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Zahlen, bitte! Schale, 4,54 Gramm: alltägliches Gewicht, seltsam genutzt

Ein Abgesang auf die Pommes-Schale als Maßeinheit. Und ein Lobgesang: Denn manche in Zahlen mündende Messung ist einfach zu wunderbar.

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Zahlen, bitte! Schale, 4,54 Gramm: alltägliches Gewicht, seltsam genutzt

Mit Zahlen kann man genaue Angaben machen. Nehmen wir nur ein aussterbendes Medium, die Briefpost der Deutschen Post AG. Dort darf ein Standardbrief maximal exakt 20 Gramm wiegen. Seit dieser Woche ist auch klar und eindeutig definiert, wie schwer eine Postkarte sein darf: 150 bis 400 Gramm pro Quadratmeter. Die "leere Pommes-Schale", die die Deutsche Post bisher als Referenz nannte, ist damit Geschichte. Ein Abgesang.

Zahlen, bitte!

In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und natürlich der Mathematik vor.

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Exakt so viel wie eine "leere Pommes-Schale" soll eine Postkarte wiegen. Auf das Problem der leeren Pommes-Schale als Angabe für die Berechnung des Portos einer Postkarte stieß ich beim Kauf einer solchen Karte zum Geburtstag einer lieben alten Freundin, die etwas außer Fugen war – die Postkarte, nicht die Freundin. Doch dann war weit und breit keine Pommes-Schale zur Hand, die auf die Briefwaage im Büro gelegt werden konnte. Das Pommes-Postkarten-Problem führte zum Anruf bei einem Berliner Caterer, der wie alle Berliner Caterer Currywurst im Programm hat, weil sie auf Konferenzen sehr gefragt ist als Aufbauwurst. Die harte Recherche ergab: Die schicken Prozellanschalen wiegen exakt 200 Gramm. Was die ordinäre Feld-, Wald- und Pommesbuden-Schale wiegt, wusste man dort nicht.

Wozu gibt es das Neuland und Duckduckgo? Auch dort ist das Postkartengewicht seltsamerweise an das Essen gekoppelt, denn die erste Antwort fand sich glatt auf einer berühmt-berüchtigten Koch-Seite. Noch näher dran an der schlichten Pommes-Pappe sind schließlich die Pommes-Pappen-Produzenten und so erfahren wir von ihnen nach eingehender Recherche, dass eine Schale zwischen 4,54 Gramm und 9 Gramm wiegen kann. So lehrt der handliche Alltagsvergleich von Postkarten und Pommes-Schalen, mit der gebotenen Ungenauigkeit zu leben.

Dies ist ein Aspekt, der auch in der aktuellen Feinstaubdebatte eine Rolle spielt, in der Politik auf Lunge geraucht wird. Hier sind Experten unterwegs, die den Selbstbau-Sensor der Open Knowledge Foundation abkanzeln, weil er ungenauer arbeitet als die teuren Messgeräte. Doch alle Bürgersensoren zusammen als Big Data-Projekt reichen aus, um sich ein Bild von der tatsächlichen Feinstaubbelastung in einer Stadt wie Stuttgart zu machen.

Bekanntlich hantiert der oberste deutsche Feinstaub-Kritiker, der Lungenarzt Dietrich Köhler, mit dem Beispiel des Zigarettenrauchers, der nur ein bisschen pafft. Das bringt uns zu einem wunderbaren Film, in dem ein weiteres Gewichtsproblem abgehandelt wird: wie wiegt man eigentlich Rauch? In "Smoke" gibt es eine denkbar elegante Lösung. Der Zigarillo wird vor dem Rauchen gewogen, dann wird die Asche sorgsam auf der Waage gesammelt und mit dem Mundstück gewogen. Die Differenz ist das Gewicht des Rauches.

Damit zurück zur dicken, nicht genau zu wiegenden Postkarte und den Gewichtsbestimmungen der Deutschen Post AG. Satte 50 Gramm darf ein Kompaktbrief wiegen, rund 10 leere Pommes-Schalen. Ein solcher Brief wird für die neue umfangreiche Autorenvereinbarung des Heise-Verlages benötigt, die dieser Tage an den Verlag zurückgeschickt werden muss. Kritiker meinen, wir Autoren würden mit der Vereinbarung unsere Seele verkaufen. Das mag bezweifelt werden, doch vom Gewicht her hat alles seine Ordnung. Die 21 Gramm passen problemlos in den Kompaktbrief. (jk)