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Zahlen, bitte! 12.996 Kilometer Autobahn-Netzwerk

Ob auf dem Weg vom Urlaub nach Hause – oder beim Transportieren der lang ersehnten Online-Bestellung. Beide teilen sie sich die Autobahn.

Zahlen, bitte! 12.996 Kilometer Autobahn-Netzwerk

"Autobahn“ ist eines der wenigen deutschen Wörter, die weltweit ein Begriff sind. Insbesondere im amerikanischen Raum verbindet man damit eine Freiheit, auf einer gut ausgebauten, kreuzungsfreien Straße so schnell zu fahren, wie es das Gaspedal und der Tank hergeben, auch wenn das tatsächliche Verkehrsaufkommen und die wachsenden geschwindigkeitsbegrenzten Abschnitte auf dem insgesamt 12.996 Kilometer großen deutschen Autobahnnetz dagegen sprechen. Die Autobahn und das grundsätzliche Fehlen einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung ist ein Mythos.

Ein Vorläufer der deutschen Autobahnen entstand zunächst in Berlin. Die Automobil-
Verkehrs- und Übungs-Straße (AVUS), die erste, ausschließlich für Automobile geschaffene Straße, wurde bereits 1909 geplant, aber kriegsbedingt erst 1921 realisiert. Vom Berliner Funkturm aus durch den Grunewald führend, diente sie vor allem als Versuchs- und Rennstrecke, bevor sie 1940 in den Berliner Ring eingegliedert und dadurch von einer Privat- zu einer öffentlichen Straße wurde.

Einen weiteren Impuls bekam die Idee durch die Eröffnung der Autostrada dei Laghi - der ersten reinen Autostraße in Italien, welche von Mailand nach Varese führte und 1924 eröffnet wurde. Sie wurde privat errichtet und sollte über Mautgebühren bezahlt werden.

Die Autobahn 2 bei Hannover mit Blick in Fahrtrichtung Dortmund. Tagsüber wirkt sie oft mit dem Einsetzen des Feierabendverkehrs wie eine Fahrzeugausstellung. Hinten ist eine Verkehrsleitanlage zu sehen

(Bild: Markus Will)


Zur gleichen Zeit existierte eine zeitgenössische Statistik, die besagte, dass die einstige Wiege des Automobils in Sachen individueller Mobilität ins Hintertreffen geriet: So besaß im Schnitt jeder 321. Einwohner ein Automobil in Deutschland. In Frankreich war es jeder 90. In Großbritannien jeder 71.

Und in den USA besaß dank Ford sogar jeder Siebte ein Auto. Der Fahrzeugbestand verdoppelte sich in der Weimarer Republik allerdings rasant: Von 100.340 Autos 1923 auf 206.456 1926. 1933 waren es bereits fast 800.000 Kraftfahrzeuge.

In diesem Klima der enorm wachsenden Automobilität wollte der am 6. November 1926 in der Geschlechterstube im Rathaus von Frankfurt gegründete Verein zur Vorbereitung der Automobilstraße Hamburg - Frankfurt - Basel (HAFRABA) eine kreuzungsfreie Autostraße errichten, die, die namensgebenden Städte miteinander verbinden sollte. Die Finanzierung sollte wie beim italienischen Vorbild durch Mautabgaben gesichert werden, die sich wie folgt staffelten:

  • Automobil mit Fahrer: 3 Pfennig pro Kilometer
  • Jeder weiterer Mitfahrer: 1 Pfennig pro Kilometer
  • LKW: 2 Pfennig pro Kilometer
  • Fracht: ½ Pfennig pro Tonne und Kilometer

Kopf und erster Vorsitzender des Vereins wurde der Geheime Regierungsrat Professor Robert Otzen von der Technischen Hochschule Hannover. Er war sehr angetan von dem italienischen Pendant und wollte dies Konzept unbedingt auch in Deutschland verwirklichen.

Die Einfahrt zur legendären Autobahn markiert dieses Schild. Oder wie der Gesetzgeber so lyrisch beschreibt: Richtzeichen nach Anlage 3 zu § 42 StVO: Verkehrszeichen 330.1 Autobahn

(Bild: Gemeinfrei)

Geplant war eine Autobahnverbindung von Hamburg über Hannover, Kassel, Frankfurt am Main bis nach Basel und weiter nach Italien. Die damals geplante Trasse entspricht in etwa dem Trassenverlauf der heutigen A7/A5 von Hamburg bis Frankfurt.

Otzen prägte auch um 1930 herum den Begriff Autobahn als Abgrenzung zur Eisenbahn. Ironischerweise ging von den Nazis der größte Widerstand gegenüber diesen Plänen aus. Sie sahen darin ausufernde Kosten und ideale Leitsysteme für feindliche Bomber. Diese Haltung sollte sich mit der Machtergreifung durch Hitler 1933 fundamental ändern.

Nun war die Autobahn nicht mehr ein überflüssiger Kostenfaktor, sondern ein Propagandaprojekt ersten Ranges und eine große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die Nazis übernahmen nicht nur die detaillierten Pläne (indem aus der HAFRABA die Gesellschaft zur Vorbereitung der Reichsautobahn (GEZUVOR) wurde), sondern behaupteten auch gleich die Urheberschaft für die Idee. Der Propaganda-Legende nach hatte Hitler bereits 1923 die Idee für die Autobahnen, wofür es aber keinerlei Beweise gibt.

