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Zahlen, bitte! 95 Bit in einem Strichcode

Der Strichcode macht die ganze Warenwelt mit einem Wisch über einen Scanner erfassbar und vereinfacht viele Arbeiten enorm.

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Zahlen, bitte! 95 Bit in einem Strichcode

Einfach mit dem Scanner einlesen: Der Barcode macht die ganze Warenwelt schnell erfassbar und erleichtert in der Logistik und (nicht nur) an der Supermarktkasse die Arbeit enorm. Der Gedanke dahinter ist verblüffend einfach: Ein Binärcode wird einmal pro Produktionsreihe vergeben und an der Verpackung angebracht. Damit lässt sich ein so markierter Artikel ohne weiteren Aufwand global in allen kompatiblen Warenwirtschaftssystemen durch einen Scan einlesen und vereinfacht damit die Preisangabe an der Kasse und Artikelverwaltung enorm, da die Preisauszeichnung entfällt. Und nebenbei lässt sich genau nachvollziehen welche Waren wie oft abverkauft werden. Eine große Zeit- und Kostenersparnis.

Beispiel eines EAN-Codes: Wie jede Zahl wird auch die 4 durch zwei unterschiedlich dicke schwarze Balken innerhalb des 7er-Strichfeldes dargestellt. Die Abstandshalter, die die 6-Ziffern-Gruppen trennen, sind hier grün markiert.

(Bild: Anomie (CC BY-SA 3.0))

Eine Global Trade Item Number (European Article Number EAN ist als früherer Name noch gebräuchlicher) ist eine 13-stellige Nummer; sie wird in 95 hellen oder dunklen Strichbereichen dargestellt: zwei Randstriche von je 3 Bit, ein Mittenmarker à 5 Bit, 12 Ziffern à 7 Bit (ergibt in der Summe: 2 × 3 + 5 + 12 × 7 = 95).

Die EAN unterteilt sich in eine sieben bis neunstelligen Basisnummer auf der einen Seite, welche sich aus der dreistelligen Länderkennzahl (z.B. 400 bis 440 für Deutschland) und der vier-. bis siebenstelligen Unternehmensnummer sowie der in Abhängigkeit dazu drei bis fünfstelligen Artikelnummer auf der anderen Seite plus einer Prüfnummer. Dieser Binärcode wird nahezu weltweit durch die Global Standards One-Gruppe (GS1) nur einmal vergeben.

Angefangen hatte es mit einer Idee. Bernard Silver, 1948 grade frischgebackener Bachelor der Elektrotechnik am Drexel Institute of Technology, lauschte zufällig dem Gespräch eines Ladenkettenbesitzers mit den örtlichen Dekan. Dieser wünschte sich für seine Läden ein System zur einfachen automatischen Warenerfassung über die Kasse und fragte nach der Realisierbarkeit, was der Dekan vorerst verneinte. Von diesem Gespräch erzählte Silver seinem Studienfreund Norman Joseph Woodland; beide waren fasziniert von der Idee und begannen nach einer Lösung zu suchen.

Nach eher unbefriedigenden Versuchen mit fluoreszierender Tinte kam Woodland bei Strandspaziergängen auf die bahnbrechende Lösung: Von Morsezeichen inspiriert malte er Linien in den Sand und das gab ihm die Inspiration verschieden dicker Balken, die man nur einlesen müsse. Im gleichen Jahr entwickelten sie daraus ein Patent, welches 1952 als US Patent 2,612,994 genehmigt wurde, damals noch in Form von Strichkreisen.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und natürlich der Mathematik vor.

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Die Theorie klang gut, aber der technische Stand ließ die Realisierung noch nicht zu. Beide erkannten das schnell und verkauften das Patent noch im gleichen Jahr für 15.000 Dollar. In größerem Maßstab funktionierte das Prinzip besser: Mitte der 60er gab es mit dem KarTrak-System ein ähnliches Balkensystem, mit denen sich immerhin schon Eisenbahnwaggons scannen ließen.

Erst nach Ablauf des Patents im Jahr 1969 nahm die Idee weiter Fahrt auf. IBM, bei denen Woodland seit 1952 arbeitete, lieferte sich mit RCA als letztem Patentbesitzer einen Wettlauf um das erste praktikable System, was aufgrund von technischen Schwierigkeiten zu Verzögerungen führte. 1973 wurde dann der Uniform Product Code (UPC), ein 12-stelliges standardisiertes Codesystem, veröffentlicht.

Am 26. Juni 1974 um 8:01 Uhr war es so weit: In einem Supermarkt in Troy (Ohio) zog Verkäuferin Sharon Buchanan einen 10er-Pack Kaugummis über den Scanner: Die Kasse zeigte korrekt 67 US-Cent an. Mit dieser ersten geglückten Transaktion bewiesen die Macher die prinzipielle Markttauglichkeit des Systems. Europa entwickelte 1977 mit der European Article Number ein dazu weitgehend kompatibles System, welches allerdings eine Stelle mehr aufweist als das amerikanische UPC-Pendant.

