Zentrales Atomabfall-Lager soll nach Würgassen

Atommüll soll 2027 im Endlager Schacht Konrad in Salzgitter unter die Erde kommen. Neu: Die Abfälle aus den Zwischenlagern sollen vorher nach Würgassen.

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(Bild: mrlenis1983 / Shutterstock.com)

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An der Grenze zu Niedersachsen soll ein zentrales Lager für radioaktive Abfälle aus ganz Deutschland entstehen. Behälter mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen aus dezentralen Zwischenlagern sollen in eine noch zu bauende oberirdische Stahlbetonhalle auf dem Gelände des früheren AKW Würgassen in Nordrhein-Westfalen gebracht werden. Das berichtete die Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) am Freitag in Würgassen – im Länderdreieck von Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen. Die Planung sei mit dem Bundesumweltministerium abgesprochen.

In dem angestrebten "Logistikzentrum" würden die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle gesammelt, sortiert und so zusammengestellt, dass man sie schnellstmöglich ins Endlager Konrad nach Salzgitter bringen könne, erläuterte die BGZ. Der Schacht Konrad ist Deutschlands erstes atomrechtlich genehmigtes Endlager, das derzeit unter besonderen Bedingungen entsteht. Dort soll ab 2027 schwach- und mittelradioaktiver Atommüll endgelagert werden. Seit Jahren wird gegen Atomtransporte demonstriert, auch das Vorhaben in Salzgitter ist von Protesten begleitet. Die Anti-Atom-Organisation Ausgestrahlt kritisierte das neue Vorhaben massiv.

Ein BGZ-Sprecher sagte, man informiere nun erstmals öffentlich über das Vorhaben. Bisher sei noch kein Genehmigungsverfahren bei der zuständigen Bezirksregierung in Detmold beantragt. Auch für eine Baugenehmigung seien die erforderlichen Schritte noch nicht unternommen worden. Geplant sei ein 325 Meter langes, 125 Meter breites und 16 Meter hohes Gebäude aus Stahlbeton. Die Errichtung solle mit der Inbetriebnahme des Endlagers Konrad 2027 abgeschlossen sein. Es würden 450 Millionen Euro investiert und 100 Arbeitsplätze geschaffen.

Die radioaktiven Abfälle stammen nach BGZ-Angaben aus Betrieb, Stilllegung und Rückbau von Atomkraftwerken sowie aus den Bereichen Medizin, Forschung und Gewerbe. "Hochradioaktive Abfälle, wie etwa abgebrannte Brennelemente, werden dort nicht gelagert", betont die Gesellschaft.

"Wir haben uns nach sorgfältiger Prüfung und Abwägung potenzieller Standorte und in Abstimmung mit dem Bundesumweltministerium für Würgassen als Standort für unser Logistikzentrum entschieden", sagte Ewold Seeba, Vorsitzender der BGZ-Geschäftsführung. Ausschlaggebend sei auch gewesen, dass am ehemaligen Atomkraftwerksstandort Würgassen bereits zwei Zwischenlager in Betrieb seien. Die für ein solches Logistikzentrum nötige Infrastruktur sei damit vorhanden.

Ziel sei es, ab 2027 eine "passgenaue Belieferung des Endlagers Konrad" sicherzustellen. Man müsse Abfallbehälter in Würgassen konzentrieren, um von dort aus den Atommüll geordnet und zügig zur Endlagerung zu bringen. Der Einlagerungsprozess in Salzgitter solle insgesamt beschleunigt werden. Das sei "ein Gewinn an Sicherheit für alle". In der künftigen Stahlbetonhalle soll der Atommüll sortiert und mit Kränen rangiert werden – es werde Gleis-Anschlüsse zum An- und Abtransport geben. Für Würgassen gelte: "Das Logistikzentrum wird nach dem Ende des Einlagerungsbetriebs im Endlager geschlossen.

Die BGZ wurde laut eigenen Angaben von der Bundesregierung beauftragt, ein Bereitstellungslager für das Endlager Konrad zu planen und zu errichten. Das sei auch im Koalitionsvertrag von 2018 ausdrücklich bekräftigt worden. "Die besondere Eignung des Standortes Würgassen für die Anlage wurde auch vom Öko-Institut Darmstadt im Auftrag des Bundesumweltministeriums in einem Gutachten überprüft und bestätigt" betonte die BGZ.

Die Organisation Ausgestrahlt kritisierte, dass künftig von allen Himmelsrichtungen in Deutschland aus strahlende Behälter zuerst nach Würgassen transportiert würden und man die Atommüll-Züge dann nach Salzgitter fahre. Das neue Lager werde nur deshalb nicht direkt am Schacht Konrad gebaut, weil das Genehmigungsverfahren für das Endlager dann neu aufgerollt werden müsse. "Da Schacht Konrad nicht mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik entspricht und deshalb heute nicht mehr genehmigungsfähig wäre, soll ein neues Verfahren mit aller Macht verhindert werden", hieß es in einer Mitteilung. Deshalb weiche man auf das 90 Kilometer entfernte Würgassen aus.

Kritik gab es auch von der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad. Einziger Grund für das neue zentrale Zwischenlager sei, dass bei Schacht Konrad aus Kostengründen die genehmigten Obergrenzen bis zum Letzten ausgereizt werden sollten, hieß es in einer Stellungnahme. "Ein solches Vorgehen ist unverantwortlich, sowohl gegenüber den Menschen in Würgassen, als auch den Menschen an den Transportstrecken", sagte AG-Sprecher Ludwig Wasmus.

Die Gesellschaft BGZ ist auch für den Betrieb der Zwischenlager Ahaus und Gorleben zuständig. Vor gut einem Jahr wurden ihr auch die zentralen Zwischenlager an den Standorten der deutschen AKW übertragen. "Ab 2020 führen wir ebenfalls die zwölf Lager mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen der deutschen Kernkraftwerke", heißt es bei der BGZ. (jk)