zurück zum Artikel

Zahlen, bitte: Alexander von Humboldt – 5917 Meter und eine Vision

Zahlen, bitte: 5917 Meter und eine Vision

Spätestens seit dem Roman "Die Vermessung der Welt" wissen viele Alexander von Humboldts Leistungen zu würdigen. Sein wichtigstes Vorhaben jedoch scheiterte.

Er schrieb über 50.000 Briefe und sammelte auf seiner Amerika-Reise
60.000 Pflanzenproben in seinen Botanisiertrommeln. Alexander von Humboldt war ein Mann der Zahlen und Vermessungen. Die berühmteste: 5917 Meter, von ihm am 23. Juni 1802 auf dem Chimborazo gemessen, als die Expedition zum Gipfel des Eisvulkans abgebrochen werden musste, weil eine gewaltige Gletscherspalte mit den damaligen Mitteln unpassierbar war.

Den Berg zu besteigen, den man damals für den höchsten Berg der Welt hielt, war Alexander von Humboldt nicht vergönnt. Doch als der Nebel sich lichtete und Humboldt das tropische Bergleben unter sich sehen konnte, kam ihm der entscheidende Gedanke, den er in einem seiner berühmten Reisetagebücher notierte: In der Natur ist alles miteinander verbunden und steht in unaufhörlicher Wechselwirkung in einem Netzwerk von Mikroklima, Flora und Fauna unter Mitwirkung von Großklima, Höhenlage und Bodenbeschaffenheit. Die Idee von der Biodiversität war geboren, wie sie die Zeitschrift Science in einer Ausgabe zum 250. Geburtstag [1] von Alexander von Humboldt erläutert.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

mehr anzeigen

Alexander von Humboldt wurde als zweiter Sohn einer preußischen
Hofadelsfamilie am 14. September 1769 auf Schloss Tegel geboren. Gemäß dem Familienkanon studierte er zunächst Verwaltungswissenschaften, ehe er sich 1791 nach einer Englandreise den von ihm bevorzugten Naturwissenschaften zuwandte und Bergassessor wurde. Bis zum Jahre 1797 arbeitete er an der Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Bergleuten und wurde in seinen Forschungen durch großzügige Reisezuschüsse von König Friedrich Wilhelm II unterstützt.

Die Mutter hinterließ Alexander und seinem Bruder Wilhelm ein stattliches Vermögen, das den beiden ausgedehnte Reisen ermöglichte. Alexander von Humboldt plante zunächst eine Indienreise, bekam aber vom britischen Königreich kein dafür nötiges Forschungsvisum. Auch der Plan einer Reise nach Ägypten und Mekka scheiterte.

Schließlich bekam er einen Forscher-Freibrief vom spanischen Königshaus, der alle Kolonialbeamte in den spanischen Gebieten zur Unterstützung seiner Forschungen verpflichtete. 1799 brach er mit seinem Sekretär und zeitweiligen Lebensgefährten Aimé Bonpland nach Südamerika auf. Mit Beginn dieser Reise fing Humboldt nicht nur an, seine Eindrücke und Messwerte in ein Reisetagebuch
zu übertragen, sondern auch damit, regelmäßig Briefe an Zeitungen zu schreiben. Mit diesen Berichten wurde er international so berühmt, dass ihn US-Präsident Thomas Jefferson ins Weiße Haus einlud. "Er setzte sich regelmäßig abends hin und schrieb Briefe, die überall auf der Welt in Zeitungen veröffentlicht wurden. Heute würde man wohl Live-Stream dazu sagen", so der Humboldt-Forscher Ottmar Ette.

Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Fotostelle, C. Seifert

Um die Funktionsweise der Elektrizität bei einem Zitteraal zu ergründen, opferte von Humboldt Pferde. Seine Beschreibungen wurden jedoch lange Zeit als unglaubwürdig abgetan.

(Bild: Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Fotostelle, C. Seifert)

Auf seiner berühmtesten Reise war Alexander von Humboldt allen Dingen gegenüber offen, auch gegenüber den Informationen, die er von Indigenen bekam. Doch hatte er keine Skrupel, gegen den Protest eines Stammes ein heiliges Grab auszuheben, um die Knochen zu analysieren oder Pferde zu opfern, um die Funktionsweise der Elektrizität bei einem Zitteraal zu ergründen. Er nächtigte auf Sklavenplantagen, obwohl er als Humanist ein scharfer Gegner der Sklaverei war, die er auf Kuba kennengelernt hatte. Insgesamt entpuppt sich die Reise als eine Art des Dahintreibens mit vielen spontan ergriffenen aber auch verpassten Reisechancen und dem emsigen Sammeln von Material und Messungen mit Chronometer und Barometer. Von Humboldt und Bonpland landeten in Cumana (Venezuela), erkundeten die Savannenlandschaft der Llanos hinter Caracas, befuhren den Orinoco und bewiesen seine Verbindung mit dem Amazonas, ehe es nach Kuba weiterging.