Nicht einmal die erste Autobahn hatte Hitler eröffnet: Am 6. August 1932 eröffnete der damalige Kölner Bürgermeister Konrad Adenauer die Strecke Köln-Bonn, die bereits die meisten Merkmale einer Autobahn trug. Bis zum Kriegsende 1945 wurden dann unter zum Teil mörderischen Bedingungen 3746 Kilometer Autobahn geschaffen.

Nach dem Krieg begann mit dem Wirtschaftswunder auch der erlahmte Autobau wieder Fahrt aufzunehmen. Mit Kleinwagen wie dem VW Käfer, Lloyd Alexander, BMW Isetta oder Opel Kadett bereisten die Bundesbürger den Brenner mit dem Reiseziel Italien. Die ursprüngliche HAFRABA-Strecke wurde übrigens 1962 fertig gestellt.

Bis 1970 wuchs das Westdeutsche Autobahnnetz gemächlich auf 4110 Kilometer. 1990 waren es bereits 8822 Kilometer. Mit der Wiedervereinigung und neuen Autobahnprojekten wuchsen die Autobahnen auf die erwähnten 12.996 Kilometer im Jahr 2017. Nur Spanien hat EU-weit mit über 15.000 Kilometer ein größeres Netz. Insgesamt haben die Autobahnen der EU eine Gesamtlänge von etwa 80.000 Kilometer.

Insgesamt existieren in Deutschland 138 Autobahnkreuze, 97 Autobahndreiecke und etwa 39000 Brücken. Die Wartung und Reinigung der Straßen übernehmen die Mitarbeiter von circa 190 Autobahn- und Straßenmeistereien (die in Braunschweig auch schon mal die Expertise einer Elfenbeauftragten zu Rate ziehen). In 40 Autobahnkirchen kann man sich für die Weiterfahrt göttlichen Beistand holen.

Die auf Bundesautobahnen zurückgelegten Kilometer lagen 1970 bei gemächlichen 35.000.000.000 Kilometer. Das stieg auf 243.500.000.000 Kilometer im Jahr 2016.

Obwohl sich die Nutzung vervielfachte, nahm die Anzahl der getöteten Verkehrsteilnehmer dank vieler Sicherheitsfeatures wie Gurt, Airbag und ABS seit 1970 von 945 auf 393 Getötete im Jahr 2016 ab; die Unfallzahlen dagegen stiegen von 15650 (1970) auf 21193 (2016).

Übersicht der erlaubten Höchstgeschwindigkeiten auf Europas Autobahnen

(Bild: ProloSozz, Lizenz Creative Commons CC BY 3.0 )

Mit dem rapide zunehmenden Verkehrsaufkommen stieg auch die Stauhäufigkeit. 2017 wurden insgesamt 723.000 Staumeldungen bundesweit gezählt. . Das sind vier Mal so viele Staus wie 2002. Bei einer Staulänge von insgesamt knapp 1.500.000 Kilometer hatte somit jeder gemeldete Stau im Schnitt eine Länge von knapp 2 Kilometer.

Um Staus zu reduzieren und den Verkehr besser zu steuern, setzt die Bundesregierung auf IT-gestützte Verkehrsleitsysteme, die vor Staus, Unfälle und Witterungseinflüsse besser warnen und das Verkehrsaufkommen leiten sollen. Diese Systeme sollen in Zukunft weiter ausgebaut werden.

Überhaupt ist die Zukunft elektronisch bestimmt. Selbstfahrende Systeme wie Continentals Cruising Chauffeur sollen bald autonomes Fahren in der breiten Masse ermöglichen, wofür sich vor allem Autobahnen aufgrund ihrer kreuzungsfreien Charakteristika ideal eignen. Tesla bietet bereits (teil)autonomes Fahren an, steht aber seit mehreren Unfällen in der Kritik. Von den 300 km/h der Roboracer sind die Systeme allerdings noch weit entfernt.

Apropos elektrisch: 35.000 Ladeplätze werden benötigt, um die Bundesrepublik in E-Infrastruktur fit zu machen. Ein Großteil davon dürfte auf Autobahnen anfallen. Außerdem will die Bundesregierung elektronisch betriebene LKW-Systeme durch permanent verbundene Ladespuren auf die Autobahn bringen. Das wird derzeit in zwei kurzen Abschnitten getestet und soll mittelfristig bei absehbar steigendem Schwerlastverehr aufgrund von Just-in-Time-Systemen und Onlinehandel den Schadstoffausstoß reduzieren.

Den Autobahn-Kult forcierte auch die deutsche Band Kraftwerk. Mit dem Album "Autobahn" begann 1974 nicht nur die Transformation der Band von einer typischen experimentellen Krautrockband hin zu den reduzierten, elektronischen Klängen, die unzählige Bands der 80er inspirierte, sondern auch deren Durchbruch. Insbesondere in den USA hatten sie damit einen enormen Erfolg. Was möglicherweise daran liegt, dass der Refrain "Fahr'n fahr'n auf der Autobahn!" ähnlich klingt wie "fun fun fun at the Autobahn!". Als weiteres missgedeutetes deutsches Wort sorgt übrigens der Begriff "Ausfahrt" bei Amerikanern für Schmunzeln. Erinnert es doch ganz stark an den englischen Begriff "Fart". Bei insgesamt etwa 2100 Anschlussstellen gibt es da viel zu lachen.

Bleibt nur noch der Wunsch nach einer allzeit guten Fahrt, verbunden mit dem Hinweis, beim nächsten Stau auf eine Rettungsgasse zu achten. Die kann unter Umständen Leben retten. (Markus Will) / (jk)

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