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Zahlen, bitte! 159 - Das Wandern ist des Smartphones Lust

159 von ihnen gibt es bei uns: geodätische Referenzpunkte. Sie lassen sich allesamt erwandern. Für Freunde der korrekten Bemaßung gibt es weitere Spielarten.

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Zahlen, bitte! 27.000 US-Dollar für virtuelle Raumschiffe

"Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit", heißt es in einem christlich geprägten Volkslied, das gut zum anstehenden Sommeranfang passt. Es hat gefühlte 159 Strophen, die den Sommer in seiner ganzen Pracht schildern. Die 159, um die es heute geht, ist jedoch keine besondere Zahl, sondern eher besonders mickrig, weil sie eine dieser bedauernswerten temporären Zahlen ist. Schon morgen könnte es die 160 sein oder die 163 als Klassenzahl.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft und der Mathematik vor.

159 steht für die aktuelle Zahl der momentan in Deutschland eingerichteten geodätischen Referenzpunkte. Zu so einem Referenzpunkt wandert man wie Pu der Bär mit frohem Gesumm, sorgsam auf Spuren der Wuschel und Wischel achtend, um alsdann ehrfürchtig niederzuknien und sein Smartphone auf dem Referenzpunkt zu betten. Zeigt es die dort ausgewiesenen Längen- und Breitengrade und die Höhe? Sind die Daten ± 5 Meter genau an oder liegen die Angaben sprichwörtlich meilenweit daneben? Ist der olle Hosentaschenbeuler vielleicht völlig durch den Wind und beharrt darauf, dass Wandersmann sich am Nordpol befindet?

Zwei Einschränkungen müssen beim Erwandern von Referenzpunkten beachtet werden. So richtig von Punkt zu Punkt wandern, radeln oder biken können Sie am besten in Bayern mit 51 Checkpoints oder Baden-Württemberg mit 28. Die flächenreichen Nordstaaten sind da noch sehr knauserig: Schleswig-Holstein hat zwei Punkte, Brandenburg auch, und das geräumige "MeckPomm" in aller Welligkeit nur einen einzigen.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; Schau an der schönen Gärten Zier, und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

(Bild: Hermann Traub, gemeinfrei; Text: Paul Gerhardt )

Natürlich irren die Vorpommern nicht orientierungslos in ihrer schönen Landschaft herum: Geodätische Referenzpunkte beruhen in der Regel auf touristischen Ideen und sind abgeleitet von den SAPOS-Angaben der deutschen Landvermessung, die über 300 Referenzpunkte in ganz Deutschland kennt. Die professionellen Vermesser kennen noch viel mehr, sie leben geradezu in einem Universum von Punkten: Es gibt Lagefestpunkte und Zigtausende von Höhenfestpunkten. Doch damit nicht genug: weil die Erde keine Scheibe ist, gibt es auch noch 16.000 Schwerefestpunkte mit einem 16.000 Schwerefestpunkte mit einem Deutschen Hauptschwerenetzwerk, an dessen Punkten der Wanderer ermattet niedersinken kann oder einfach sein Smartphone fallen lässt, die Schwerkraft in ihrer ganzen Schönheit messend.

Für Freunde der korrekten Bemaßung gibt es eine weitere Spielart, sich durch unser schönes Deutschland zu bewegen. Beim Degree Confluence Project wandert man zu den Konfluenzpunkten. Das sind die Punkte, an denen ein ganzzahliger Längengrad sich mit einem ganzzahligen Breitengrad schneidet. In Deutschland gibt es genau 42 (!) solcher Punkte auf freiem Feld, die mit Stock und Hut und Messgerät erwandert werden können. Zwei liegen auf bebautem Gelände. So kann man ganz in Rot nach Rot an der Rot wandern und sich dort auf den Punkt stellen, der seltsamerweise gelb ist.

Geodätischer Referenzpunkt in Freudenstadt im Schwarzwald

(Bild: Stadt Freudenstadt )

Im krassen Gegensatz zu den festen Punkten der Landvermesser und Ingenieure stehen die "politischen" Punkte. Im Zeitalter von M&M, also Merkel und Macron, ist der Mittelpunkt Europas mehr denn je gefragt. Natürlich liegt dieser besondere Stabilitätsanker in Deutschland. Aktuell in einem Ort mit dem beziehungsreichen Namen Oberwestern bei Aschaffenburg. Seine Tage sind allerdings gezählt. Denn nach dem Brexit wandert der Punkt 55 Kilometer weiter nach Veithöchstheim. Das ist doch mal ein praktischer Tourenvorschlag!

Ein anderer wäre eine Rundwanderung zu den verschiedenen Mittelpunkten von Deutschland. Niederdorla wartet, und für Nostalgiker geht es dann wahlweise nach Rennerod (BRD) oder nach Belzig (DDR). Diejenigen, die an die tausendjährige Geschichte Deutschlands glauben, machen sich natürlich auf nach Spremberg in der Niederlausitz und fotografieren dort den preußischen Adler, den heimischen Vogel mit dem größten Vogelschiss. (anw)

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