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Zehn Jahre Bitcoin: Es werde Geld

Vor 10 Jahren veröffentlichte ein gewisser "Satoshi Nakamoto" ein Konzept für ein Währungssystem namens Bitcoin, das zum ökonomischen Phänomen wurde.

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Bitcoin

(Bild: dpa, Jerome Favre)

Die Digitalwährung Bitcoin ist zu einem der großen wirtschaftlichen Phänomene unserer Zeit geworden. Ihr sagenhafter Kursanstieg in den vergangenen Jahren befeuerte – und erfüllte manche – Träume von schnellem Reichtum; die massiven Wertschwankungen und ein Kursabsturz in diesem Jahr weckten aber die Angst vor dem Platzen einer gewaltigen Spekulationsblase.

Am Anfang lieferte der Bitcoin erstmal eine spannende Antwort auf die Frage: Wie kann man dafür sorgen, dass Einheiten eines digitalen Geldes nur einmal ausgegeben und nicht beliebig oft kopiert werden? Die klassische Lösung wäre, zentrale Autoritäten Buch über die Zahlungen führen zu lassen. Am 31. Oktober 2008 veröffentlichte eine Person namens Satoshi Nakamoto ein Paper in einer Mailingliste für Kryptografie-Interessierte, das dieses Double Spend genannte Problem auf ganz andere Weise meistert: ohne zentrale Instanzen.

Dafür kombiniert das "Bitcoin" genannte System Kryptografie, P2P-Netzwerke und Elemente der Spieltheorie in einer vorher noch nicht gesehenen Form. Geldschöpfung, Kontoführung, Transaktionsverarbeitung – all das, was sonst Banken und Zentralbanken machen, wird hier in die Hände der Nutzer gelegt. Vertrauen untereinander ist nicht nötig, der Konsens über den Stand der Zahlungen soll algorithmisch gewährleistet werden. Eine im Netzwerk verteilte, kryptografisch verkettete Reihe von chronologischen Transaktionslogs namens Blockchain ist der Garant. Ein "Mining" genanntes Hashwert-Rätsel verteilt das Recht, neue Einträge in die Blockchain zu erzeugen, unter allen Nutzern, die Rechenleistung dafür bereitstellen.

Der Vorschlag ist nicht nur neutrale Technologie; er ist auch in Code gegossene Politik. Hier trifft die Ideologie der kryptoanarchischen Cypherpunk-Bewegung auf die im Silicon Valley verbreitete libertäre Weltsicht. Das neue Geld soll keine nationalen Grenzen kennen, kein Staat soll seine Geldflüsse kontrollieren können, keine Zentralbank die auf 21 Millionen Einheiten begrenzte Geldmenge nach Belieben beeinflussen können, weil es gerade den Herrschenden opportun erscheint. Vertrauenswürdig soll allein der quelloffene Programmcode und die darin verwendete Mathematik sein. Alles andere regelt dann der freie Markt.

Zwei Monate nach Nakamotos Aufsatz, im Januar 2009, enthält der erste Block der Bitcoin-Blockchain im Coinbase-Parameter passenderweise auch eine Zeitungs-Überschrift: "The Times 03/Jan/2009 Chancellor on brink of second bailout for banks“ (Übersetzt: Der britische Finanzminister steht kurz vor einem zweiten Rettungspaket für Banken.) Ein kleiner Seitenhieb des neuen Gelds ans alte Finanzsystem. Das erlebte gerade nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers unter der Last fauler Immobilienkredite eine seiner schwersten Krisen.

Aber bis dieses dezentrale Geldsystem über Insider-Kreise hinaus bekannt und auch für reale Güter ausgegeben wurde, dauerte es noch. Legendär ist die Geschichte vom Programmierer, der 2010 für zwei gelieferte Pizzen mit 10.000 Bitcoin bezahlt haben soll, aktueller Wert rund 55 Millionen Euro. Nach und nach finden sich Akzeptanzstellen, Bezahldienstleister wollen Händlern die Abwicklung erleichtern, Initiativen für Bitcoin-Boulevards in einigen Städten entstehen – letztlich aber ohne großen Widerhall. Abgesehen von technikaffinen Menschen zahlt kaum jemand damit. Das Versprechen, seine eigene Bank sein zu können, ist für Otto Normalnutzer wohl eher einschüchternd. Der Boom von Darknet-Drogenmarktplätzen und Ransomware hingegen wären ohne das unregulierte Geld wohl nicht denkbar gewesen.

Während die Revolution an den Ladenkassen und Warenkorb-Checkouts ausfällt, wird die Party munter an den Börsen für Kryptogeld gefeiert. Ein ums andere Mal sorgen die Achterbahnfahrten des Bitcoinkurses für Schlagzeilen. Anfangs konnte der Bitcoin-Preis von wenigen US-Dollar auf mehrere Dutzend springen – und zurück. Später wurden daraus Schwankungen von mehreren hundert oder sogar tausend US-Dollar. Die letzte große Rallye gab es Ende vergangenen Jahres, ein Bitcoin war zum Höhepunkt im Dezember fast 20.000 US-Dollar wert. Danach folgten ein Absturz und eine anhaltende Bewegung zur Seite zwischen 6000 und 7000 US-Dollar.

