Menü

Zahlen, bitte! 100 scheinbare Kanäle, die den Hype um Marsmenschen auslösten

1877 sah der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli durch sein Teleskop scheinbare Kanäle auf dem Mars. Eine Fehlübersetzung sorgte weltweit für Aufsehen.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 68 Beiträge
Von

Nicht selten sorgen Übersetzungsfehler für Aufregung. Doch in diesem Fall hat das falsch aus dem Italienischen übersetzte "canali" den Hype um Leben auf dem Mars ausgelöst.

Das Jahr 1877 war für die Marsbeobachtung ein ganz Besonderes: Durch die von der Erde aus betrachteten Opposition von Mars zur Sonne (im Winkelabstand von 180° zueinander) waren die Beobachtungsmöglichkeiten besonders günstig.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

mehr anzeigen

Der US-amerikanische Astronom Asaph Hall entdeckte im August des Jahres – unter besonderer moralischer Unterstützung seiner Frau Chloë Angeline Stickney – die beiden Marsmonde und nannte sie nach den beiden Begleitern des griechischen Kriegsgotts Ares Deimos und Phobos.

Giovanni Schiaparelli, um 1890 herum. (* 14. März 1835 - † 4. Juli 1910)

Ein anderer Astronom, der in jenem Jahr scheinbar eine aufsehenerregende Mars-Entdeckung machte, war der Italiener Giovanni Schiaparelli. Er wurde im norditalienischen Savigliano geboren und studierte zunächst Ingenieurwissenschaften, in denen er 1854 graduierte.

Danach arbeitete er als Mathelehrer in Turin, bis er 1857 für sein Studium der Astronomie erst zwei Jahre in der Berliner Sternwarte arbeitete und danach für ein Jahr ins russischen Pulkow-Observatorium übersiedelte. 1860 kehrte er zurück nach Italien und arbeitete am Osservatorio Astronomico di Brera in Mailand und übernahm zwei Jahre später die Leitung. Neben seinen Marsforschungen erforschte er vor allem die Planeten Venus, Merkur, sowie Doppelsternsysteme. Er wies zudem nach, dass der Meteorstrom der Perseiden mit den Rückständen des Kometen Swift-Tuttle zusammenhängt.

Das Osservatorio Astronomico di Brera in Mailand. Hier arbeitete Schiaparelli über 40 Jahre lang.

Eigentlich war die Erforschung des Mars nichts Besonderes: Seitdem der niederländische Astronom Christiaan Huygens erstmals Marsdarstellung mit Oberflächenmerkmalen anfertigte, waren über 100 Jahre vergangen und mehrere Autoren hatten bereits Darstellungen der Marsoberfläche angefertigt.

Schiaparelli sagte selbst einmal zu seinen Marsforschungen 1877: "Ich wollte nur einmal ausprobieren, ob unser Linsenteleskop optisch gut genug ist, um die Oberfläche eines Planeten zu beobachten. In der Literatur hatte ich so viel über Flecken auf dem Mars und in seiner Atmosphäre gelesen, dass ich selbst einmal nachsehen wollte.“

Was er scheinbar sah, sollte auf einen Schlag den Blick auf den Mars verändern. Schiaparelli zeichnete die bis dato detaillierteste Karte des Mars mit Landmassen, Meeren und Senken, die er nach antiken Vorbildern benannte.

Eine Marskarte nach den Beobachtungen von Giovanni Schiaparelli

Vor allem unterschied sich die Karte von vorigen Darstellungen neben dem höheren Detailgrad durch die von ihm eingezeichneten Senken. Sie waren nach seinen Aussagen bis zu 200 Kilometer breit und bis zu 4000 Kilometer lang. Die Encyclopaedia Britannica nennt insgesamt 100 von ihm eingezeichnete Senken. Schiaparelli hielt sie für natürlich entstanden und bezeichnete sie mit dem italienischen Begriff "canali".

Man muss jedoch wissen, dass dieser Begriff zweideutig ist. So kann er natürlich entstandene Rinnen und Senken bezeichnen, aber auch künstlich angelegte Kanäle. Und ins Englische wurde er als "canals" übersetzt und nicht, wie eigentlich von Schiaparelli gemeint, "channels". Künstliche angelegte Kanäle konnten nur von einer außerirdischen Zivilisation angelegt worden sein. Die Sensation war perfekt.

Der scheinbare Nachweis für intelligentes Leben auf dem Mars ging wie ein Lauffeuer um die Welt und erzeugte einen Hype, der Jahrzehnte anhalten sollte. Plötzlich spekulierte die Wissenschaft, ob es sich bei den Kanälen um eine gegenwärtige, gar sterbende Intelligenz handelte, oder um Zeugnisse einer vergangenen, untergegangenen Zivilisation.