Trotzdem setzte sich das System nur langsam durch: Einerseits, weil die ersten Scanner noch sehr teuer und anfällig waren; andererseits, weil eine solche Umstellung sich sehr anspruchsvoll gestaltete.

Heutzutage kommt keiner am Barcode vorbei: Egal, ob man einkaufen geht, am Automaten Leergut abgibt oder ob man in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Irgendwo wird immer ein Barcode erfasst. Schätzungen zufolge sollen über 90 Prozent der weltweiten Waren in den Strichcodes nach EAN/UPC gefasst sein.

Der Siegeszug des Strichcodes reicht sogar bis ins fiktive norddeutsche Dorf Stenkelfeld. Allerdings spart man sich dort die sündhaft teuren Lesegeräte und setzt auf die geistige Leistungsfähigkeit der Kassenkräfte.

Den Siegeszug des Barcodes bekam Bernard Silver nicht mehr mit. Er verstarb bereits 1963 bei einem Verkehrsunfall. Norman Joseph Woodland wiederum erlebte es bis ins hohe Alter: Erst 2012 verschied der Barcode-Pionier. Beide wurden für ihr revolutionäres System in die amerikanische exklusive National Inventors Hall of Fame aufgenommen.

In der Popkultur hat sich der Strichcode auch verewigt, wenn auch vielleicht nicht so intensiv wie zum Beispiel die Emojis (siehe das Zahlen, bitte!): Anfang der 1990er kam mit dem Barcode-Battler eine Art Handheld heraus, welcher als besonderes Feature einen Strichcode-Leser besaß, mit dem man für den Kampf gegen den Mitspieler über Barcodes die Stärken des eigenen Kämpfers aufladen konnte – sowohl über mitgelieferte Karten, als auch über beliebige weitere Strichcodes.

War der Barcode-Battler in Japan noch ein Überraschungserfolg, ging er später in Europa im Kampf um die junge Endkundschaft gegen Gameboy und Game Gear aufgrund der doch arg primitiven LCD-Grafik und des piepsigen Sounds hoffnungslos unter. Daran änderte später auch nichts die Kompatiblität zu einzelnen Super Nintendo-Spielen über einen Adapter. Was bleibt ist eine Spielgerät mit dem Charme einer Mischung aus “Inventur trifft Pokémon Go“ (nur ohne Grafik) und die Legende, dass das Gerät in Japan bei einer bestimmten Instant-Suppe für enorme Hamsterkäufe durch Jugendliche gesorgt haben soll, da der Strichcode auf der Verpackung angeblich einen besonders starken Kampfwert erzeugte.

Der Barcode-Battler: Bei der Werbung bekommt man doch direkt Lust gegen einen fast-Sumoringer anzutreten.

Selbst zwei Verschwörungstheorien ranken sich um den Strichcode: Einerseits wird in einschlägigen Kreisen behauptet, dass die drei Zeichentrenner in jedem Barcode jeweils eine 6 erzeugen und somit zusammen die teuflische Zahl 666 bilden. Dem widerspricht aber die Tatsache, dass es sich um verschiedene Zeichen handelt, die zudem nur eine Trennerfunktion haben (und nur mit Fantasie könnte man höchstens aus dem rechten Zeichen eine 6 nach EAN deuten).

Noch wilder ist die Theorie, dass der Barcode irgendeine Art von Strahlung empfange, aussende beziehungsweise sie bündele und dadurch die Qualität der Produkte beeinträchtige. Aber es gibt eine Abhilfe: Der professionelle Verschwörungstheoretiker streicht den Barcode einfach durch. Das steht so im Internet. Im Internet! Dann muss das doch stimmen1!1!elf Selbst manche Firmen (die wohl mit entsprechender Kundschaft rechnen und schon mal recht interessante Begründungen anführen), kleben auf ihre Produkte durchgestrichene Barcodes.

Weitere Varianten von Strichcodes (z. B. Code 93 oder Code 128) gibt es sowohl in der produzierenden Industrie, wie auch bei Logistikdienstleister und bei vielen anderen Unternehmen, die viel und oft Ware mit vielen Informationen erfassen müssen. Der QR-Code, welcher mittlerweile für das Aufrufen von Links über die Smartphone-Kamera genutzt wird, ist ein 2D-Barcode und entstammt ursprünglich aus der Autoindustrie. Mittlerweile gibt Varianten auch in 3D und sogar in 4D als animierte Barcodes.

Eine Weiterentwicklung des Barcode-Prinzips steckt in den RFID-Chips. Hierbei lassen sich viel mehr Daten unterbringen und so der komplette Weg des damit markierten Artikels individuell weiterverfolgen, was in der Logistik neue Chancen bietet, aber auch Datenschützer die Hände über den Kopf zusammenschlagen lässt. Daher wird der klassische Barcode voraussichtlich noch lange bestehen bleiben. (vza)