Zahlen, bitte! 4791 Fälle in Deutschland - die Tuberkulose ist hartnäckig

Heute vor 138 Jahren stellte Robert Koch seine Forschungen zum Tuberkulose-Bakterium vor. Dafür erhielt er 1905 den Nobelpreis für Medizin.

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Nach vierjähriger Forschungsarbeit konnte vor 128 Jahren der Arzt Robert Koch in Berlin einem Kreis von Medizinern seine Erkenntnisse zum Mycobacterium tuberculosis vorstellen. Dabei präsentierte Koch blau eingefärbte Fotografien der Bakterien. "In Zukunft wird man es im Kampf gegen diese schreckliche Plage des Menschengeschlechts nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas, sondern mit einem fassbaren Parasiten zu tun haben." Noch am selben Tag machte sich sein Schüler Paul Ehrlich daran, den Nachweis mit einer anderen Technik der Einfärbung zu verbessern.

Mit dem Fixieren, Einfärben und Fotografieren von Bakterien setzte Koch in der Medizin einen neuen Standard. "Von der höchsten Bedeutung für die Erforschung von Mikroorganismen ist die photographische Abbildung derselben. Wenn irgendwo eine rein objektive, von jedem Voreingenommensein freie Auffassung nothwendig ist, so auf diesem Gebiete", erklärte Koch. Bis zu seinem Durchbruch übten sich die Mikroskopierer darin, das zu zeichnen, was sie mit eigenen Augen sahen.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Die Tuberkulose verursacht mehr Todesfälle als jede andere Infektionskrankheit. Nach den zum Welttuberkulosetag veröffentlichten Zahlen des Robert Koch-Instituts erkranken jährlich etwa 10 Millionen Menschen, von denen 1,4 Millionen an der Infektion sterben. In Deutschland ist die Zahl der Erkrankungen rückläufig: Im Jahr 2019 wurden dem Institut 4791 Fälle gemeldet (2018: 5492).

Heute erfolgt die Behandlung mit bis zu vier verschiedenen Antibiotika, die über einen Zeitraum von zwölf Monaten genommen werden müssen, was große Disziplin erfordert. Deutschland hat sich nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, bis 2035 die Fallzahlen der Tuberkulose auf eine Erkrankung pro 100.000 Einwohner zu senken.

Als Robert Koch 1880 nach der Erforschung des Milzbranderregers und der Wundinfektionskrankheiten damit begann, sich mit der Tuberkulose zu beschäftigen, sah die Lage ganz anders aus. Tuberkulose war eine endemische Krankheit, die die Industrialisierung begleitete, aber auch auf dem Lande anzutreffen war, wo sie als bovine Tuberkulose über die Rohmmilch übertragen wurde. Jeder zweite Todesfall wurde im Jahr 1880 in Deutschland durch die Tuberkulose verursacht, die besonders in den Armenvierteln der Städte grassierte.

Koch experimentierte am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin so lange mit Nährböden und Tuberkulosekulturen und Einfärbungstechniken, bis er den eindeutigen Nachweis führen konnte, dass die Tuberkulose von Tuberkelbazillen ausgelöst wird. Damit stellte er sich gegen andere Ansichten, die in der Tuberkulose eine erbliche Krankheit sahen oder sie mit giftigen Bodendämpfen (Miasmen) in feuchten Armenvierteln erklärten. Neben seiner Beharrlichkeit, mit Bakterienkulturen auf Nährböden zu experimentieren und durch "Photogramme" zu dokumentieren, kam ihm zugute, dass er von der Firma Zeiss regelmäßig mit den neuesten mikroskopischen Entwicklungen versorgt wurde.

So arbeitete er als einer der ersten mit dem Ölimmersionsystem von Ernst Abbe und schrieb der Firma: "Recht oft habe ich, wenn ich Ölsysteme benutzte, mit Bewunderung und Dankbarkeit der Zeissschen optischen Werkstätte gedacht, verdanke ich doch einen grossen Teil der Erfolge, welche für die Wissenschaft zu erringen mir vergönnt war, Ihren ausgezeichneten Mikroskopen."

In Ernst Abbe traf Koch auf einen Förderer der Wissenschaft, der wie Conrad Wilhelm Röntgen bewusst auf jede Patentierung verzichtete. Abbe schrieb 1886 im Verkaufsprospekt: "Wie alle Arbeiten unserer Firma stehen auch diese Neuerungen ganz auf dem Boden freister Konkurrenz. Die von uns benutzten Gläser sind mit unserer eigenen Beihilfe schon jetzt jedem zugänglich, und kein Optiker ist im geringsten behindert, die gleichen Linsen anzufertigen, so gut und so billig er vermag." Die Revolution der Medizin durch Robert Koch hatte eine technische Grundlage.

Mit seiner Ausrüstung, zu der auch ein Reisemikroskop gehörte, machte sich Robert Koch 1883 daran, den Erreger der Cholera zu bekämpfen, die als "asiatische Hydra" auch in Deutschland grassierte. Er reiste mit einem Forscherteam nach Kalkutta, wo es ihm gelang, das Cholera-Bakterium zu identifizieren. Er konnte 1884 den Nachweis führen, dass die Cholera durch verunreinigtes Trinkwasser übertragen wird, was in der Bekämfung der Hamburger Choleraepidemie unter seiner Leitung zur Sanierung des Trinkwassersystems führte. Zeit seines Lebens wurde Koch als Entdecker des Cholera-Erregers gefeiert, doch hatte vor ihm der italienische Mediziner Filippo Pacini bereits 1854 den Erreger unter dem Mikroskop gesichtet und beschrieben. (anw)