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Zahlen, bitte! Die 11.200 Meter des Hermann Oberth

Hermann Oberth war Pionier der Raketen- und Raumfahrtforschung. Er arbeitete für die USA und für die Nazis. Nicht nur deswegen ist sein Andenken umstritten.

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Heute vor 125 Jahren wurde der Raketenpionier und Physiker Hermann Oberth im heutigen rumänischen Sibiu geboren. Mit seiner Dissertation "Die Rakete zu den Planetenräumen" lieferte er 1923 auf nur 95 Seiten den mathematischen Nachweis, dass mehrstufige Raketen in der Lage sind, den Bereich der Erdanziehungskraft mit einer Geschwindigkeit von 11.200 Metern pro Sekunde (zweite kosmische Geschwindigkeit oder Fluchtgeschwindigkeit) zu überwinden – und dass Menschen in der Lage sind, in der Rakete mitzufliegen.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

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In der dritten, vollständig überarbeiteten Auflage erschien das auf über 600 Seiten gewachsene Werk 1928 als "Wege zur Raumschifffahrt". Sie gilt in der englischen Übersetzung als "heilige Schrift der Weltraumfahrer". Oberth beschreibt hier seine Erfindung des Ionenantriebs und den Oberth-Effekt der Treibstoffnutzung im Gravitationsfeld eines Planeten.

In seiner Jugend in Siebenbürgern wuchs der in eine großbürgerliche Familie hineingeborene Hermann mit den Schriften von Jules Verne auf. Besonders die "Reise zum Mond" faszinierte ihn; er stellte noch als Schüler Berechnungen darüber an, ob Menschen solch einen Kanonenschuss im Innern einer Transportkugel überhaupt überleben können. Die wissenschaftliche Antwort auf diese Frage fand Oberth, der zunächst Medizin und später erst Physik studierte, in der Raketengrundgleichung, die er unabhängig von den Raumfahrtpionieren Konstantin Ziolkowski und Robert Goddard formulierte. Nach Bestimmung der möglichen erreichbaren Geschwindigkeit einer Weltraumrakete schlug Oberth die Konstruktion einer Andruck-Zentrifuge vor, die künftige Raumfahrer einem Mehrfachen der Schwerkraft aussetzt. Er kommt 1909 zu dem Schluss, dass Menschen liegend 4g bis 6g aushalten können, kurzzeitig sogar 8g.

Im ersten Weltkrieg schlug Oberth, der nach einer Kriegsverletzung als Sanitätsfeldwebel arbeitete, im Jahre 1917 der deutschen Reichswehr die Konstruktion einer 25 Meter hohen Äthanol-Sauerstoff-Rakete mit 10 Tonnen Nutzlast und einer Reichweite von 600 Kilometern vor, die mit einer Kreiselsteuerung arbeitete. Seine Pläne wurden mit der spöttischen Bemerkung zurückgeschickt, dass jedermann wüsste, dass Raketen nicht weiter als 7 Kilometer fliegen können. Die erste Rakete, die Oberth dann bauen konnte, war die Attrappe einer zwei Meter großen, dreistufigen Rakete für den Stummfilm Frau im Mond. Wissenschaftlich korrekt entflieht die Rakete nach dem ersten Countdown der Raumfahrtgeschichte mit 11.200 m/s der Erdanziehung und die Besatzungsmitglieder fallen bei einem Andruck von 4g in Ohnmacht.

Hermann Oberth (vorne mitte) entwickelte die Grundlangen der Raumfahrt, arbeitete für die Nazis an der V2 und für die Amerikaner in der Raketenforschung. Auf dem Foto außerdem: Ernst Stuhlinger, im Dritten Reich in der Atomenergieforschung und im Peenemünder Raketenprogramm, später in den USA führend in der US-Raketenforschung (links, sitzend); US-Generalmajor Holger Toftoy vom US-Raketenprogramm (hinten stehend) und Wernher von Braun, ebenfalls Mitentwickler der V2 und einer der führenden Köpfe des US-Raumfahrtprogramms bis hin zur Apollo-Rakete Saturn V (rechts, sitzend).

