Menü
Update

YouNow: Online-Striptease im Kinderzimmer

Jugendschützer warnen vor einem beunruhigenden Trend: Auf der zunehmend populären Plattform YouNow erzählen Jugendliche allzu freizügig über ihr Leben.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 268 Beiträge
Kinder online

(Bild: dpa, Christoph Strotmann)

Lara (Namen geändert) hält ihre Zeichnungen in die Kamera und buchstabiert ihren Instagram-Namen für 200 Zuschauer; Dario will einen Telefonstreich machen und hält sein Telefon in die Kamera; Tamara singt für über 2000 Zuhörer ein Lied und wird direkt gefragt, welche BH-Größe sie hat – Alltag bei der Plattform YouNow, die derzeit besonders bei Jugendlichen um 14 Jahre beliebt ist. Jugendschützer zeigen sich besorgt und plädieren dringend für Aufklärung.

YouNow war 2011 eigentlich als Promotionsplattform für Musiker und andere Kreative online gegangen. Im Gegensatz zu YouTube sind hier alle Videos ungeschnittene Live-Aufführungen. Über ein Chatfenster kommunizieren die Streamenden mit ihren Zuschauern, die ihre Lieblingskanäle nach oben wählen können. Doch gerade in den vergangenen Wochen entwickelt sich die Plattform zur Experimentierbörse für Sechst- und Siebtklässler, die ihren Drang auf Selbstdarstellung erstmals online ausleben.

Im Chat kommen schnell ins Detail gehende Fragen - die oft auch beantwortet werden (Schwärzungen von Heise Online).

"Über die Weihnachtferien hat sich bei vielen Jugendlichen herumgesprochen, dass man bei YouNow livestreamen kann", erklärt Günter Steppich, Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden. Tag und Nacht findet man auf der Plattform seitdem Jugendliche, die bevorzugt aus ihrem Kinderzimmer senden und erzählen, was sie beschäftigt oder einfach Fragen aus dem Chat beantworten. Teilweise streamen Schüler sogar direkt aus dem Klassenzimmer. Die Plattform bemüht sich das Streaming möglichst einfach zu gestalten – einloggen kann man sich mit dem Facebook-Account, das Streaming startet man einfach in der App. Die Hashtags #deutsch-girl und #deutsch-boy stehen auf der Plattform ganz oben.

Jugendschützer zeigen sich inzwischen alarmiert. So gehören Beleidigungen und sexuelle Anmachen auf der Plattform zum Alltag. Zwar werden die von vielen Jugendlichen geflissentlich ignoriert. Doch nicht an jedem Heranwachsenden gehen solche Nachrichten spurlos vorbei. "Es geht hier um sehr junge Selbstdarsteller, die auch besonders verwundbar sind", erklärt Petra Grimm, Professorin am Institut für Digitale Ethik in Stuttgart. Für Trolle und andere Übergriffe ist die Plattform besonders attraktiv: "Wer die Jugendlichen beleidigt oder provoziert, kann direkt sehen, wie diese reagieren."

Auch für Schmeicheleien sind Jugendliche besonders anfällig. So berichtet Steppich von Jungen, die bedenkenlos ihr Hemd ausziehen, wenn sie im Chat dazu aufgefordert werden. Zwei weibliche Teenager veranstalteten sogar einen Striptease, um besonders viele Zuschauer anzuziehen. Zwar stoppten die Mädchen bei der Unterwäsche, die Jugendschützer zeigen sich dennoch alarmiert.

Auch für unbeteiligte Zuschauer können solche Plattformen zu einer juristischen Fallgrube werden. "Sofern Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren in diesem Stream erscheinen, kann die Grenze zu einer Strafbarkeit schnell überschritten werden", warnt Heise-Justiziar Joerg Heidrich. So verbietet Paragraf184c des Strafgesetzbuches (StGB) die Verbreitung, den Erwerb und den Besitz sogenannter jugendpornographischer Schriften. Als Jugendpornografie gelten dabei "sexuelle Handlungen von, an oder vor" einem Jugendlichen unter 18 ebenso wie die Wiedergabe eines "ganz oder teilweise unbekleideten" Minderjährigen "in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung".

Auch Pädophile scheinen bereits auf die Plattform aufmerksam geworden zu sein. So berichtet Steppich von Accounts, die sich als Teenager ausgeben, aber aufgrund ihrer Schreibweise einfach als Erwachsene zu identifizieren seien. Die Sorge: Straftäter könnten die Plattform zur Kontaktanbahnung benutzen. Konkrete Fälle sind jedoch noch nicht bekannt.

Zwar sind nackte Tatsachen auf YouNow nicht gewöhnlich, der allgegenwärtige Daten-Striptease ist jedoch fast beunruhigender. So berichtet Steppich, dass er in einer halben Stunde von vielen Jugendlichen Wohnort, die Schule oder Turnvereine der Jugendlichen erfahren habe. "Wenn die Kinder einmal aufgeklärt werden, stimmen sie in der Regel zu, dass es keine gute Idee ist, seinen vollen Namen dort zu veröffentlichen und weitere persönliche Angaben zu machen."

Das sei jedoch nicht die Regel. Oft drückten die Eltern ihren Kindern in der fünften Klasse ein Smartphone in die Hand, auf dem die sich selbstverständlich mit ihrem Realnamen anmeldeten. Selbst wer auf YouNow ein Pseudonym nutze, sei über verknüpfte Facebook- oder Instagram-Accounts oft problemlos identifizierbar. Auch YouTube-Stars wie LeFloid wird die Zeigefreudigkeit unheimlich, sie warnen ihre Fans eindringlich davor, auf Plattformen wie YouNow zu viel preiszugeben.

Wegen der Popularität der Plattform plädieren Jugendschützer dafür, sie zu thematisieren und vor ihr zu warnen. So plane das hessische Schulministerium einen Rundbrief an die Schulen, um auf das Problem aufmerksam zu machen, sagt Steppich. Der Betreiber selbst reagierte auf erste kritische Medienberichte mit dem Versprechen, sein Moderationsteam zu verstärken und das Alterslimit von mindestens 12 Jahren strikter durchzusetzen. Jugendschützer zeigen sich jedoch skeptisch, ob solche Maßnahmen viel Einfluss auf den Alltag der Zeigeplattform haben.

Steppich plädiert dafür, dass sich Eltern und Lehrer mit Jugendlichen über solche Angebote unterhalten. "Ich kann die Begeisterung verstehen: Ich habe mich mit meiner Gitarre vor die Kamera gesetzt und hatte innerhalb kurzer Zeit 50 Zuhörer", sagt Steppich. Gerade für junge Musiker sei die Plattform attraktiv, wenn sich die Streamer nicht leichtsinnig verhielten. Auch Petra Grimm plädiert dafür, dass Jugendliche mit der Öffentlichkeit experimentieren. "Aber besser nicht bei YouNow", erklärt sie gegenüber heise online.

Update

Tobias Röttger, Rechtsanwalt bei der Kanzlei GGR Rechtsanwälte, weist noch auf zwei weitere Probleme hin, die sich aus der Nutzung von YouNow ergeben können. So seien bei Übertragungen aus dem Klassenzimmer oft auch Mitschüler und Lehrer im Bild, deren Persönlichkeitsrechte durch das Streaming verletzt werden können. Ferner können Kinder gegen das Urheberrecht verstoßen, wenn sie urheberrechtlich geschützte Musik in ihrem Streams einbauen – auch wenn die Musik nur im Hintergrund läuft. (jo)

Anzeige
Anzeige