Einer der reichsten Bitcoiner dürfte wohl sein Erfinder sein. Oder seine Erfinderin? Oder die Erfinder? Nach wie vor ist die Identität von Satoshi Nakamoto ungeklärt, alle Vermutungen und Behauptungen blieben bislang unbewiesen. Für die Weiter-Entwicklung des Bitcoins spielt diese legendäre Gründerfigur aber auch schon lange keine Rolle mehr. Der stets nur auf elektronischem Wege mit seinen Mitstreitern kommunizierende Satoshi zog sich 2011 zurück. Und sein auf eine Millionen Einheiten geschätzter Bitcoin-Schatz (derzeit rund 5,5 Milliarden Euro wert) ist nach wie vor nicht bewegt worden.

Auf dem Kryptogeld zu sitzen, entspricht auch einer nach einem Schreibfehler-Meme benannten Philosophie in der Community: Buy and Hodl. Kaufen und Halten. Und natürlich abwarten, dass es durch die Decke geht. So wird dann inzwischen bejubelt, dass sich die früher verhasste Wall Street langsam für die Spekulation mit Kryptogeld erwärmt. "Institutional money is coming“, liest man derzeit in manchem Reddit-Thread. So aber wird der Bitcoin zu einem Geld, das kaum jemand ausgibt, und nur wenige reich macht.

Auch die Skalierungsfähigkeit macht Sorgen. Ein Währungssystem für die ganze Welt, das nur 7 Transaktionen pro Sekunde verarbeiten kann? Ein Streit über technische Lösungen führte 2017 schließlich sogar zu Abspaltungen vom Bitcoin. Derzeit konzentriert sich die Entwicklungsarbeit auf Nebenkanäle zum Netzwerk, die schnellere Transaktionen schaffen sollen – sogenannte Lightning Networks. Die Ineffizienzen des Proof-of-Work-Systems hinter dem Bitcoin lösen die aber nicht. Die Hashingleistung steigt galoppierend an und zentralisiert sich auf wenige große Player. Der Strombedarf für die Berechnung der Hashwerte wird inzwischen auf den eines kleinen europäischen Staates geschätzt.

Vielleicht liegt die wahre Leistung des Bitcoins aber eher in der erfolgreichen Demonstration eines Prinzips? Das Bitcoin-Konzept wird tausendfach kopiert, weitergedacht, manchmal auch verschlimmbessert. Aus einer Währung wird eine ganze Kryptogeld-Ökonomie mit einem bunten Strauß an Währungen, Tokens, Bezahldienstleistern, Bitcoin-Automaten, Börsen, Mining-Pools, Initial Coin Offerings, decentralized Apps und und und. Einerseits herrscht großer Idealismus, andererseits Sitten wie im Wildwest-Saloon. Wer sich da nicht auskennt, meidet besser die Pokertische und geht gleich hinterm Klavierspieler in Deckung.

Die Finanzwelt schaut sich das sehr genau an. Aber sie will keine neue Währung, sondern lieber ein neues Back-End für sich selbst schaffen – mit der Blockchain-Technik. Natürlich mit zentralen Autoritäten, Teilnahme nur nach Erlaubnis und staatlicher Regulierung. Also das genaue Gegenteil dessen, wofür der Bitcoin gedacht ist. Ebenso schauen viele andere Industrien von der Musik- bis zu Autobranche, ob sie nicht auch irgendwas mit Blockchain machen können. Grundbücher, Urheberrechte, Frachtbriefe und was sonst noch nicht bei drei auf dem Baum ist, soll an die Blockkette. An Prototypen und Tests herrscht aller Orten kein Mangel. Klare Belege, dass die Technologie in diesen Feldern besser ist als bestehende Systeme, stehen noch aus. Bis dahin füllt sie vor allem Buzzword-Bingo-Zettel.

Ein Fazit nach zehn Jahren zu ziehen, ist keine leichte Sache. Kein Wunder, leben wir doch in einem Land, dessen Regierung es in der ganzen Zeit nicht geschafft hat, überhaupt mal rechtlich klar zu formulieren, was Kryptogeld eigentlich ist. Folgt man seinen Jüngern, ist es mit seinem dezentralen Prinzip die richtige Antwort auf praktisch jedes gesellschaftliche Problem. Den Kritikern nach wurde hier lediglich das Schlechteste aus Tulpenzwiebel-Manie, Schneeballsystemen und Hütchen-Spiel zusammengepanscht. Ein bescheidener Vorschlag für die in der Mitte liegende Wahrheit: Es ist eine Lösung, die noch nicht ihre passenden Probleme gefunden hat. (axk)

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