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Zahlen, bitte: 186.000 – Woodstock in Zahlen

Vor 50 Jahren versank das Woodstock-Festival im Morast, nur um später in der Erinnerung wieder aufzutauchen. Auch VR sollte dabei einmal helfen.

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Vor 50 Jahren ging in den Morgenstunden des 18. August 1969 an einem Montag das Woodstock-Konzert im US-amerikanischen Örtchen Bethel zu Ende. Jimi Hendrix, der teuerste Musiker des auf drei Tage angesetzten "Aquarian Exposition of Peace and Music", spielte auf seiner Gitarre eine Version der US-Nationalhymne, die symbolisch den Schlussstrich unter die 60er Jahre zog. Nur rund 35.000 Zuschauer hörten noch zu, der Rest befand sich auf einem Rückweg und steckte in einem 20 Meilen langen Stau auf dem New Yorker Thruway, der es als längster Stau ins Guinness-Buch der Rekorde brachte, zusammen mit den etwa 400.000 Besuchern von Woodstock. Den Organisatoren war zu diesem Zeitpunkt längst klar, dass Woodstock ein Misserfolg war: Sie hatten nur 186.000 Eintrittskarten verkaufen können und mussten obendrein die Einnahmen von 4062 nicht genutzten Eintrittskarten zurückzahlen. Erst der Mythos Woodstock brachte die Bilanz ins Positive.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

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Was heute als "Tagtraum von einer halben Million Aussteigern" gefeiert oder wahlweise als "größter Medienschwindel aller Zeiten" abgetan wird, hatte ein glückliches Ende, weil bis hin zur Polizei und den Anwohnern von Bethel alle bereit waren, am Mythos der friedlichen Tage mitzuwirken. Es gab 5162 medizinische Vorfälle, darunter über 400 Horror-Trips, die von den Mitgliedern der Hog Farm versorgt wurden, am Ende waren drei Tote zu beklagen. Das von Canned Heat besungene Going Up the Country galt als die geglückte Version der Kommerzialisierung der Hippie-Bewegung, die selbst mit der Begräbnis-Inszenierung der Diggers "Death of Hippie, Birth of Free" im Oktober 1967 in Haight Ashbury zu Grabe getragen war.

Doch war das, was heute ein zu Tode kommerzialisierter Massenbetrieb ist, dennoch ein Signal. Wie sagte es der Farmer Max Yasgur, der für 75.000 Dollar sein Land an die Veranstalter vermietete (plus 75.000 Dollar Kaution wegen der herumlaufenden Kühe): "Eine halbe Million junger Leute kann zusammenkommen und drei Tage lang Spaß und Musik haben und nichts außer Spaß und Musik haben. Und Gott wird es euch danken!" In dieser Form versöhnte Woodstock ein Amerika nach den Morden an Martin Luther King sowie John und Bob Kennedy und eben jenem Vietnamkrieg, dessen Echo noch bei Jimi Hendrix zu hören war.

Ganz so schlimm war der finanzielle Misserfolg freilich nicht: Michael Lang und Artie Kornfeld, die ursprünglichen Veranstalter, die eigentlich nur mit ein paar Bands den Bau ihres Musikstudios in Woodstock finanzieren wollten, stießen eines Tages auf eine Anzeige. In ihr suchten die Investoren Joel Rosenman und John Roberts neue Geschäftsmodelle, gern auch in der Gegenkultur. So entstand die Idee zum ganz großen Wurf mit einem Rockkonzert an der Ostküste, so war hinterher über die Eltern von Rosenman und Roberts eine finanzielle Absicherung da. Sie bezahlten zunächst die Schulden.

