Menü

"Zahlen, bitte!" Sonderausstellung in Paderborn

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 81 Beiträge

Briefmarke zur Lösung des Fermatschen Satzes durch Andrew Wiles [Bild: HNF]

Als "Mentaltrainer und Zahlenakrobat" wurde Rüdiger Gamm dem Publikum vorgestellt. Doch was der Rechenkünstler am Donnerstagnachmittag im Auditorium des Heinz Nixdorf Museumsforums (HNF) zur Eröffnung der Ausstellung "Zahlen, bitte! Die wunderbare Welt von null bis unendlich" präsentierte, konnte ebenso gut als Sprachartistik durchgehen. Ohne sich einmal zu verhaspeln referierte er das in Sekundenschnelle im Kopf errechnete Ergebnis von 97 hoch 100: Beginnend mit "vier Tretrigintillionen" über diverse Dezillionen, Oktillionen, den schon vertrauteren Trillionen, Billiarden, Millionen bis zur letzten Ziffer – "und eins".

Bis zum 18. Mai 2008 bietet die in eineinhalbjähriger Vorbereitungszeit erarbeitete Sonderausstellung des Paderborner Computermuseums einen instruktiven Einblick in das Universum der Zahlen – zum ersten Mal seit rund 40 Jahren, wie HNF-Geschäftsführer Norbert Ryska betonte. Ein vergleichbares Projekt sei zuletzt im Jahr 1960 in Chicago realisiert worden und danach einige Jahre gewandert. Ehrensache, dass Ryska noch ein paar mehr Zahlen zu bieten hatte: 300 Exponate seien auf 700 Quadratmetern Ausstellungsfläche zusammengestellt, 25 Medienstationen sollen das abstrakte Gebilde "Zahl" auch sinnlich erfahrbar machen. An einer Stelle etwa können Besucher mit Kopfhörer hören, wie in unterschiedlichen Sprachen gezählt wird.

Die erste Idee zur Ausstellung entstand noch bevor im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Jahr 2008 zum "Jahr der Mathematik" erklärt wurde. Nun wurde die Ausstellungseröffnung nach dem offiziellen Auftakt des Mathejahres zum zweiten großen Highlight der großen Aufklärungsinitiative, die insbesondere junge Menschen für die Mathematik interessieren und begeistern soll. "Es gibt immer noch Menschen, die in der Öffentlichkeit mit ihrer Unkenntnis der Mathematik kokettieren", beklagte Frieder Meyer-Krahmer, Staatssekretär im BMBF, der zur Eröffnung über Zahlen in der Politik referierte. Zum Ende des Jahres, so sein Wunsch, sollte es mit dieser Koketterie ein Ende haben.

Die Schönheit der Mathematik sei jedem zugänglich, betonte Don Bernhard Zagier, Direktor des Max-Planck-Instituts für Mathematik in Bonn. Allerdings sei diese Schönheit nicht "von außen" zu sehen, sondern erfordere eine aktive Beschäftigung mit Zahlen. In seinem Vortrag über Primzahlen verriet er auch, wie sich mit der Rechenkunst Geld verdienen lässt: Für die Bestimmung der ersten aus mindestens zehn Millionen Ziffern bestehenden Primzahl ist ein Preis von 100.000 US-Dollar ausgeschrieben. Zagier empfahl, sich über den Suchbegriff "GIMPS" bei Google nähere Informationen zu beschaffen – und sich zu beeilen. Denn gegenwärtig steht der Rekord für die größte Primzahl bereits bei 9,8 Millionen Ziffern.

Wozu so etwas gut ist? Primzahlen helfen etwa, Daten sicher zu verschlüsseln. Entdeckungen in der Zahlentheorie haben geholfen, die Positionsbestimmung mittels Satellitennavigation zu verbessern. Doch das steht für Zagier nicht im Mittelpunkt. "Man macht die Mathematik, weil sie schön, aufregend, zwingend ist", sagt er. Anwendungen ergeben sich dann im Nachhinein.

Ins gleiche Horn stieß Albrecht Beutelspacher, Leiter des Mathematikums in Gießen, der sich in seinem Vortrag mit der Zahl Pi beschäftigte. Bis auf eine Billion Stellen hinter dem Komma sei diese Zahl, die bei einem Kreis das Verhältnis von Umfang zu Durchmesser angibt, mittlerweile berechnet. "Das ist völlig nutzlos, aber ein irres Gefühl", räumte Beutelspacher freimütig ein. "Ich stelle mir das so ähnlich vor, wie ohne Sauerstoffmaske den Mount Everest zu besteigen." Es gebe die Idee, dass sich in Pi alle denkbaren Zahlenkombinationen finden würden, aber beweisen konnte das bislang niemand. Immerhin fand Beutelspacher das Datum der Eröffnungsveranstaltung: Genau an der 154647. Stelle hinter dem Komma findet sich die Zahlenfolge 310108.

Der praktische Nutzen dieser Erkenntnis? Ein Sonderapplaus für Beutelspacher. Es kann aber wohl auch nicht schaden, sich eines Zitats zu erinnern, das Albert Einstein zugeschrieben wird: "Nicht alles, was sich zählen lässt, zählt. Und nicht alles, was zählt, lässt sich zählen." (Hans-Arthur Marsiske) / (Hans-Arthur Marsiske) / (pmz)

Anzeige
Anzeige