Der zweite Teil gipfelte in der Reise nach Quito mit der erwähnten Besteigung des Chimborazos und des Antisana. Nach einem Aufenthalt im Lima erforschten sie monatelang eine kalte Strömung, die heute den Namen Humboldtstrom trägt. Dann ging es wieder nach Kuba und von dort aus in die USA. Aus all den Daten und Proben wollte Humboldt ein Werk aus einem Guss erstellen und so schrieb er bei seiner Ankunft am 1. August 1804 aus Bordeaux: "Mit 30 Kisten botanischen, astronomischen, geologischen Schätzen beladen, kehre ich zurück, und werde Jahre brauchen, um mein großes Werk herauszugeben."

Von Paris aus machte sich Humboldt in einer fortlaufenden anschwellenden Korrespondenz mit vielen Wissenschaftlern an die Arbeit, Daten aus seinen Journalen zu verifizieren oder neue nachzutragen.

Das "große Werk" gelang ihm nicht, denn über der Arbeit der Korrespondenz ging das Geld aus. Humboldt erhielt in Anerkennung seiner Leistung zwar eine Unterstützung durch das preußische Königshaus, obwohl er in der Hauptstadt des Erzfeindes lebte und arbeitete, sich mit Freunden wie Honoré de Balzac oder Victor Hugo traf. 1827 musste er die Zelte abbrechen und als Kammerherr Friedrich Wilhelm III. in Berlin zu Diensten sein. Hier begann er mit der Reihe seiner öffentlichen Kosmos-Vorlesungen [3], zu denen auf ausdrücklichen Wunsch von Humboldt Frauen zugelassen waren – die Vorlesungen mussten deshalb in der Singakademie stattfinden, weil Frauen an der Universität nicht geduldet wurden.

"Sein Vorhaben war tollkühn, aber ebenso überraschend war wohl die überwältigende Neugier der vielen Berlinerinnen und Berliner", schreibt Jens Bisky über Humboldt. Aus den Vorlesungen entstand das Werk "Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung", das mit dem Erscheinen im Jahr 1845 in elf Sprachen übersetzt wurde. "Es ist nicht mehr und weniger als ein Gemälde der Welt, eine Universalgeschichte der Natur, alles Sichtbare und Erforschbare vom Mooslager bis zum Sternenhaufen, vom Stein bis zum Menschenhirn umfassend und im schönsten Zusammenhang erblickend, die Lebensfrucht eines Weltreisenden, der zugleich ein Philosoph war. /.../ Ein Menschenalter lang galt Humboldt als der größte Ruhm Deutschlands", beschrieb Egon Friedell die Wirkung des Buches, in dem die Idee der Biodiversität vermittelt wurde.

Für Humboldt selbst war es nichts weniger als der Plan, die "ganze materielle Welt" darzustellen, eingeschlossen die Ideen und das Wissen der Menschheit über die Welt: "Jede große Idee, die irgendwo aufglimmt, muss neben den Tatsachen hier verzeichnet sein. Es muss eine Epoche der geistigen Entwicklung der Menschheit in ihrem Wissen von der Natur darstellen", schrieb er 1834 an Karl August Varnhagen von Ense. Mit diesem Anspruch scheiterte Humboldt.

Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Fotostelle, C. Seifert

Humboldts berühmteste Vermessung: Der 5917 Meter hohe Eisvulkan Chimborazo.

(Bild: Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Fotostelle, C. Seifert)

Bereits 1827, als er nach Berlin zurückkehrte, zerfaserten sich die Wissenschaften in viele Spezialdisziplinen, die eine vollständige Darstellung unmöglich machten. Der vorurteilslose Geist der Aufklärung verwehte im anbrechenden Nationalismus und erfasste auch Humboldts Datensammlung, über die sich Wissenschaftler mokierten. Ach, Humboldts hat am Chimborazo auf 4870 Metern Pflanzen gesammelt, wo doch die Vegetationsgrenze bei 4600 Metern
liege: Womöglich habe er sich auch bei 5917 Metern vermessen.

Resigniert schreibt Humboldt in seinem letzten Vorwort zum "Kosmos" im Jahre 1858:
"Man hat es oft eine nicht erfreuliche Betrachtung genannt, dass, indem rein literarische Geistesprodukte gewurzelt sind in den Tiefen der Gefühle und der schöpferischen Einbildungskraft, alles, was mit der Empirie, der Ergründung von Naturerscheinungen und physischen Gesetzen zusammenhängt, in wenigen Jahrzehnten bei zunehmender Schärfe der Instrumente und allmählicher Erweiterung des Horizontes der Beobachtung, eine andere Gestaltung annimmt; ja dass, wie mancher sich auszudrücken pflegt, veraltete naturwissenschaftliche Schriften als unlesbar der Vergessenheit übergeben sind." (vza [4])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-4528536

Links in diesem Artikel:
[1] https://science.sciencemag.org/content/365/6458/1108
[2] http://www.heise.de/thema/Zahlen-bitte!
[3] https://www.culture.hu-berlin.de/de/forschung/projekte/hidden-kosmos
[4] mailto:vza@ct.de