Nachdem die Sicherung funktionierte, wurden Lang und Kornfeld rausgeworfen und waren nicht mehr an den Tantiemen beteiligt, die danach zu fließen begannen. Denn Woodstock war in ganz anderer Hinsicht erfolgreich. "Lasst es uns sagen: Woodstock war für die Brieftaschen gemacht. Es war aufgebaut, um Geld zu scheffeln. Doch dann übernahm das Universum und tanzte", schilderte Wavy Gravy, der Gründer der Hog Farm. Nach Woodstock übernahm wieder das Geschäft das Ruder.

Computer spielten bei all dem keine Rolle. Der Soundingenieur Bill Hanley berechnete die nötigen Lautsprecher (später "Woodstock Bins" genannt) für das riesige natürliche Amphitheater nach einem Besuch des Geländes mit dem Rechenschieber. Das New Yorker Planungsbüro besaß viele Telefone und Schreibmaschinen, aber keinen Rechner. Im weiteren Sinnen ist der Woodstock-Teilnehmer Dan Bricklin zu nennen, der sich überlegte, wie sich die Ein- und Ausgaben in solch einem Gewusel unter Kontrolle halten lassen. Er entwickelte später die Tabellenkalkulation VisiCalc, die als Killer-Applikation den Personal Computer begleitete.

Was auf Woodstock folgte, war zunächst der Dokumentarfilm von Michael Wadleigh und Martin Scorsese, der bei einem Etat von 600.000 Dollar über 50 Millionen einspielte, einen Oscar bekam und auch künstlerisch mit seinem dreifach geteilten Filmbild überzeugen konnte. So waren nicht nur die Bands, sondern auch die Zuschauer im Bilde. Auch die Dreifach-LP wurde ein großer kommerzieller Erfolg und sicherte Atlantic Records das Überleben. Woodstock brachte den Durchbruch für einige bis dahin wenig bekannte Bands wie Ten Years After und Santana.

Der britische Sänger Joe Cocker wurde mit einem Beatles-Klassiker "With a little help from my friends" berühmt und etablierte in der Pop-Musik die neue Sparte, dass Künstler ausschließlich Songs anderer Künstler und Gruppen interpretierten. Cocker hatte Glück, dass er durch einen Riss in dem Schutz-Tarp nicht fast von der Bühne gespült worden wurde: Mit Woodstock begann die "Tradition", dass ein gutes OpenAir-Festival einen Schlammtag hat. Was Woodstock noch nicht aufzuweisen hatte, war der Verkauf von Memorabilia. Es gab keine T-Shirts, Tassen oder Wasserflaschen, nur ein kleines, ziemlich unscheinbares Programmheft mit der amerikanischen Spottdrossel auf der Gitarre, heute das Logo einer ganzen Reihe von Souvenirs, die im Woodstock-Museum erworben werden können.

Zum Mythos Woodstock gehört auch, dass sämtliche Versuche mit Jubiläumskonzerten nicht besonders erfolgreich waren. Dabei waren ganz andere Summen im Spiel. Bei Woodstock 1994 gab es zum 25. Jubiläum mit Apple und Pepsi Cola zwei Großsponsoren (was Woodstock I überhaupt nicht kannte), die jeweils um 6 Millionen Dollar zahlten, damit ihr Name präsent war. Polygram sicherte sich die Musikrechte für 34 Millionen Dollar. Apple hatte ein großes Zelt als Technologie-Pavillon aufgebaut, in dem es die Besucher einlud, mit Hilfe von "Virtual Reality" die Schlammszenen nachzuempfinden, die die Hippies anno 1969 genossen haben. Das Problem: Das in Saugerties veranstaltete Festival versank 1994 in einem noch größeren Regenschauer als das originale Woodstock. Wer im Schlamm steckt, möchte nicht noch eine VR-Version davon.

Auch zum 50. Jubiläum von Woodstock war ein Jubiläums-Konzert geplant. Das fiel nach einigen Anläufen und Umstellungen schlussendlich ins Wasser. Glaubt man dem Veranstaltungsveteran Michael Lang, wurden dabei seine Computer gehackt. (mho)