Zahnlose Kopiersperre auf Audio-CD von "We Are Scientists"

Die Macrovision-Kopiersperre CDS-300 auf der aktuellen CD der US-amerikanischen Popgruppe "We Are Scientists" will Kunden die digitale Gängelung schmackhaft machen: Die CD ermöglicht streng reglementierte Kopien und blockiert alles, was darüber hinausgeht

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Von
  • Gerald Himmelein

In Deutschland steht auf kopiergeschützten Musik-CDs neben dem Standard-Logo meist "Copy Controlled". "Content Protected" heißt es dagegen auf der CD "With Love and Squalor" der US-amerikanischen Popband "We Are Scientists". Ein schlechtes Omen: Dieser Schriftzug fand sich auch auf den US-CDs von Sony BMG, deren Kopiersperre als "Sony Rootkit" zu trauriger Berühmtheit gelangte.

Die gute Nachricht zuerst: Auf der CD findet sich nicht die seinerzeit von Sony BMG verwendete XCP-Kopiersperre, sondern der Kopierschutz CDS-300 von Macrovision. Die schlechte: CDS-300 lädt ungefragt Software in den Speicher, installiert nach Rückfrage eigene Treiber im System und erlaubt zwar die Erzeugung von CD-Kopien, versieht diese aber wieder mit einer Kopiersperre.

Wer die CD in einen Windows-PC einlegt, bekommt eine Flash-Anwendung auf den Schirm, die zum Akzeptieren eines 3000 Wörter langen Lizenzabkommens auffordert. Das Fenster ist so klein und die Schrift so groß, dass nicht einmal der erste Absatz komplett angezeigt wird. Klickt der Anwender jedoch auf den Rollbalken, flitzt der Text in einem Affenzahn über den Bildschirm – Lesen unmöglich.

Grausam zu Katzen und Kunden: die CD "With Love and Squalor" mit CDS-300.

Hinterhältigerweise tritt die Kopiersperre auch in Kraft, wenn das Lizenzabkommen abgelehnt wird. Bis zum Windows-Neustart enden alle Versuche, die Audio-Tracks auf die Festplatte zu extrahieren, mit Fehlermeldungen. Nach einem Klick auf "Vertrag akzeptieren" installiert sich die Kopiersperre auf Dauer.

Das Kürzel CDS steht für "Cactus Data Shield". Die Varianten CDS-100 und CDS-200 sind bereits seit Jahren auf dem Markt und für ihre bisweilen rabiaten Schutzmethoden berüchtigt, die mitunter auch Auto-CD-Spieler und DVD-Player an der Wiedergabe der CDs hinderten. Die Entwickler von CDS, das israelische Unternehmen Midbar, wurde 2002 von Macrovision aufgekauft.

Die Rückseite der CD von "We Are Scientists" führt eine Kompatibilitätsliste: Windows ja, WMA ja, "iPod/Windows" nein. Der CDS-Player erzeugt aus der CD zwar WMA-Dateien bis hin zum verlustfreien "WMA Lossless", versieht diese jedoch mit Nutzungsbeschränkungen nach Microsofts Janus-Standard (DRM 1000).

Auf dem Album-Cover hält sich das Trio "We Are Scientists" kleine Katzen vors Gesicht, die den Käufer der CD mit großen Augen anstarren. Ähnlich verwundert dürften iPod-Besitzer gucken, die das Album erworben haben. Eine Konvertierung ins AAC-Format sieht Macrovision nämlich nicht vor. Selbstverständlich müssen iPod-Besitzer nicht auf das Album verzichten – sie können im iTunes Music Store von Apple ein elektronisches Exemplar kaufen.

Immerhin bietet die Software die Option "Disk brennen" an. Zu deren Nutzung installiert CDS zusätzliche Software, die einen Neustart des Rechners verlangt. Der CDS-Player rippt die CD-Tracks und schreibt sie als kopiergeschützte WMA-Dateien mit einer Bitrate von 320 kBit/s in ein temporäres Verzeichnis, um sie dann wieder unkomprimiert auf das Medium zu schreiben. Die Brenn-Anwendung versieht die kopierte CD mit denselben Mechanismen zur Nutzungskontrolle wie das Original-Medium, nur dass die Kopie weder die Möglichkeit zur Konvertierung für portable Geräte bietet noch die Erstellung weiterer Kopien erlaubt.

Nach der Installation der Brennfunktion findet sich ein neuer Eintrag in der "Software"-Liste der Systemsteuerung mit der Bezeichnung "CD Burning 4". Deinstalliert man die Brennfunktion, bleibt die Kopiersperre (Revision 8.1.1.592) dennoch erhalten. Ein offensichtlicher Weg zur Entfernung fehlt somit.

Dennoch lässt sich CDS-300 mit geringem Aufwand deinstallieren: Im Stammverzeichnis der CD findet sich ein undokumentiertes Deinstallationsprogramm namens uninstall.exe. Es setzt zwar nicht die DRM-Richtlinien zurück, entfernt aber die störenden Treiber aus dem System.

In England und in den USA erschien dieselbe CD ohne Kopiersperre. Anscheinend hat EMI kein Vertrauen in die Ehrlichkeit seiner deutschen, österreichischen und Schweizer Kunden. CDS-300 kommt momentan aber auch in anderen Ländern auf den Markt, darunter Brasilien. Möglicherweise kommt CDS-300 in Deutschland auch bereits auf anderen CDs zum Einsatz.

Wer es unbedingt lesen will, findet das Lizenzabkommen in 21 Sprachen auf der CD – als XML-Datei. Der folgende Absatz steht im Original komplett in Versalien, ist aber ansonsten unverändert wiedergegeben:

Indem Sie unten "Vertrag angenommen" anklicken, erklären Sie Ihre Annahme der Bestimmungen und Bedingungen dieses Vertrags sowie Ihre Absicht, sich rechtlich an diese Bestimmungen und Bedingungen rechtlich zu binden. Sollten Sie mit diesen Bestimmungen und Bedingungen nicht einverstanden sein, klicken Sie bitte "Schliessen" an. Wenn Sie auf "Schliessen" klicken, werden sie keinen Zugriff auf die zu dieser CD gehörenden digitalen Musikdateien und die Software haben.

Der unlesbare Lizenzvertrag der CD von "We Are Scientists".

Es versteht sich fast von selbst, dass die CDS-Anwendung weder eine mit "Vertrag angenommen" gekennzeichnete Schaltfläche anbietet noch eine mit der Beschriftung "Schliessen". Zudem ist der letzte Satz nachweislich unwahr: Im Gegensatz zu seinen Vorgängern verzichtet die aktuelle CDS-Kopiersperre darauf, die Audio-Tracks mit manipulierten Subcodes und ähnlichen Schikanen zu versehen, um PC-Laufwerke aus dem Tritt zu bringen. Wer beim Einlegen der CD trotz gegenteiliger Warnungen von EMI die Umschalttaste gedrückt hält, kann das zwölf Titel lange Album ungestört mit dem Audio-Ripper seiner Wahl in ein ungeschütztes Format wie MP3 extrahieren – dann klappts auch mit dem iPod.

Eine wachsende Zahl von Kopiersperren auf Video-DVDs und Musik-CDs versucht, sich mit Software auf dem PC zu verewigen. Daher empfiehlt es sich mittlerweile generell, unter Windows für alle optischen Laufwerke die Autoplay-Funktion auszuschalten. System-Administratoren können dies auch über den Gruppenrichtlinien-Editor erledigen (Computerkonfiguration > Administrative Vorlagen > System > "Autoplay deaktivieren"). (ghi)