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Technology Review

Zahlen, bitte! 22 Stunden pro Woche online

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat ermittelt, das Jugendliche und junge Erwachsene in der Woche durchschnittlich 22 Stunden online sind. Ein Grund Alarm zu schlagen?

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Zahlen, bitte! 22 Stunden pro Woche online

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft und der Mathematik vor.

Morgens geht der erste Blick aufs Smartphone, beim Warten auf Bus oder Bahn werden die sozialen Medien gecheckt und abends wird noch das Online-Spiel weitergezockt – für viele Menschen ist das Internet der tägliche Begleiter, zumal er in Form des Smartphones in die Hosentasche passt. Besonders junge Menschen nutzen vorrangig das Smartphone, um ins Internet zu gehen. Aus der jüngsten Erfassung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geht hervor, dass Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 25 Jahren durchschnittlich 22 Stunden pro Woche online sind, also rund drei Stunden pro Tag. Sie nutzen dabei das Internet privat und nicht für Schulzwecke, Universität oder die Arbeit.

Die BZgA hatte zwischen März und Juni 2015 7.004 Personen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind in der Studie "Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015" aufbereitet. Vier von fünf Jugendlichen (80,6 Prozent) von 12- bis 17-Jährigen waren demnach täglich zur Kommunikation im Internet unterwegs, das heißt in sozialen Netzwerken, Messaging-Diensten, Mailprogrammen oder Online-Communities. Mädchen nutzten diese mit 84 Prozent stärker als Jungs mit 77 Prozent. Anders sieht es aus, wenn es um Computerspiele geht. Jeder vierte Jugendliche (24 Prozent) gab an, täglich am PC, Laptop oder ähnlichem zu spielen. Auf Jungs traf das zu 36 Prozent zu, auf Mädchen zu 11 Prozent.

In der Gruppe der jungen Erwachsenen von 18 bis 25 Jahren sieht die Rangfolge der Nutzungszwecke des Internets ähnlich aus. Auch hier dominiert bei der täglichen Nutzung die Kommunikation, gefolgt von Unterhaltung (Musik hören, Videos anschauen), Information (Nachrichtenseiten, Wikipedia, Suchmaschinen), Computerspiele und Einkaufen. Es zeichnet sich ein ähnliches Bild: Weibliche Nutzer kommunizieren mehr, während männliche Nutzer mehr Unterhaltungs-, Informations- und Spieleangebote nutzen. Insgesamt nutzten aus dieser Gruppe 94,4 Prozent das Internet täglich für eines dieser Angebote. Bei den Jugendlichen im Alter von 12 bis 17 Jahren traf dies auf 88,3 Prozent zu.

(Bild: BZgA / Faktenblatt zur Studie)

Anhand dieser Zahlen schlagen Personen wie die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, und die Leiterin der BZgA, Heidrun Thaiss, Alarm. Sie sprechen von 270.000 Jugendlichen, die abhängig von Internetanwendungen sind. Aus der Befragung ging hervor, dass bei insgesamt 5,8 Prozent der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen von einer computerspiel- und internetbezogenen Störung auszugehen ist. Weibliche Jugendliche waren mit 7,1 Prozent stärker betroffen als männliche Jugendliche mit 4,5 Prozent. Im Vergleich zur Studie von 2011 stellt der aktuelle Anteil bei den weiblichen Betroffenen nahezu eine Verdopplung dar (von 3,3 Prozent auf 6,2 Prozent), bei den männlichen Jugendlichen steigerte sich der Anteil von 3 auf 5,3 Prozent. Grundlage für diese Einschätzung gaben mindestens 30 Punkte an der Compusive Internet Use Scale (CIUS).

Dennoch ist nicht unstrittig, ob eine häufige Nutzung des Internets mit einer Internetsucht, also einem Krankheitsbild, vergleichbar ist. Bert te Wildt, ärztlicher Psychotherapeut an der Uniklinik Bochum, startete im vergangenen Jahr eine "Online-Ambulanz für Internetsüchtige" (OASIS). Er spricht im Interview mit Technology Review von einer Internetsucht, wenn der Betroffene über mindestens einen Lebensbereich die Kontrolle verliert. Das kann der Bereich Leistung (Schule, Ausbildung, Studium, Beruf), soziale Beziehungen oder die körperliche Unversehrtheit (Unter- oder Überernährung) sein. "Wenn Menschen immer weiter online bleiben, obwohl ihnen ein Lebensbereich nach dem anderen wegbricht, dann ist die Grenze zum Kranksein überschritten", sagt te Wildt. Zum Auftakt der Gamescom 2016 hatte er die Einrichtung vorgestellt. Mittlerweile haben nach seinen Angaben knapp 10.000 Menschen den Selbsttest auf der Website gemacht. „150 Menschen, bei denen sich dadurch ein Verdacht ergeben hat, haben sich bei OASIS angemeldet, nehmen also an dem intensiv betreuten Programm mit webcam-basierten Online-Sprechstunden teil“, berichtet te Wildt auf Nachfrage.

Der Ansatz dieser Online-Ambulanz ist es, die Betroffenen genau dort anzusprechen, wo die Sucht entsteht. "Aber die Krönung ist es für uns dann, wenn wir die Betroffenen tatsächlich in eine vor Ort vertretene Ambulanz oder eine Beratungsstelle lotsen können", sagt der Psychotherapeut. (jle)

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