Tour de France: So funktioniert die Zeitmessung

Etappensieg oder Gelbes Trikot? Bei der Tour de France ist die Zeitmessung mal einfach, mal hochkomplex. Wir fuhren mit und haben uns die Technik angesehen.

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Im Ziel entscheidet das Fotofinish über die Platzierung bei der Etappe. Diese eigentlich alte Technik leistet in Verbindung mit Transpondern Erstaunliches.

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In Sportveranstaltungen wie dem Radrennen Tour de France wäre ein Mensch mit Stoppuhr fehl am Platze. Stattdessen nutzt man vielfach das Fotofinish, um die Sieger zu ermitteln. Das verwundert eigentlich, aber Stoppuhr und herkömmliche Transponder am Fahrradrahmen beziehungsweise am Körper der Sportler sind für einige Wettkämpfe einfach nicht genau genug. Bei der Tour de France ist es aber gerade die Mischung zwischen altehrwürdiger Fotofinish-Technik und modernen anderen Methoden, die funktioniert.

Beim Fotofinish fotografieren mehrere Kameras ausschließlich den schmalen Streifen der Ziellinie, und zwar jeweils im Abstand von einer Zehntausendstelsekunde. Die einzelnen Fotos reiht eine Software mit Zeitstempeln hintereinander auf. Fährt jemand schnell, so ist er im vergleich zu einem langsamer Fahrenden auf weniger Aufnahmen zu sehen, entsprechend gedrängt wirkt die Aneinanderreihung dieser Aufnahmen. Wer langsam die Ziellinie überquert, erzeugt hingegen ein gestreckteres Bild. Das Prinzip ist alt und wurde im Sport schon in den Vierzigerjahren angewendet.

Die Zeiterfasser nutzen eine Software, die Zeitstempel, Transpondersignale für die Vorabreihenfolge sowie das Fotofinish für die letzte Entscheidung integriert.

(Bild: Swiss Timing)

Bei der Tour de France kann man damit bis auf wenige Millimeter genau die Ankömmlinge einsortieren. Für die Entscheidung über den Etappensieg ist das wichtig, für den Gesamtsieg hingegen völlig unwichtig, denn dafür ermittelt man die Zeiten nur sekundengenau.

Auch wenn die Transponder am Rad für die offizielle Zeitmessung keine Rolle spielen, spielen sie dennoch eine wichtige Rolle, weil sie beim Erstellen der Liste der Zielankünfte schon eine gut sortierte Liste automatisch generieren. Mit ihr fällt es den Auswertern leichter, die Liste mit der offiziellen Reihenfolge im Ziel anhand des Fotofinishs schneller zu erzeugen.

Technik bei der Tour de France (19 Bilder)

Zeiterfassung im Chronopol

Das Chronopol ist die Auswertekabine an der Ziellinie. Hier werden für alle, die über die Ziellinie fahren, per Fotofinish die offiziellen Fahrzeiten sowie die Reihenfolge bestimmt. Die Regeln sehen dafür auch einen Rollenausdruck der Zeitmessungen vor - als Back-Up.
(Bild: c't (Michael Link))

Im Prinzip klicken die Auswerter dazu jeweils im Fotofinish die vordere Kante des Vorderrades an und die Fahrer erhalten daraufhin die mit der Startzeit abgeglichene offizielle Ankunftszeit gutgeschrieben. Pascal Rossier ist der Leiter der Zeiterfassung bei Swiss Timing und Tissot, welche die Zeitmessung seit Jahren abwickeln. Gegenüber c't äußerte er, dass man durchaus überlege, die Auswertung der Zielfotos auch durch Bilderkennung zu beschleunigen, damit die Ergebnisse nicht nur in drei bis fünf Sekunden (für die Ersten) beim etwas entfernten Podium ankommen, sondern noch schneller.

Schaut man in der Auswertezentrale, auch Chronopol genannt, über die Schultern der fünf Auswerter, erkennt man, dass hier ziemlich viele Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenlaufen. Den Startschuss beispielsweise erhalten die Zeitmesser zusammen mit einem Stempel, der die tatsächliche Startzeit enthält. Damit werden die Uhren der Zeitmessung im jeweiligen Ziel synchronisiert. Die Uhren im Chronopol selbst basieren auf Quarzwerken, sind also nicht überkandidelt genau: Sie gehen in 115 Jahren aber nur um eine Sekunde falsch, was für eine Tour-de-France-Etappe allemal reicht.

Zum Ermitteln der Punkte für die Bergwertung gehen die Veranstalter verblüffend rustikal vor: Hier sitzt bei den Bergankünften jeweils ein Mensch, der - je nach Schwierigkeit des Anstieges - die bis zu acht Startnummern in eine SMS packen, die nacheinander das Zwischenziel erreicht haben. Die Regeln vergeben schließlich nur Punkte nach der Reihenfolge der Ankünfte, aber nicht nach der Zeit. Mehr Ansprüche an die Genauigkeit der ermittelten Zeiten für eine Strecke ergeben sich naturgemäß beim Zeitfahren, bei dem ja jeder gegen die Uhr, aber nicht im Pulk mit anderen fährt. Das spiegelt sich auch beim Aufwand wieder. Beim Zeitfahren wachen doppelt so viele Zeitnehmer über die korrekte Ermittlung der Fahrdauer.

Die Zeitmessung ist zentral für die Ergebnisliste, allerdings stammen viele Infos aus weiteren Quellen. Offizielle Wettkampfrichter bestimmen über Sekundengutschriften und -Abzüge und sie entscheiden auch darüber, wer in einer Etappe zu langsam war und wegen Überschreitung der Karenzzeiten aus dem Rennen genommen wird. Solche Entscheidungen müssen ebenfalls in die offiziellen Ergebnislisten eingepreist werden, die als vorläufig schon wenige Sekunden nach dem Rennen beziehungsweise sogar nach der Ankunft der Sieger in Ergebnislisten gegossen werden.

Vorher schon kann man im Fernsehbild oder auf Websites sehen, wie weit beispielsweise Ausreißer vom Hauptfeld entfernt sind. Solche Infos stammen von Transpondern am Sattel der Fahrer. Die Firma Dimension Data sammelt damit unter anderem Positionsdaten, Geschwindigkeiten und übermittelt sie über andere Transponder in anderen Rädern sowie über feste und fliegende Relaisstationen in HUbschraubern und in Flugzeugen zum Zielbereich. Dort steht ein Computer-Truck, der die Daten aufbereitet an Rechenzentren schickt. Sie lassen sich dann über Web-APIs abrufen.

Prinzipiell ist auch das Aufzeichnen von individuellen Daten der Sportler möglich, etwa die Leistung, mit der sie in die Pedale treten oder ihr Puls. Derlei Daten werden allerdings im Radsport nicht öffentlich gemacht, denn sie würden auch den gegnerischen Teams wertvolle Hinweise geben. Die gesamte Reportage sowie noch detailliertere Infos finden Sie im ausführlichen c't-Artikel. Auch im c't uplink 23.4 sprachen wir darüber. (mil)