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Zahlen, bitte! 1971 – Geburtsjahr kommerzieller Arcade-Automaten

Das Gerücht "Pong war das erste Computerspiel" hält sich hartnäckig und ist Quatsch. Davor gab es bereits diverse Spiele. Aber nur wenige hatten mehr Gewicht als Computer Space. Es läutete 1971 das Arcade-Zeitalter ein.

1971 - Geburtsjahr der Arcade-Automaten

Computer Space gab es später auch als Automat für zwei Spieler

(Bild: Alex Handy, wikipedia, (CC BY 2.0))

Chicago vor 46 Jahren. Vom 15. bis 17. Oktober 1971 stecken Messebesucher Vierteldollar-Münzen in den Schlitz eines etwa mannshohen Automaten mit futuristischem Design. Auf dem Bildschirm öffnet sich ein schwarzer Himmel mit unzähligen Sternen. Zwei fliegende Untertassen nähern sich einer Weltraumrakete und eröffnen das Feuer …

Das, was sich im Herbst 1971 während der MOA Show (Music Operators of America Music & Amusement Machines Exposition) so oder so ähnlich zugetragen haben dürfte, bildete den Auftakt für den Siegeszug münzbetriebener Arcade-Automaten auf dem Massenmarkt. In den kommenden Jahren etablierten sich rund um den Globus unzählige Spielhöllen (Penny Arcades), in denen mindestens zwei Generationen ihr Taschengeld an Spieleautomaten zugunsten viereckig gespielter Augen verjubelten.

Die Schlacht in einer weit, weit entfernten Galaxie tobte auf einem Computer-Space-Automaten mit monochromem 15-Zoll-Röhrenmonitor und blechernen Soundeffekten. Triebwerke und Bordgeschütz steuerte der Spieler mit vier Tasten. Eigentlich favorisierten die Entwickler einen Joystick – dieser stellte sich in Tests aber als zu wenig robust heraus. An dieser Stelle darf kurz in C64-Winter-Games-Erinnerungen geschwelgt werden.

Zurück in den Weltraum: Ziel von Computer Space war, die Rakete möglichst effektiv gegen die beiden UFOs zu verteidigen und in einer vorgegebenen Zeit mehr fliegende Untertassen vom Himmel zu holen, als man selbst Treffer einsteckte. Nur so konnte man sich eine Zeitverlängerung erspielen. Abgeschossene UFOs und Raketen "spawnten" nach Abschüssen immer wieder neu. Hatten die Untertassen am Ende des Zeitfensters besser gezielt, endete die Runde und man musste gegebenenfalls Münzen hinterherschieben. Den Punktestand blendete der Automat am rechten Bildrand ein, ebenso die verstrichene Zeit. Kollisionen zwischen Rakete und UFO führten zu einem Punktgewinn auf beiden Konten.

Der Weltraum, ein "Raumschiff", UFOs und Ballerei ... Klingt das irgendwie vertraut? Kein Wunder: Atari recycelte mit seinem 1979 veröffentlichten Asteroids Teile des Computer-Space-Konzepts und erreichte damit eine deutlich größere Fangemeinde. Dabei handelte es sich keineswegs um geistigen Diebstahl. Denn entwickelt wurde Computer Space von Nolan Bushnell und Ted Dabney, die im Juni 1972 Atari, Inc. höchstselbst gründeten. Asteroids wurde zu einem großen Erfolg für Atari, den man heute bequem in der Atari Arcade im Browser zocken kann – vorausgesetzt man ist noch so verrückt und nutzt Flash. Das Internet Archive macht es besser, dort klappt's auch ohne Flash mit der Asteroids-Version für Atari 7200 von 1987.

Für das futuristische Design des Automaten sorgte Nolan Bushnell selbst: Während der Prototyp noch im kastigen Holzgewand daherkam, verpasste der spätere Atari-Mitgründer der Arcade-Machine schlussendlich futuristische Rundungen und ein Gehäuse aus Fiberglas. Letzteres wurde von einem Swimming-Pool-Hersteller gefertigt und das Endresultat in vier Farben angeboten. Nach Aussage Bushnells verkaufte sein Unternehmen zwischen 1300 und 1500 Exemplare – ein kommerzieller Erfolg im noch blutjungen Markt der Computerspiele. Ganz zufrieden waren die Erfinder mit dem Verkaufsergebnis selbst nicht. Sie begründeten das mit der Komplexität der Steuerung für Personen, die vorher noch nie mit Computerspielen zu tun hatten und den suboptimalen Aufstellorten der Automaten in Bars. Zum Vergleich: Vom Asteroids-Automat von 1979 wurden über 70.000 Einheiten verkauft.

Computer Space legte nicht nur den Grundstein für kommerzielle Arcade-Maschinen und verhalf damit auch der Videospiel-Industrie und dem Arcade-Genre zum Durchbruch, sondern war auch das erste Videospiel, das in einem Film auftauchte: 1973 in "Soylent Green" (YouTube). Einen weiteren, etwas versteckteren Auftritt feierte die Maschine in einer Strandszene in "Der weiße Hai" (YouTube)". Im verlinkten Trailer sieht man ein gelbes Exemplar ab circa Sekunde 16 kurz neben der Arcade-Machine "Killer Shark". So viel Ruhm, so viel Ehre, so ein denkwürdiges Datum – wer oder was war Pong doch gleich?

Weltraumschlachten anno 1971: Computer Space in Aktion.

(mre)

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