Zahlen, bitte: 13 oder 12? Ein Rätsel gewinnt die Wahl

Mitunter ist es ein Rätsel, wie ein späterer US-Präsident die Wahl gewinnen konnte. Einmal gewann ein Rätsel die Wahl.

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Vor der Ankunft von Radio und Fernsehen gehörten Bilderrätsel und mathematische Rätsel in Illustrierten und Zeischriften, aber auch auf Handzetteln und Verpackungen zu den beliebtesten Werbeformen des 19. Jahrhunderts. 1896 entschied ein Bilderrätsel die Präsidentenwahl in den USA. Das "Get off the Earth Puzzle" wurde von den Republikanern lizenziert, in über 10 Millionen Exemplaren gedruckt und brachte dem Präsidentschaftskandidaten William McKinley den Sieg über seinen demokratischen Konkurrenten William Jennings Bryan. Es wurde vom Rätselerfinder Sam Loyd erdacht und vom späteren Polarforscher Anthony Fiala gezeichnet.

Im Jahr 1896 hatten die Republikaner ein Problem. Vor den anstehenden US-Wahlen reiste der demokratische Kandidat William Jennings Bryan durch das Land und hielt eine mitreißende Rede nach der anderen. Der republikanische Kandidat William McKinley war das genaue Gegenteil von Bryan: Er weigerte sich nämlich, seinen Landsitz in Canton, Ohio zu verlassen, weil seine Frau Ida schwer erkrankt und pflegebedürftig war.

Eines der "mörderischen Probleme der Mathematik? So funktioniert das Get off the Earth-Puzzle: Dreht man den Globus, also die innenliegende Scheibe des Kartons, verschwindet ein chinesischer Schwertkämpfer.

In ihrer Not wandten sich die Wahlkampfmanager an den landesweit bekannten Rätselerfinder und Schachspieler Sam Loyd. Er schlug ihnen vor, sein sehr erfolgreiches (patentiertes) Bilderrätsel "Get off the Earth" zu lizenzieren, das er für einen Immobilien-Projektentwickler in Bergen Beach bei Brooklyn "erfunden" hatte. Die Rückseite des kartonierten Werbegeschenkes könne man ja mit dem Parteislogan oder dem Wahlprogramm bedrucken.

Gesagt getan: Für McKinleys Wahlkampf wurden in den ganzen USA über zehn Millionen Exemplare gedruckt und an die Haushalte der Wähler geschickt. Auf der Vorderseite fragte Loyd nach Erklärungen, wie und wohin der chinesische Kämpfer verschwunden ist und druckte die Adresse seiner Rätselfirma ab. Bald trudelten täglich rund tausend Briefe ein, deren Adressen Loyd an die Republikaner und an mehrere Adress-Händler verkaufte. McKinley gewann die Wahl und wurde der 25. Präsident der Vereinigten Staaten.

Unter Historikern ist umstritten, ob bei diesem Wahlkampf das anti-chinesische Motiv eine Rolle gespielt haben kann. Vor dem Duell McKinley gegen Bryan gab es eine Partei, die kalifornische Workingman's Party, die mit ihrem Slogan "The Cinese must go" etliche Erfolge wie die Aberkennung aller Bürgerrechte für Chinesen erzielte. Von Sam Loyd und seinem Zeichner Anthony Fiala wurde das bestritten. Sie suchten nach vielmehr einer "dynamischen Figur", mit der sie das seit 1880 patentierte magische Eier-Rätsel in eine Kreisform überführen und damit selbst patentieren konnten.

Diese Übertragung des Reduktionsrätsels ist zweifelsohne das Verdienst von Sam Loyd und gehört zu den schönsten Rätseln der von seinem Sohn gesammelten Rätselanthologie. Loyd und Fiala produzierten später noch mehrere Varianten wie "Teddy and the Lions" über den Afrikaausflug von Theodor Roosevelt oder den "verschwindenden Radfahrer" für einen Fahrradhersteller.

"Get off the Earth" blieb das populärste Rätsel dieser Art. Auf der Weltausstellung von 1933 in Chicago, die unter dem Motto "Science Finds, Industry Applies, Man Adapts" veranstaltet wurde, ließ Robert Ripley vor seinem ersten "Odditorium" (Kuriositätenkabinett) eine mannshohe Variante des Rätsels aufbauen und engagierte Marktschreier, die mit einem Zeigestock die chinesischen Schwertkämpfer zählten und dann die Scheibe drehten. Das Odditorium zeigte zahlreiche weitere Rätsel und Seltsamkeiten und wurde mit über zwei Millionen Besuchern das beliebteste Gebäude der Weltausstellung. Später ging die Ausstellung unter dem Titel "Believe It or Not!" auf Tournee. (axk)