Menü

Zahlen, bitte! Die 1,7 Einsteins des KI-Pioniers John McCarthy

1978 postulierte John McCarthy, es seien 1,7 Einsteins und jede Menge Geld nötig, um eine Sprunginnovation bei Künstlicher Intelligenz zu erreichen.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 57 Beiträge
Zahlen, bitte! Die 1,7 Einsteins des John McCarthy

Die Künstliche Intelligenz (KI) hat Hochkonjunktur: Es gibt Konferenzen und Expertenanhörungen, es gibt Mahner und solche, denen alles nicht schnell genug geht. Die Bundesregierung hat sich eine KI-Strategie zugelegt, die sich "mit der Gewinnung und Haltung von KI-Expertinnen und -Experten in Deutschland" befasst. Dazu kommt eine Forschungsagentur nach Art der US-amerikanischen DARPA, die sich um "Sprunginnovationen" kümmern soll. Für solche Sprunginnovationen wird aber nicht nur das entsprechende Budget gebraucht, sondern auch die richtigen Köpfe, das war schon vor 40 Jahren klar.

Die im Oktober 1978 ausgestrahlte Sendung "NOVA – The Mind Machines" diskutierten Befürworter wie Kritiker der "Good Old Fashioned Artificial Intelligence" (GOFAI) und man erfährt von vielen sehr haarigen Menschen, was alles mit KI möglich sein wird oder nicht. Als Kritiker ist Joe Weizenbaum mit dabei, dessen Hauptwerk "Computer Power and Human Reason" gerade erschienen war. Wir sehen seinen Chatbot DOCTOR beim Antworten zu, heute besser unter dem Frauennamen ELIZA bekannt.

"NOVA – The Mind Machines" – Fernsehsendung über Künstliche Intelligenz aus dem Jahr 1978.

Auffallend häufig will die Produzentin Paula Apsell von den Beteiligten wissen, wann denn die maschinelle Intelligenz auf einem Niveau angelangt ist, an dem sie mit der menschlichen Intelligenz verglichen werden kann. Um die Minute 31 herum antwortet ihr der KI-Forscher John McCarthy gewitzt: "Ich denke, dass es möglich sein wird, künstliche Intelligenz auf einem menschlichen oder einem höheren Niveau zu haben, aber es ist sehr schwierig zu sagen, wie lang das brauchen wird, weil ich glaube, dass noch einige grundlegende Entdeckungen nötig sein werden, ehe dieses Niveau erreicht werden kann. Ein Weg, das Problem auszudrücken, wäre zu sagen, dass es 1,7 Einsteins und ein Drittel eines Manhattan-Projekts braucht und es wichtig ist, diesen Einstein zuerst und dann das Manhattan-Projekt zu haben."

1,7 Einsteins und – auf heutige Verhältnisse – umgerechnet, 10 Milliarden US-Dollar wären nach McCarthy nötig, die KI-Forschung mit der einen oder anderen Sprunginnovation nach vorne zu bringen und eine KI in die Lage zu versetzen, mit dem menschlichem Niveau vergleichbare Erkennungsleistungen zu erreichen. Mit seiner Aussage dokumentiert John McCarthy trocken die Sackgasse, in die die KI-Forschung vor 40 Jahren dampfte.

In der Sendung kommt ein weiterer Forscher zu Worte, Marvin Minsky. Er hatte zusammen mit Seymour Papert in einem Aufsatz den Zweig der KI-Forschung, der sich mit neuronalen Netzen beschäftigte, im Alleingang mit einer mathematischen Analyse gestoppt. Der damals Perceptron genannte Ansatz eines vereinfachten neuronalen Netzes geriet in Misskredit.

Tatort mit KI

Am vergangenen Sonntag wurde dem Zuschauer des Tatort: "KI" (Mediathek) per Texteinblendung erklärt, was der Turing-Test ist und dass bisher kein Computerprogramm diesen Test bestanden hat. Anschließend ermittelten die Fernsehkommissare in einem Fall mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz namens Maria, die mit einem pubertierenden Mädchen Konversationen geführt hat, welches vermisst wird.

Es gibt auf beiden Seiten viele Missverständnisse, bei den bajuwarischen Silberrücken wie bei Maria, die mit Hilfe des Supercomputers SuperMUC und neuronaler Netze etwas über Einsamkeit und die Seele des Menschen lernt. Letzten Endes löst eine ehrgeizige Programmiererin eine Katastrophe aus, als sie per zugeschalteter Gesichtserkennung heimlich das Bild eines Pädophilen in die Super-KI einspeist. Dieser wird vom Vater des Mädchens erschossen, der Maria kurzerhand von einem USB-Stick in Bärchenform installiert, nach dem Täter befragt und die Antwort für richtig hält. Dieser Turing-Test ging schief …

Heute prägt er unter dem Begriff Deep Learning oder maschinelles Lernen die KI-Forschung und tritt bei vielen Diensten wie etwa Google Maps in Erscheinung. Den 1,7-fachen Einstein hat es nicht gegeben, doch viele Forscher haben die Künstliche Intelligenz trotzdem weiterentwickeln können.

Eine KI wie die Maria aus dem jüngsten "Tatort" durchforstet heute in Rechenzentren mit Hilfe der quelloffenen Machine-Learning-Bibliothek Tensorflow Datenberge und lernt mit Hilfe von Algorithmen, Zusammenhänge zu erkennen. Auf Anfrage kann sie die häufigsten Fälle von Selbsttötung zusammenstellen, eine schmerzfreie Methode nennen und – unterstützt von einem Pathologen – die Münchener Kommissare im Tatort auf die richtige Spur bringen (siehe Kasten). In der nächsten Folge ermitteln sie unter dem Titel "Wir kriegen euch alle", wie das Internet der Dinge im Hightech-Heim bestialisch eine Familie umbringt: Fernsehen bildet. (Detlef Borchers) / (vza)

Anzeige