Menü

Zahlen, bitte! Die verflixte 5 – oder: das Bilderradio

Illustrierte Rundfunksendungen? Eine Art Vorläufer des Fernsehens startete mit Hilfe der Fultographen.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 38 Beiträge
Zahlen, bitte! Die verflixte 5 - oder: das Bilderradio

Vor 90 Jahren begann der Radiosender Königs Wusterhausen mit der Übertragung von Bildern. Die von einem fotoelektrischen Abtaster als Stromimpulse mit dem Fultograph-Sender gesendeten Bildpunkte konnten mit einem Gleichrichter und einem Fultograph-Empfänger auf chemisch präpariertem Papier ausgedruckt werden. Illustrierte Rundfunksendungen sollten der letzte Schrei sein.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft und der Mathematik vor.

Otho Fulton, der Erfinder des ursprünglich Telectrograph genannten Systems, schwärmte davon, dass jedem Radiohörer "Bilder aktueller Tagesereignisse, Karikaturen, Bilderrätsel, Modebilder, Sportphotos, Wetterkarten und Reklamedarstellungen" ins Haus geschickt werden konnten. Die Deutsche Reichspost war prosaischer und prüfte, ob Fahndungsbilder auf diese Weise zu den Polizeistationen gelangen können.

Das Radio hatte sich wie die gesamte Funktechnik aus dem Seefunk heraus entwickelt. In dieser Tradition hatte der Seefunkoffizier und Kapitän Otho Fulton nach dem ersten Weltkrieg mit der Entwicklung eines Systems begonnen, Wetterkarten an die Schiffe zu funken. Dafür erhielt er vier britische Patente und gründete in Großbritannien die Firma Wireless Pictures, die Fultographen für die BBC herstellte: Aus dem elitären See-Bildfunk sollte ein massentaugliches Bildsystem entstehen, dass die aufgekommene Radiobegeisterung in Europa mit Bildern bedienen sollte.

Sendeeinrichtung für den Fultograph-Bildrundfunk

(Bild: W. Lehmann, Die Rundfunk- und Tontechnik, Berlin 1932, Radiomuseum )

Die BBC schickte bereits am 30. Oktober 1928 die ersten Fulto-Bilder über den Sender Daventry, doch sie enttäuschten etwas: Im regelmäßigen Wechsel wurden Bilder des britischen Königshauses und eine Karikatur gesendet. Da bot die Nordische Rundfunkgesellschaft (Norag) von ehemaligen Hauptfunkstelle Königs Wusterhausen aus schon mehr. Modebilder, der Papst und vor allem Sportaufnahmen wurden von dort gesendet, wo 10 Jahre zuvor nur der "Tägliche Heeresbericht an alle" an fest auf die Frequenz verplombte Radiogeräte gesendet wurde.

Fultograph-Empfänger

(Bild: W. Lehmann, Die Rundfunk- und Tontechnik, Berlin 1932, Radiomuseum)

Otho Fulton startete freilich die Festlandexpansion seiner Erfindung nicht in Deutschland, wo mit den jungen aufstrebenden Firmen wie Lorenz, Hutz und Telefunken (von Siemens & Halske und der AEG gemeinsam gegründet) eine starke Konkurrenz existierte, sondern von Österreich. Dort wurde die Fultograph-Gesellschaft gegründet, auch vor dem Hintergrund des Versprechens, dass die dortige Ravag eine Radio-Volkshochschule in Österreich installieren und Fultographen zur Bildübertragung nutzen wollte.

Als die Fultographen auf dem Markt erschienen, war allgemein klar, dass das Radio ein Massenmedium geworden war. 1926 überstieg die Zahl der offiziellen Rundfunkhörer in Deutschland, die für 2 Mark Reichsrundfunkgebühr ihr Gerät bei der Post angemeldet hatten, erstmals die Millionengrenze. 1928 waren es inmitten der Wirtschaftskrise fast drei Millionen, nicht gerechnet die Bastler und Tüftler, die mit selbstgebauten Radiogeräten als Schwarzhörer die Programme der 13 deutschen Sender mithörten.

Fulton wollte all diesen Radiosendern einen seiner Sender verkaufen. Als Sender verfügte der Fultograph ab 1928 über einen Glaszylinder, auf dem der Negativfilm gespannt und durch einen Lichtstrahl Zeile für Zeile in kleinen Schritten abgetastet wird. Das Licht variiert, wenn es auf eine helle oder dunkle Stelle tritt. Eine Fotozelle nimmt das Licht auf und wandert sie in Stromimpulse um, die gesendet werden. Technisch ist der Sende-Fultograph damit ganz nah am Fax-Gerät.

Auf der Empfängerseite wird neben dem Radio ein Gleichrichter, ein Empfangsgerät, Spezialpapier und eine Kaliumjodid-Lösung benötigt, mit der das 9 × 13 cm² große Spezialpapier getränkt werden muss, ehe es auf den Zylinder gespannt werden kann. Rotiert der Empfangs-Zylinder synchron mit dem des Senders, zeichnet eine Metallnadel Zeile für Zeile ein (bedingt durch das Jodsalz) braunes Bild auf. "Wo der Empfangsstift über das Papier gleitet, färbt es sich, wie wenn aus dem unscheinbaren Metallstift plötzlich braune Farbe ausfließen würde. Ist der Stift in dieser Weise über die ganze Walze hinweggeglitten, so ist das Bild fertig und kann abgenommen werden", beschreibt Otho Fulton lyrisch seine Erfindung.

Fulton wollte, dass die Empfänger 4 bis 8 Mal über dem Preis eines Radiogerätes liegen sollten. In Österreich hat seine Firma 700 Geräte verkaufen können, in Deutschland 500. Fulton konnte allerdings auch in seinen Werken nie die Massenfertigung gewährleisten, die spätestens mit dem Einsetzen der Werbung für den Bild-Rundfunk notwendig gewesen wäre. Damit erreichte er nicht die Zahlen der von der Kriegsproduktion trainierten Firmen, Lorenz beispielsweise schaffte es, 15.000 Radios pro Monat herzustellen. Die britische Firma von Fulton ging schließlich 1935 pleite, die österreichische 1937.

Aus zeitgenössischen Berichten wie aus der Beschreibung von musealen Exemplaren wird zudem ersichtlich, dass das Hantieren mit nassem Papier beim Einspannen eines neuen Bildes nicht ganz einfach war. Der nächste Schritt wäre gewesen, eine Art Bandlaufwerk zu konstruieren.

In dieser Entwicklung zogen Siemens & Halske mit ihrem Bandchemograph vorbei, der einen fortlaufenden Bildstreifen produzierte und für Presseagenturen konstruiert wurde, die Zeitungen per "Direktdrahtschaltung" über feste Leitungen belieferte. Auch der Telefunken war mit dem Telefunken-Karolus-System bald überlegen, weil die Geräte als Sender wie als Empfänger genutzt werden konnten. Auch diese Geräte wurden für Zeitungsredaktionen und Rundfunksender konzipiert, nicht für den Radiohörer, der bei Fultons System geschlagene 5 Minuten warten musste, bis er ein Bild in der Hand hatte. "Sie wollen Töne und Bilder gleichzeitig?", fragte der preußische Innenminister Carl Severing zur Premiere in Königs Wusterhausen. "Ja, dann gehn'se doch ins Kino." Die Ära des Tonfilms hatte gerade begonnen und bald würde das Fernsehen folgen. (jk)

Anzeige