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Zahlen, bitte! 699 Computer aus dem Ural

Vor 100 Jahren wurde der sowjetische Computerpionier Baschir I. Ramejew in Baimak geboren. Er entwickelte eine Reihe von Computern, die er nach seiner Heimat Ural-1 bis Ural-16 benannte. Von ihnen wurden 699 Stück gebaut.

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Zahlen, bitte! 699 Computer aus dem Ural

Baschir I. Ramejew, geboren am 1. Mai 1918 in Baimak (Baschkirien), stammte aus einer begüterten Familie von Bergwerksbesitzern. Sein Großvater war zudem ein tatarischer Politiker, der in der ersten Duma als Liberaler engagierte. Sein Vater Iskander Ramejew studierte an der Bergakademie Freiberg und machte eine Reihe von Erfindungen, die den Goldabbau im Ural revolutionierten. Bei den stalinistischen Säuberungen wurde er 1938 als "Internationalistischer Trotzkist" verhaftet und verstarb 1943 in einem Straflager.

Baschir Ramejew studierte zu dieser Zeit bereits Elektrotechnik an der renommierten technischen Universität in Moskau, die nach der Verhaftung des Vaters verlassen musste. Zu diesem Zeitpunkt war er noch privilegiert: Er hatte als Schüler eine funkgesteuerte Modelleisenbahn gebaut und wurde damit noch vor seinem 18. Geburtstag, dem Mindesteintrittsalter, ein Mitglied des allrussischen Erfindersowjets. Diese frühe Ehrung führte dazu, dass Ramejew trotz seines Malus als "Volksfeind-Verwandter" 1940 zum Armeedienst akzeptiert wurde. Dort beschäftigte er sich zunächst mit kryptologischen Problemen, ehe er 1943 in der zweiten Schlacht um Kiew als Nachrichtentechniker eingesetzt wurde.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft und der Mathematik vor.

Russische Kybernetik

Als Radiofachmann hörte Ramejew regelmäßig BBC und erfuhr dadurch im Jahre 1944, dass in den USA ein Computer namens ENIAC gebaut wurde, lange bevor das Publikum über die Existenz von ENIAC aufgeklärt wurde. Ramejew arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Zivilist am Institut von Alexander Ivanowitsch Berg, dem Erfinder des russischen Radarsystems und dem späteren Begründer der russischen Kybernetik. Berg erkannte sofort die Bedeutung von Ramejews Vorschlag, einen Computer zu bauen. Er brachte ihn mit Isaak Semenowitsch Bruk zusammen. In nur vier Monaten entwickelten und patentierten Bruk und Ramejew die Grundlage für die russischen Computer nach der von Neumann-Architektur.

Als stellvertretender Chefentwickler wurde Ramejew nach einem kurzen Intermezzo als Lehrer zum Spezialbüro 245 geschickt, wo 1953 der Computer Strela entwickelt und gebaut wurde. Strela (übersetzt der "Pfeil") hatte höchste Priorität, denn die Rechner wurden gebraucht, um die Flugbahn des Sputnik-Satelliten zu berechnen, dem Schock des Jahrhunderts. Für seine Arbeit am Strela wurden Ramejew und das gesamte Team 1954 mit dem Staatspreis der UdSSR ausgezeichnet, nicht schlecht für einen politisch "Belasteten". Noch wichtiger: Ramejew bekam erstmals einen Raum in einer Wohngemeinschaft zugeteilt. Bis dahin musste er häufig umziehen, da langfristige Vermietungen eben wegen der Familien-Vorgeschichte nicht möglich waren.