(Bild: NASA, Public Domain)

Frau im Mond war als Film nicht besonders erfolgreich, doch die lustigen Szenen in der Schwerelosigkeit führten zu einem Aufkommen von Raketenvereinen, die alles Mögliche versuchten. Max Valier raste in einem Raketenauto durch die Gegend und zu Tode, Rudolf Nebel, Klaus Riedel und Wernher v. Braun beschäftigten sich mit Raketenantrieben – und Hermann Oberth entwickelte die Kegeldüse als erstes erfolgreich startendes Flüssigkeitstriebwerk. Mit einer Benzin-Sauerstoffmischung erreichte der Antrieb am 23. Juli 1930 in der Chemisch-Technischen Versuchsanstalt Plötzensee in den ersten 58 Sekunden einen Schub von 7 kg, dann 6 kg in den nächsten 45 Sekunden, bei einer Ausströmgeschwindigkeit von 760 m/s. Das war der Nachweis, dass ein Betrieb von Raketen mit flüssigem Treibstoff möglich ist.

Im selben Jahr kehrte Oberth nach Siebenbürgen zurück. Auch die Nationalsozialisten hatten zunächst kein Interesse an Raketen. Das änderte sich im Jahre 1936, als die Heeresversuchsanstalt Peenemünde unter der technischen Leitung Wernher von Brauns mit der Arbeit an der Rakete A4 begann. Als Rumäne war Oberth zunächst nur indirekt beteiligt und entwickelte mit Forschungsaufträgen Konzepte für Stufenraketen und Brennkammern. Hinzu kamen Lehraufträge, an der TH Wien (1938) und der TH Dresden 1940. Die Situation änderte sich grundlegend 1941, als Oberth deutscher Staatsbürger wurde. Jetzt konnte er mit seinen alten Kollegen von Braun, Riedel und Nebel in Peenemünde an Raketen arbeiten, unter anderem auch an der zur V2 umgetauften A4, für die auch seine Tochter Ilse forschte. Oberth befasste sich vor allem mit der Interkontinentalrakete A 9/10, die kleine V2 soll er als viel zu kompliziert für militärische Zwecke bewertet haben: Die V2 tötete 12.000 Menschen, 20.000 Zwangsarbeiter kamen zudem beim Bau der Waffe um. 1943 ging Oberth nach Reinsdorf bei Wittenberg, wo funkgesteuerte Feststoffraketen für die Flugabwehr entwickelt wurden.

Mit dem Kriegsende zog sich Oberth nach Feucht bei Nürnberg zurück, wo heute das sehenswerte Oberth-Museum sein Schaffen dokumentiert. Es entstanden mehr populärwissenschaftliche Schriften wie "Menschen im Weltraum" oder "Das Mondauto", die vom Leben im "Reich er Schwerelosigkeit" erzählten. Daneben wurde Oberth zum UFOlogen, trat auf Kongressen der UFO-Forscher auf und verfasste Schriften wie den Katechismus der Uraniden.

Die enge Freundschaft mit Wernher von Braun führte dazu, dass er noch zwei Mal in den USA arbeitete: von 1955 bis 1958 am Redstone Arsenal, wo er über die Stabilisierung von Satelliten und über Raketenphasen einer Mondlandung forschte. Kurz vor seiner Pensionierung beriet er 1961 die Firma Convair bei der Entwicklung der Atlas-Rakete, mit der John Glenn die Erde umkreiste.

Das Andenken an Hermann Oberth ist nicht unumstritten. Von 1965 bis 1967 war er Mitglied der damals neu gegründeten NPD. Einen mittleren Skandal erzeugte er 1962, als er sein Wirken als Raketenforscher in einer Rede vor dem "Bund der Vertriebenen" so erklärte: "Ich hatte gehofft, eine Raketenwaffe zu finden, die den Schandvertrag von Versailles hätte zerschlagen können. Das ist mir nicht gelungen."

Im hohen Alter wandte sich Oberth unter dem Einfluss verschiedener Wahrsager und Wahrsagerinnen sehr esoterischen Themen zu. Er schrieb über die "Krakokratie" als Herrschaft der skrupellosen Menschen mit den schlechten Gedanken und ließ im Alter von 90 Jahren eine "Wählerfibel für ein Weltparlament" drucken, die ihm von einem telepathisch begabten Medium namens 'Schea Tal Wir' diktiert wurde. (jk)