Zahlen, Bitte! Mars und Erde im Vergleich

  • Masse
    Mars: 6,4185 x 1023 kg
    Erde: 5,976 x 1024 kg
  • Mittlerer Radius
    Mars: 3.397 km
    Erde: 6.378,1 km
  • Äquatorialdurchmesser:
    Mars: 6794 km
    Erde: 12.756 km
  • Dichte
    Mars: 3,94 g/cm3
    Erde: 5,515 g/cm3
  • Schwerebeschleunigung:
    Mars: 3,69 m/s2
    Erde: 9,81 m/s2
  • Rotationsperiode (Tag)
    Mars: 24 Std, 37 Min, 22 Sek
    Erde: 23 Std, 56 Min, 4 Sek
  • Orbitalperiode (ein Jahr)
    Mars: 687 Tage
    Erde: 365,24 Tage
  • Durchschnittliche Entfernung zur Sonne
    Mars: 227,9 Mio. km
    Erde: 149,6 Mio. km
  • Zusammensetzung Atmosphäre
    Mars: 0,3% Sauerstoff 2-3% Stickstoff, 1-2% Argon, 95% Kohlendioxid
    Erde: 0,035% Kohlendioxid, 0,93% Argon, 21% Sauerstoff, 78% Stickstoff
  • Mittlere Oberflächentemperatur:
    Mars: -55°C
    Erde: +15°C
  • Monde
    Mars: 2 (Phobos, Damos)
    Erde: 1 (Erdmond)

mehr anzeigen

Viele anderen Wissenschaftler bemühten sich bei der nächsten Mars-Opposition 1879 die Angaben von Schiaparelli zu belegen. Die Wissenschaftler, die die Kanäle nicht sahen, schimpften dann schon mal auf ihre Ausrüstung oder ihre Augen. Kritische Stimmen wurden schlicht nicht wahr- oder ernst genommen.

Schiaparelli selbst zeigte nicht viel Initiative, den Geist wieder zurück in die Flasche zu holen und den Übersetzungsfehler zu korrigieren. Auch legte er sich später nicht hundertprozentig fest, ob die Kanäle für ihn natürlichen, oder künstlichen Ursprung seien.

Schließlich erwarb er dadurch Weltruhm. Und als Entdecker einer außerirdischen Zivilisation zu gelten, ist vielleicht nicht der übelste Gedanke.

Der US-amerikanische Astronom Percival Lowell war ein großer Verfechter der Zivilisations-Theorie. Durch Schiaparellis Beobachtungen animiert, gründete Lowell 1894 das Lowell-Observatorium, um das Marskanal-Phänomen besser erforschen zu können. Er fertigte eigene Kanal-Zeichnungen an und erkannte vermeintliche farbliche Schwankungen, die er auf jahreszeitliche Vegetationsveränderungen zurückführte.

Marskanäle als Darstellung von Percival Lowell

H. G. Wells ließ sich, wie viele andere Autoren, davon inspirieren und veröffentlichte 1898 "Krieg der Welten". Der Roman, der 1938 von Orson Welles als packende Radioübertragung für Wirbel sorgen sollte.

Illustrationen von Alvim Corrêa für den 1898 erschienenen Science Fiction - Roman "Krieg der Welten", geschrieben von H. G. Wells. Man sollte diese Bilder vor dem Hintergrund der damaligen Annahme betrachten, dass auf dem Mars eine intelligente Zivilisation existiert.

Nicola Tesla behauptete in diesem Zusammenhang 1899 bei Radio-Versuchen Signale einer außerirdischen Intelligenz empfangen zu haben. Vielleicht war es ja eine Bestellung über einen Tesla-Roadster in Marsrot, welcher mittlerweile auf dem Weg zum Mars ist.

Kritische Stimmen wurden erst um 1910 lauter. Viele Astronomen sahen die Marskanäle schlicht nicht. Und in Experimenten wurden erkannt, dass ähnliche Ergebnisse durch optische Täuschungen (Linienverstärkung durch korrelierte Reizung benachbarter Sehzellen) entstehen können.

Der Mars. Zusammengesetzt aus Viking-Aufnahmen.

(Bild: NASA)

Dennoch sorgt Mariner 4 erst im Jahr 1965 für Gewissheit: Die Kanäle waren optische Täuschungen und Fehlinterpretationen. Zwar waren damit die Träume einer Marszivilisation erstmal beigelegt, aber sorgen spannende Felsformationen wie das "Marsgesicht", in Verbindung mit der menschlichen Eigenschaft der Pareidolie, seitdem immer mal wieder für Spekulationen, die bisher alle von der NASA widerlegt werden konnten. Davon lässt sich ein echter Verschwörungstheoretiker natürlich nicht stören.

Zwar waren die Marskanäle ein großer Irrtum – was aber bleibt, ist ein enormer Einfluss auf die Populärkultur bis heute. Unzählige Filme behandeln die nicht immer freundlich gesinnten Marsmännchen. Manche Computerspiele sehen im Mars allerdings auch das Tor zur Hölle.

Mars-Rover wie Sojourner oder Curiosity klopfen den Mars regelmäßig auf Leben ab, bislang vergeblich. Die ESA schickte mit der Sonde Schiaparelli sogar eine nach dem Astronomen benannte Sonde zum Mars, die aufgrund eines Computerfehlers aber auf der Oberfläche zerschellte. (mawi)