Zahlen, bitte! Die 100 Auftritte der blinkenden Lichter, oder: die Filmkarriere von IBM AN/FSQ-7

Supercomputer im Film müssen blinkende Lämpchen haben, um imposant zu wirken. IBMs AN/FSQ-7 legte wohl auch deshalb eine beeindruckende Filmkarriere hin.

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Es gibt im Film Stars und es gibt Superstars. Es gibt Goldie Hawn und es gibt Charlie Chaplin. Einem solchen Superstar ist dieses "Zahlen, bitte!" gewidmet. Der Star ist natürlich ein Computer, aber filmisch gesehen ein herausragender, extrem wandlungsfähiger Mime. Er spielte alles, was das Repertoire von Film und TV so hergibt, vom verliebten Computer über den Computer, der alle Krankheiten diagnostizieren kann bis zum bösen Computer aus dem Osten, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Selbst ein Computer, der ein Virus bastelt, um die Menschen auszurotten, gehörte zu seinen Auftritten. In 100 Filmen und TV-Serien trat IBMs AN/FSQ-7 auf, der größte Röhren-Computer, der jemals gebaut wurde. Seine imposante Filmkarriere begann 1966, als er noch im Dienst der Landesverteidigung stand, doch der Höhenflug kam, als die bunt blinkenden Panels in alle möglichen Filmen für knisternde Spannung sorgten.

Für die für einen IBM-Rechner ungewöhnliche Bezeichnung ist das US-Militär zuständig, denn AN/FSQ-7 steht für "Army-Navy / Fixed Special eQuipment" und bezeichnete das Computersystem, das ab 1953 das Luftabwehrsystem SAGE unterstützte. SAGE war das Radar-unterstützte "Semi-Automatic Ground Environment" zur Abwehr atomwaffentragender Langstreckenbomber. Es war der bis dato elaborierteste Versuch, Soldaten als IT-Nutzer in ein Echtzeitsystem der Raketen- oder Bomberabwehr einzubinden. Neben den imposanten Radarschirmen und Bildschirmen mit Lichtgriffel-Bedienung und jede Menge von Lichtern, Schaltern und Knöpfen.

Der AN/FSQ-7 Computer im SAGE-Computerraum.

(Bild: United States Air Force)

Die Filmkarriere von AN/FSQ-7 begann noch vor der Ausmusterung des Systems beim Militär eher unscheinbar, doch philosophisch schwer interessant mit "Santa Claus Conquers the Martians" im Jahre 1964: Die Marsianer wollen den Weihnachtsmann klauen, doch welche Rolle Weihnachten und das Christkind da bei den "gruenen Maennchen" spielt, wird nicht erklärt. Der Film wurde zum schlechtesten Weihnachtsfilm aller Zeiten gewählt. Von unserem Filmstar gibt es eine kurze Szene, in der die Radarschirme zu sehen sind.

Wie bei allen großen Filmstars musste AN/FSQ-7 am Anfang seiner Karriere bei schmuddeligen Filmchen in Nebenrollen im Hintergrund spielen. 1966 gelang ihm das in "Way, way out" ganz gut. In diesem Film, der bei uns unter dem Titel "Das Mondkalb" lief, spielte der Computer das Starlet Anita Ekberg glatt an die Wand. Noch besser performte AN/FSQ-7 1967 mit seinen zahlreichen blinkenden Lichtern 1967 im Film "The President's Analyst" (deutsch: "Jagt Dr. Sheefer"), als er die eingebauten Sensoren in den Köpfen aller Amerikaner kontrollierte, bis ein Wissenschaftler mit dem beziehungsreichen Namen Kropotkin das System abschalten konnte.

Die SAGE-Computerkonsole im Computer History Museum.

(Bild: Don DeBold (CC-BY-2.0))

Zu den Höhepunkten einer langen Schauspieler-Karriere zählen sicherlich die Auftritt des Systems in den Filmen von Woody Allen. Im Jahr 1972 drehte Allen einen Film mit dem leicht nerdigen Titel
"Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten". Souverän schauspielert sich AN/FSQ-7 mit zahlreichen Lichtern und Schaltern und einer ganzen Truppe von Operateuren durch den Orgasmus eines Mannes, bei dem die Spermien zum richtigen Zeitpunkt abgeschossen werden müssen. Ein Jahr später drehte Allen den Einfrier-Klassiker "The Sleeper" (deutsch: Der Schläfer), in dem die Roboter-Reparaturwerkstatt von AN/FSQ-7 dargestellt wurde.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.


Nicht nur die männlichen, auch die weiblichen Rollen bereiteten AN/FSQ-7 keine Probleme. 1973 trat er an der Seite einer bösen Computerwissenschaftlerin als weiblicher Computer in "Invasion of the Bee Girls" (deutsch: "Invasion der Bienenmädchen") auf. Per Computerin werden aus hübschen jungen Frauen gierige Wesen mit Bienenaugen, die von Männern soviel Sex fordern, bis diese entkräftet sterben.

Die Arbeit mit Woody Allen führte dazu, dass sich unser Filmstar mit ernsten Themen beschäftigte, die jeden Computer bewegen: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Was ist 42? Im Jahre 1980 spielte AN/FSQ-7 in der Verfilmung des grandiosen dystopischen Romans "Schöne neue Welt" das Kontrollsystem der Stadt, Transversal Community Identity genannt. In der verschollenen Originalversion soll der TV-Film über vier Stunden lang gewesen sein.