Baschir Ramejew 1980

(Bild: Anya Belkina, gemeinfrei)

Vom Röhren-Computer zum Halbleiter-Rechner

1955 wechselte Ramejew vom Spezialbüro 245 nach Penza, um dort direkt bei der Kleinserien-Produktion des von ihm entwickelten Röhren-Computers Ural-1 (183 Exemplare) fortlaufend Verbesserungen zu verbauen. Auf Basis des Ural-1 wurden Spezialrechner wie der Pogoda ("Wetter") entwickelt, dann folgte der Ural-2, schließlich kam mit Ural-11 und Ural-14 der Sprung zur Halbleitertechnik. Von diesen Computern der 2. Generation wurden 123 respektive 201 Exemplare gebaut. Im Vergleich zu den belorussischen Minsk-Computern und den MESM- und BESM-Rechnern waren dies vielleicht kleine Stückzahlen, doch viele Veränderungen für Spezialeinsätze wie in der Meteorologie oder Radarauswertung machten das wett.

Bei den Vorarbeiten zu 3. Computergeneration wurde Ramejew mit dem Problem konfrontiert, dass die UdSSR zwar ein Sammelsurium von Computern baute, doch diese untereinander absolut inkompatibel und mindestens eine Rechnergeneration Rückstand auf die westliche Computertechnik aufwiesen. 1961 wurde er Leiter des Wissenschaftlichen Forschungsinstituts für Steuerungsrechenmaschinen (NIIUVM) in Penza und verschickte 1963 ein Memorandum, in dem er eine Reihe kompatibler Rechner forderte, die universell mit ausländischen Rechnern austauschbar sein sollten. Die Idee fand zunächst keinen Zuspruch, doch als im Jahre 1968 das Wissenschaftliche Forschungszentrum für elektronische Rechentechnik (NICEVT) gegründet wurde und Ramejev dort einen Chefposten bekam, sah die Sache anders aus.

"Brandgefährliche" Nachbauten

Inzwischen hatte IBM sein System/360 vorgestellt und mit dem perfekten Computer dem Ostblock gezeigt, wohin die Reise geht. Ramejew suchte einen unverdächtigen Anschlusspunkt an diese Reise mit eigenständigen Entwicklungsmöglichkeiten und fand ihn in Gestalt der britischen ICL und ihres System-4. Die Rechner fußten systemtechnisch auf der Spectra 70 von RCA, die ihrerseits eine Varianten der Systemarchitketur des IBM System/360 darstellte. Die Hoffnung von Ramejew wie der damals kriselnden englischen Computerindustrie war, dass die USA dieser verdeckten Form des Anschleichens an IBM-Technik trotz harter CoCom-Auflagen ihre Zustimmung geben würden.

Premierminister Edward Heath wurde vorgeschickt, eine Ausfuhrgenehmigung von US-Präsident Nixon zu erhalten, ein Wunsch, den der CIA in einem Memo als brandgefährlich charaktersisierte. Schließlich könnte der Rechner auch für militärische Rechenzwecke eingesetzt werden, ohne dass dies jemand kontrollieren könnte.

IBM-Kompatibilität

Mit dem Scheitern dieses Umsteige-Projektes entschieden sich die Ostblockstaaten für die illegale Variante, die direkte IBM-Kompatibilität. Rijad, die "Reihe" kompatibler Computersysteme, konnte sich darauf verlassen, dass die Auslandsaufklärung der DDR einen probaten Weg gefunden hatte, einen "Kundschafter" so bei IBM zu plazieren, dass sämtliche IBM-Unterlagen schon vom Prototyping an ihren Weg in die DDR fanden. In einer Sitzung aller RGW-Staaten beschloss man im April 1969 unter Verweis auf die "glänzenden Vorarbeiten der DDR" das IBM System/360 als Referenzarchitektur für das sozialistische Einheitssystem zu nehmen. Der von IBM etwas unfreiwillig angeleitete Rechnerbau wurde "einer der erfolgreichsten transnationalen Kooperationsprojekte des Ostblocks."

Baschir Ramejew trat noch am Tag der Entscheidung von allen Posten und Bauprojekten zurück. Ihm war klar, dass eine eigenständige Weiterentwicklung von russischen Computern keine Chance mehr hatte. Bis zu seinem Tod am 16. Mai 1994 verfolgte er dennoch die Entwicklung der Industrie. Von 1971 bis 1990 arbeitete er als Gutachter beim Staatskomitee für Technologie und bewertete die Computerprojekte anderer Wissenschaftler. (jk)

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