettkämpfe werden aber stattfinden. Die diesjährige Veranstaltung, die neben den Wettbewerben auch eine Ausstellung und Vortragsveranstaltungen umfasst, ist dafür ein Probelauf im kleineren Maßstab – wobei das Wort "klein" in die Irre führen könnte: Die Wettbewerbe in den vier Kategorien Industry, Service, Disaster und Junior füllen allein zwei große Messehallen. Fast 130 Teams aus 23 Ländern nehmen teil. 2020 soll der WRS dann in den Präfekturen Aichi und Fukushima stattfinden.

In Fukushima wird derzeit bei den Städten Minami-Sōma und Namie ein großes Testgelände für Roboter eingerichtet. Dazu gehört auch ein etwa 13 Kilometer langer Bereich für Testflüge mit Drohnen zwischen den beiden Städten, der in diesem Sommer in Betrieb genommen wurde. Hier dürften sich beim nächsten WRS ausgezeichnete Möglichkeiten bieten, Rettungsroboter unter sehr realistischen Bedingungen zu testen.

Aber auch der diesjährige WRS zeichnet sich in der Kategorie Disaster bereits durch eine Kombination von standardisierten Testmethoden und stärker an der Realität orientierten Aufgaben aus. So geht es in der "Plant Disaster Prevention Challenge" darum, eine Industrieanlage mit Robotern zu inspizieren, den Wartungsbedarf einzuschätzen, Anomalien wie etwa rostige und lose Schrauben, Lecks oder zu hohe Temperaturen zu erkennen, beim Ausbruch eines Feuers erste Gegenmaßnahmen einzuleiten und nach vermissten Personen zu suchen. Dafür wurde eine etwa 12 m × 12 m große Anlage mit Rohrleitungen, Tanks, Ventilen und Thermometern aufgebaut und mit einem Sicherheitsnetz umhüllt, sodass auch fliegende Roboter zum Einsatz kommen können.

World Robot Summit 2018 (11 Bilder)

Minoru Asada stellt bei der Eröffnung des WRS den Wiedergänger von Leonardo da Vinci vor…
(Bild: heise online/Hans-Arthur Marsisk)

Die Arena ist offensichtlich von der Argos Challenge, einem Wettbewerb für den Einsatz von Robotern auf Offshore-Plattformen, inspiriert. Gegenüber der Herausforderung, die für den WRS 2020 geplant ist, mutet sie aber fast bescheiden an: Dann sollen die Roboter auf dem Fukushima Robot Test Field ein sechsstöckiges, 30 Meter hohes Gebäude inspizieren. Bis dahin werden sich die Teams noch mächtig ins Zeug legen müssen.

Die Organisatoren allerdings wohl ebenso: Schon am ersten Wettbewerbstag stöhnten Schiedsrichter in der Industrial Robotics Category über das komplizierte Punktesystem, mit dem die Leistungen der Teams bewertet werden sollen. Hier besteht die Aufgabe darin, mit Industrierobotern ein Getriebe zusammenzufügen. Einige Teilnehmer bezweifelten, ob überhaupt ein Team dazu in der Lage ist. Allerdings ist der Bau des Getriebes gewissermaßen dem Finale vorbehalten, davor sind andere Aufgaben mit steigendem Schwierigkeitsgrad gefordert. Zunächst stand nun das präzise Ablegen von Bauteilen auf dem Programm. So mussten etwa Metallringe millimetergenau über Stifte geschoben werden. Dafür war eine gute Sensorsteuerung erforderlich, an der bereits viele Teams scheiterten.

Bei den Servicerobotern stand noch überwiegend Üben auf dem Programm. Teams machten sich mit der Umgebung für die "Future Convenience Store Challenge" vertraut, bei der Gegenstände in Regale eingeräumt, Kunden bedient und eine Toilette gereinigt werden soll. Damit hat sich auch das Rätsel gelöst, welche Bedeutung die kleine Manneken-Pis-Figur hat, die am Dienstag neben einer Arena stand: Sie soll 300 ml Wasser versprühen, das dann vom Roboter weggewischt werden soll. Außerdem müssen herumliegende Fetzen Toilettenpapier aufgehoben werden, was für einen Robotergreifer keine Kleinigkeit ist. "Wir haben an unserem Greifer Schwämme befestigt und hoffen, dass es damit geht", sagte ein Mitglied des Teams Homer von der Universität Koblenz.

Auch bei der "Partner Robot Challenge" in der Service-Kategorie geht es ums Aufräumen und Bringen von Gegenständen, allerdings in einer Wohnumgebung. Daneben gibt es, ähnlich wie beim RoboCup, unter dem Titel "Show me the Future" für die Teams die Möglichkeit, ein frei gewähltes Szenario vorzuführen.

Was es hier für Möglichkeiten gibt, demonstrierte Chieko Asakawa in einem sehr eindrucksvollen Vortrag, der die Eröffnungszeremonie beendete. Die sehbehinderte Mitarbeiterin von IBM Japan führte zunächst an mehreren Beispielen vor, wie ein Smartphone ihr die Orientierung erleichtert, nicht nur beim Laufen durch die Stadt oder in Gebäuden, sondern auch beim Erkennen von Geldscheinen oder persönlichen Gegenständen. Am beeindruckendsten aber war ihr aktuelles Forschungsprojekt "AI Suitcase". Während unter diesem Titel zumeist von Koffern die Rede ist, die ihren Besitzern folgen, ist es hier genau umgekehrt: In einem Video war zu sehen, wie sich Asakawa in einem Flughafengebäude von ihrem Koffer zunächst zum Check-In-Schalter führen ließ. Dort informierte er sie dann, dass eine Person vor ihr stehe und gab ihr per Vibrationsalarm Bescheid, als sie an der Reihe war. Danach ging es zum Abflug-Gate. An einer Rolltreppe warnte der Koffer rechtzeitig und bat Asakawa, ihn kurz zu tragen. Am Gate angekommen, informierte er sie über eine angekündigte Verspätung.

Es sei ein Prototyp, der gerade erst vor wenigen Tagen fertiggestellt worden sei, sagte Asakawa. Die Technik müsse jetzt noch weiter verbessert werden, der Koffer solle noch smarter werden. Nun sind Videos in der Robotikforschung generell mit Vorsicht zu genießen. Es ist in der Regel schwer einzuschätzen, wie viel Fehlversuche erforderlich waren, um eine gelungene Performance zu filmen, und was möglicherweise alles geschönt wurde. Bei dieser Referentin, die ein offensichtliches persönliches Interesse an der präsentierten Technik hat, viel es jedoch ausgesprochen schwer, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Dies war ein sehr ermutigender Ausblick in die Zukunft. (Hans-Arthur Marsiske) / (mho)

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