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Zahlen, bitte! Die Compact Cassette – 60 Minuten zur Demokratisierung der Musik

Mit der Compact Cassette verbinden wir nicht nur Audio-Revolution, Mobilität und Untergrundkultur, sie war auch wichtigster Datenträger der 8-Bit-Generation.

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Zahlen, bitte! Die Compact Cassette

Inhaltsverzeichnis

Die Compact Cassette (CC) – gerne auch Audiokassette oder Musikkassette – war wegweisend. Sie galt weit vor dem MP3-Player als erste Möglichkeit, wirklich mobil und ortsunabhängig Musik zu hören oder aufzunehmen. Die später entwickelte Datasette war zudem im 8-Bit-Bereich zumindest vorübergehend das wichtige Datenträgerformat. Ohne die Audiokassette und die damit verbundenen Ghettoblaster und Mixtapes wäre zum Beispiel Hip-Hop als Subkultur nie so eng mit der Straße verbunden gewesen. Und liebevoll zusammengestellte Musikmixe wurden vor allem in den 80ern und 90ern gern unter Freunden oder unter Verliebten ausgetauscht.

Die Kassette basiert dabei in ihrem Aufbau und Prinzip her auf dem Tonbandgerät, welches ab Mitte der 1930er durch I.G.-Farben und AEG veröffentlicht wurde. In beiden Fällen wird ein Magnetband in einer Laufrichtung abgerollt und dabei von einem Tonkopf abgetastet, bei der Kompaktkassette eben in einem kleinem, robustem Gehäuse statt zwei separaten Spulen.

Die Maße der Compact Cassette in Länge/Höhe/Breite sind: 10,12 cm × 6,35 cm × 1,27 cm (und damit 4 Zoll × 2 ½ Zoll × ½ Zoll), das Band ist in zwei Tonspuren (in Stereo 4 schmale Tonspuren) etwa 3,81 mm breit. Abgespielt wird in 4,75 cm/s.

Der niederländische Ingenieur Lou Ottens begann 1960 bei dem Elektrokonzern Philips mit der Entwicklung. Offiziell entwickelte die Firma mit Grundig zusammen ein luxuriöses Tonbandgerät, inoffiziell und ohne Wissen von Grundig entwickelte Ottens ein kompaktes, tragbares und durch Batterien ortsunabhängiges Kassettensystem, welches einerseits auf Teilen der gemeinsamen Entwicklung basierte – zum Beispiel der Bandbreite –, andererseits als zweispuliges System im kompakten Kassettengehäuse sich doch deutlich unterschied. Kurz vor der Veröffentlichung setzte Philips Grundig in Kenntnis, dass sie einen eigenen Rekorder und ein eigenes Kassettensystem zur IFA vorstellen werden, was Grundig als groben Vertrauensbruch wertete und daher sofort die Zusammenarbeit einstellte.

Am 28. August 1963 (manche Quellen nennen auch den 30. August) erschienen dann zur Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin der Pocket Rekorder Philips EL 3300 und die dazugehörige Compact Cassette (CC). Grundig wiederum veröffentlichte 1965 mit dem eigenen Doppel-Cassette International (DC) – System einen direkten Konkurrenten, welcher sich hauptsächlich durch die etwas größeren Abmessungen der Kassette (12 cm × 7,7 cm × 1,2 cm) unterschied. Unfreiwillig verhalf Grundig dem Philips-System damit später zu einer größeren Verbreitung und letztlich auch dem Durchbruch.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft und der Mathematik vor.

Lou Ottens berichtete 2013 im Zeit-Interview über die Reise der Philips-Delegation nach Japan zum Zwecke der Lizenzierung des CC-Standards vom Treffen mit Sony: "Als wir bei Norio Ohga von Sony waren, sagte er uns, dass Grundig ihn vor einer Woche angerufen hatte und ihm das ganze Grundig-System gratis angeboten hat." Egal, ob es ein Bluff war von Ohga oder die Revanche durch Grundig – Philips kam Sony entsprechend entgegen, erreichte aber dadurch auch die Marktdurchdringung zum Quasi-Standard. Das Grundig-System wiederum wurde aufgrund der Erfolglosigkeit gegenüber dem CC-System bereits 1967 wieder vom Markt genommen.

Parodie von Fischmob: So hätte es wohl geklungen, wenn ein Nerd bei der Musikwunsch-Hotline anruft und sich sein Lieblingsspiel wünscht.

Weitere Meilensteine: Ebenfalls 1967 wurde erstmals das CC-System in Stereo angeboten. 1968 veröffentlichte Philips das erste Autoradio mit Kompakt-Kassettendeck. Ein Jahr später kam das legendäre Becker Mexico auf den Markt – das erste Autoradio, das Stereokassetten voll unterstützte. In den 1970ern begann die Phase der Ghettoblaster für die Straße einerseits und der hochwertigen Kassettengeräte für das heimische HiFi-Rack andererseits.

Der Höhepunkt der Mobilität wiederum wurde durch 1979 durch Sonys Walkman erreicht: Nun konnte man mit dem kleinen Gerät, welches kaum größer war als die Kassette selbst, plus Kopfhörer immer und überall Musik hören - so weit die Batterien reichten. Das Gerät entwickelte sich schnell zum Lifestyle-Produkt und Statussymbol in vielen Variationen und Farben.

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