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Zahlen, bitte! 5330 Tonnen Glyphosat auf deutschen Äckern

Verbieten oder eingeschränkt zulassen? Die EU-Kommission wartet auf die wissenschaftlichen Ergebnisse der EU-Agentur für Chemische Produkte zum Einsatz von Glyphosat. Derweil wird ein interessanter Trend deutlich.

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Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

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Weltweit regnen pro Jahr 720.000 Tonnen des Unkrautkillers Glyphosat auf die Felder, mehr als von jedem anderen Herbizid. In Deutschland wird mehr als ein Drittel aller Felder damit bespritzt. Gleichzeitig ist kein Mittel derart umstritten. Für die einen ist Glyphosat die größte Errungenschaft der modernen Pflanzenforschung, für Kritiker dagegen ein Verbrechen an Mensch und Umwelt. Sie prangern Schäden für die Artenvielfalt an, weil dem Gift nicht nur die Unkräuter, sondern auch alle anderen Pflanzen zum Opfer fallen. Vor allem aber fürchten sie eine krebserregende Wirkung. Für Kritiker kann daraus nur ein Verbot folgen. Doch Experten warnen: Die Abkehr ist nicht automatisch besser für die Umwelt, zudem kann sie teuer und sehr langwierig werden.

Während die EU-Kommission die Zulassung von Glyphosat um 18 Monate verlängert hat, deutet sich bereits jetzt ein Trend beim Einsatz an. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage des Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht, landeten im Jahr 2014 5330 Tonnen Glyphosat auf deutschen Äckern. 2012 waren es noch 5941 Tonnen, in der Landwirtschaft nimmt der Gebrauch also ab. Eine Wendung in die andere Richtung lässt sich beim privaten Einsatz des Herbizids erkennen, also bei den Haus- und Kleingärtnerbesitzern. Sie versprühten 2014 insgesamt 95 Tonnen auf ihre Flächen, 2012 waren es nur 40 Tonnen.

Quelle: Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Was wenn Glyphosat vom Markt verschwindet, was ist damit wirklich gewonnen? Im Vergleich zu anderen Herbiziden gilt Glyphosat als eher umweltschonend. "Es ist sehr schwer, neue Substanzen zu entwickeln, die vergleichbare Wirkungen wie Glyphosat erzielen und deutlich besser in Bezug auf Nebenwirkungen sind", sagt Lothar Willmitzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Pflanzenphysiologie. Daher hat sich lange Zeit kaum ein Konzern an diese Aufgabe herangewagt. Das hat sich erst geändert, seit in den USA die ersten Unkräuter Resistenzen gegen Glyphosat herausbilden. Konzerne wie Syngenta, Bayer oder BASF haben ihre Aktivitäten in diesem Bereich inzwischen wieder hochgefahren. "Aber bis es Ergebnisse auf dem Markt gibt, kann es noch bis zu zehn Jahre dauern", sagt Willmitzer.

Gelb oder grün? Die gelbe Färbung links ist das Ergebnis einer Behandlung mit Glyphosat.

(Bild: Ingo Bartussek/ Fotolia)

Auf absehbare Zeit realistischer sind daher engere Vorgaben für den Einsatz von Glyphosat. Die EU-Kommission empfiehlt, beispielsweise den Einsatz in öffentlichen Parks und Spielplätzen zu minimieren und das Herbizid möglichst nicht kurz vor der Ernte zu spritzen. Diese sogenannte Sikkation ist in Deutschland bereits eingeschränkt, um Rückstände auf den Nahrungsmitteln möglichst zu vermeiden. Nun will die EU sie auch in anderen Ländern minimieren.

Der Markt für Glyphosat dürfte also ziemlich sicher schrumpfen. Am Ende wird das Pflanzengift sogar ganz verschwinden – wenn auch nicht zwangsläufig durch ein Verbot. "Wegen der Resistenzen, die sich inzwischen bei Unkräutern gegen Glyphosat bilden, wird das Mittel in vielleicht 15 Jahren sowieso vom Markt verschwunden sein", sagt Lothar Willmitzer. Spätestens dann stellt sich die Frage erneut: Was kommt danach?

Mehr zum Thema Glyphosat lesen Sie auch in der aktuellen Ausgabe der Technology Review (im Handel erhältlich oder im heise shop bestellbar).

(jle)