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Zahlen, bitte! In 60 Sekunden zum "Peel Shot"

Vor 70 Jahren stellte der Erfinder Edwin H. Land der "Optical Society of America" den Trennfilm Polaroid vor.

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Zahlen, bitte! 60 Sekunden für den "Peel Shot"

Die Blitzbirne zischte und dann war es mucksmäuschenstill, 60 Sekunden lang. Danach begann der US-amerikanische Erfinder Edwin H. Land, ein Bild seiner selbst "abzupellen", indem er die Deckfolie von seiner Erfindung, dem Polaroid-Film, abzog.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und natürlich der Mathematik vor.

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Was Land am 21. Februar 1947 den Fotografen der "Optical Society of America" zeigte, war der erste öffentliche "Peel Shot", der Einstieg in die Sofortbildfotografie. Ein konventioneller Fotograf lichtete die Szene ab, die als Bild der Woche von "Life" veröffentlicht wurde. Untertitel: "The American Way of Photography."

Im Zeitalter der Selfies dürften 60 Sekunden für ein "Sofortbild" vielleicht ein müdes Achzelzucken als Reaktion erzeugen, doch damals war es eine Sensation. Die Demonstration des Peel-Shots wurde in der Presse mit einem anderen Technologiesprung verglichen: "Der Sprung dieser Entwicklungstechnik ist wie der Sprung vom Nachrichtenreiter des 'Pony Express' zu unserem Telefon", schrieb die New York Times.

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Mit dem schnellen Schwarzweiß-Bild begann die Erfolgs-Geschichte von Polaroid eine typische amerikanische "Story". "Select, Focus, Shoot - the camera does the rest", war einer der bekanntesten Werbeslogans, mit denen Polaroid für seine Kameras und Filme warb. Das Verlangen nach dem schnellen Schnappschuss, erst in Schwarzweiß, doch bald in knalligen Farben, gehörte bald zum American Way of Life bis hinein in die 90er Jahre. Touristen verschickten so persönliche Grußpostkarten oder man fotografierte sich gemeinsam zum Abschied. Zuletzt war die große Zeit der Polaroids ein Thema, als im US-Wahlkampf diskutiert wurde, wie Donald Trump 1994 mit einer Polaroid-Kamera Models fotografierte.

Werbung für die "Swinger"-Kamera aus dem Jahr 1965 (Quelle: Polaroid)

Heute benutzt man den Begriff Swinger üblicherweise in sexuellem Kontext, bei Polaroid war Swinger hingegen der Name einer "intelligenten" Polaroid-SW-Kamera, die mit Yes oder No zeigte, wann fotografiert werden konnte. Die Swinger-Werbung sollte zum Synonym für ein unbeschwertes Leben werden, abseits des "Adult Fun", der den Marktstrategen von Polaroid ein Graus war. Denn natürlich spielten Polaroids auch in der privaten Erotik-Fotografie eine wichtige Rolle, besonders dort, wo es um Sex abseits der herrschenden Norm ging. Die Diskussion um die 2400 Polaroids des Künstlers Balthus zeigte vor Kurzem diese Grenze.

Der erste Peel-Shot-Film von Polaroid (14 Bilder)

Der erste Peel-Shot-Film von Polaroid

Polaroids Edwin H. Land im Kreise klassischer Fotografen. (Bild: Polaroid-Archiv)

Mit dem Polaroid-Film T52 wurde die Technik von Profi-Fotografen in Mittelformat-Kameras genutzt, etwa in der Studiofotografie für das schnelle Kontrollfoto zur korrekten Ausleuchtung innerhalb von 60 Sekunden, aber auch mit dem Film T55 in der Landschaftsfotografie von Ansel Adams.

Zu den bekanntesten Künstlern, die mit Polaroid-Bildern arbeiteten, zählten Andy Warhol und David Hockney. In der industriellen Anwendung sind die Röntgenfilme von Polaroid zu erwähnen, die erst in jüngster Zeit von digitalen Bildgebungsverfahren abgelöst wurden. Lange Zeit ist Polaroid in Vergessenheit geraten, auch durch die miserable Unternehmensführung nach dem Tode von Edwin H. Land, den niemand anderes als Steve Jobs als sein größtes Vorbild bezeichnete.

Seitdem das Polaroid-Knowhow in das Startup Zink übergegangen ist und zu rer Vorstellung des Polaroid Zip-Druckers führte, zeichnet sich eine Perspektive jenseits der 60 Sekunden ab. Im Jubiläumsjahr soll die auf der CES vorgestellte Polaroid Pop die Tradition der ruhmreichen Spaß-Kameras fortsetzen. (vza)