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Zensur-Vorwürfe gegen Apple

Apple prüft nicht nur die technische Funktion der mehr als 100.000 Anwendungen in seinem App Store, sondern auch deren Inhalte. Damit schafft Apple weltweit Zugangskontrollen nach eigenen Regeln. Kritiker sprechen sogar von Zensur. So können beispielsweise Abonnenten der seit Dezember erhältlichen "Bild"-App bereits um 22 Uhr die Ausgabe des Boulevardblatts des folgenden Tages auf dem iPhone herunterladen. Doch wer vergleicht, bemerkt Abweichungen zur gedruckten Ausgabe: So sind auf dem Mobiltelefon Nacktfotos und Sex-Anzeigen mit weißen Überblendungen entschärft ("geblitzt").

Grund sind die Apple-Regeln. Entweder liefern die Anbieter ihre Inhalte so, dass sie nicht beanstandet werden oder Apple greift selbst ein und löscht diese. "Nicht erlaubt sind Anwendungen mit beispielsweise pornografischen, illegalen oder die Privatsphäre verletzenden Inhalten", erklärt Apple-Sprecher Georg Albrecht. Die genauen Richtlinien veröffentlicht das Unternehmen jedoch nicht, und weitere Erklärungen möchte Albrecht dazu auch nicht abgeben. Wegen der fehlenden Transparenz können die Nutzer kaum ermessen, ob nur Schmuddelbilder aus dem Verkehr gezogen werden oder vielleicht auch andere vermeintlich "anstößige Inhalte", wie in manchen Blogs kritisiert wird.

Für den Vorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, Michael Konken, ist klar: "Da wird in die Berichterstattung eingegriffen, das darf nicht sein. Das kann man sogar als Zensur bezeichnen." Konken sieht die Glaubwürdigkeit von Informationen auf dem iPhone insgesamt erschüttert. "Der Provider ist nur der Lkw, der die Ladung transportiert, er darf nicht die Fracht bestimmen." Schließlich gebe es Mediengesetze und im Streitfall Gerichte, die über die Pressefreiheit wachen.

Mit den restriktiven Regeln machte kürzlich der Stern Erfahrung: Apple löschte die Anwendung wegen einer Erotik-Bilder-Strecke. Das Magazin kritisierte das als praxisfern und verwies darauf, dass solche Bildergalerien völlig normal seien. Bei "Bild" gehört das Entschärfen zum normalen Produktionsprozess, um einer Sperre zu entgehen. "Die Redaktionsleitung entscheidet, welche Bilder im Zweifel 'geblitzt' werden müssen", erklärt der stellvertretende "Bild"-Chefredakteur Michael Paustian. "Die Regeln richten sich zum einen nach den Vorgaben von Apple – zum anderen nach dem gesunden Menschenverstand und der Einschätzung, welche Nacktdarstellungen in anderen Ländern und Kulturkreisen eventuell anstößig sein könnten. Natürlich muss man sich auch an die geltenden Spielregeln halten, um im App-Store zu erscheinen." Es gehe aber nur um die Entschärfung von Erotik, betont Paustian. Eingriffe in journalistische Inhalte seien ausgeschlossen.

Für den Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Helmut Heinen, ist die Prüfung der Inhalte problematisch. "Zensur ist sicher nicht die Zielsetzung der Plattformbetreiber, aber wir müssen als Inhalteanbieter den Anfängen wehren. Eingriffe müssen öffentlich gemacht werden, da wird es sicher noch Diskussionen geben." Da das iPhone weit verbreitet und die Plattform einfach zu bedienen ist, kommt ein Anbieter, der seine Inhalte mobil verbreiten möchte, an Apple nur schwerlich vorbei. Medienunternehmen erhoffen sich zusätzliche Einnahmen von den Apps, da die Nutzer oft bereit sind, dafür Geld zu bezahlen – im Gegensatz zu Internetangeboten. Inzwischen wurden weltweit mehr als drei Milliarden Apps heruntergeladen.

Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat allerdings Verständnis für den Konzern. "Es kam mehrfach vor, dass Provider in kritischen Fällen für Darstellungen auf ihrer Plattform zur Verantwortung gezogen wurden. Insofern handelt es sich um eine Vorsichtsmaßnahme aus juristischen Gründen." Allerdings müssten die Kriterien offengelegt werden. Bolz sieht die größere Gefahr im vorauseilenden Gehorsam von Journalisten. "Die Redaktion kann mit Rücksicht auf iPhone-Nutzer eine Schere im Kopf verinnerlichen und von vornherein auf problematische Inhalte verzichten." (Rolf Westermann, dpa) / (anw)

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