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Zero-Rating: Marketingtrick gegen Netzneutralität oder Internet für Entwicklungsländer?

Auf dem IGF ist Streit ausgebrochen über das Zero-Rating: Inhalteanbieter wie Facebook oder Wikipedia tun sich mit den Mobilfunkbetreibern in ärmeren Ländern zusammen, damit ihre Dienste ohne Anrechnung aufs Datenvolumen ans Handy geliefert werden.

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Auf dem 9. Internet Governance Forum der UN, das in Instanbul stattfindet, ist Streit über das sogenannte Zero-Rating ausgebrochen.

(Bild: Martin Holland)

Chile und die Niederlande haben es verboten, auf dem 9. Internet Governance Forum in Istanbul jedoch warben Netzbetreiber, Vertreter aus Entwicklungsländern und die für Wikipedia Zero verantwortliche Wikimedia-Vertreterin dafür: Zero-Rating als kostenloser Einstieg ins mobile Internet. Inhalteanbieter wie Facebook, Spotify und inzwischen auch Wikipedia tun sich dabei mit den Mobilfunkbetreibern zusammen, damit ihre Dienste kostenlos beziehungsweise ohne Anrechnung aufs mobile Datenvolumen aufs Handy geliefert werden, manchmal als einziger Internetdienst.

Was in Industrieländern als besonderer Service für Kunden verkauft wird, etwa bei den Spotify-Tarifen der Telekom, empfahlen auf dem IGF unter anderem Orange-Manager Yves Nissim und Helani Galpaya von LirneAsia als Schritt zur Überwindung des "digitalen Grabens". Als Verstoß gegen die Netzneutralität wurde das Konzept des Zero-Rating aber kontrovers diskutiert: Facebook oder ein um seine Links beraubtes Wikipedia als erster oder einziger Internetersatz?

Nissim, Oranges Vizechef für Corporate Social Responsibility, nannte die Partnerschaft des Mobilfunkriesen mit der unverdächtigen Wikimedia Foundation fürs Wiki-Zero-Angebot Bestandteil eines "großen Gesamtprogramms zur Wahrnehmung der sozialen Verantwortung des Unternehmens". Orange, das in vielen afrikanischen Ländern aktiv sei, biete damit Zugang zu Bildung. Ein vergleichbares Angebot für Arme in den USA durch das mittlerweile von T-Mobile aufgekaufte Metro PCS hätten Netzneutralität-Fanatiker verhindert, wetterte Berin Szoka, Präsident der Carrier-freundlichen Organisation TechFreedom.

Wikimedia-Juristin Yana Welinder unterstrich, die Stiftung biete bei den Zero-Rating-Offerten nicht nur den Zugang zur Information, sondern auch die Möglichkeit, selbst an der Online-Enzyklopädie mitzuschreiben. So werde etwa künftig der Autor in Nepal unterstützt, der bisher rund 6000 Beiträge über sein Mobiltelefon editiert habe. Überhaupt nannte Welinder Nepal als Erfolgsbeispiel für Wiki Zero. "Seit wir Wikipedia Zero in Nepal ermöglicht haben, gibt es dort 100 Prozent mehr Seitenabrufe", meinte Welinder. Insgesamt gebe es Wiki Zero derzeit in 30 Ländern und sei damit kostenlos für 350 Millionen Menschen. Wikipedia verzeichne rund 65 Millionen Seitenabrufe von Wiki-Zero-Nutzern pro Monat, bilanzierte sie.

Die Stiftung weiß dabei, dass sie sich mit dem Angebot auf dünnes Eis begibt. Welinder bemühte sich, Bedenken wegen Verstoßes gegen die Netzneutralität unter anderem durch den Verweis auf zehn Prinzipien zu zerstreuen, mit der man Wiki Zero netzneutralitätskompatibler machen möchte: keine Bezahlung an die Provider (anders als bei Google oder den Facebook-Varianten), keine Exklusivität, kein Bundling. Ein "temporärer Fix" sei das Zero-Programm, bis Wikipedia über ein hoffentlich erschwinglicheres Netz verfügbar werde.

Die Befürworter klarer Netzneutralitäts-Regeln und -Gesetze warnten demgegenüber, der temporäre Fix bleibe eine Verletzung der Diskrimierungsfreiheit und verzerre den Wettbewerb. Das gelte auch für ein durchaus positives Projekt wie Wikipedia. Im Hauptpanel zur Netzneutralität beim 9. IGF fragte ein indischer Aktivist, ob es Wikipedia heute wohl geben würde, hätten Carrier vor ein paar Jahren entschieden, die Encyclopedia Britannica kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wer ausschließlich über Facebook ins Internet gehe, gehe eben nicht ins Internet, warnte Jens Best von Wikimedia in Deutschland, der auch an der Wiki-Zero-Aktion kein gutes Haar lies und darauf hinwies, dass die Verlinkungen gekappt wären und Wikiseiten plötzlich zum Tummelplatz für schlaue Chatter werden könnten.

Vor allem aber wehrten sich Vertreter aus Nord und Süd gegen die Auffassung, dass Netzneutraltät und ein besserer Zugang zum Internet Widersprüche seien, Einschränkungen der Neutralität also etwa bei den Spezialabmachungen für die neuen "Märkte" opportun seien. Einen Marketing-Trick nannte es Best, andere nannten es ein Einfallstor für Abmachungen mit den großen Contentplattformen.

Selbst LirneAsia-Vertreterin Galpaya räumte am Ende ein, dass eine ganze Menge getan werden könne, um die Netzzugänge in Entwicklungsländern erschwinglicher zu machen, beispielsweise ein Aufbrechen von Monopolstrukturen. Galapaya merkte aber auch an, sie kenne schon jetzt viele Teenager, für die Facebook und Internet praktisch synonym seien. "Diese utopische Idee, dass die Leute die Marktpreise checken und Jobs finden, wenn sie nur erst Internet haben – kann sein, aber vielleicht auch nicht."

Netzneutralität ist eines der Schwerpunktthemen beim diesjährigen IGF, Netzbetreiber forderten bereits lautstark, die anstehenden Regulierungsrunden in den USA, in Europa und in Brasilien, dürften nicht ihre Innovationsfreiheit eindämmen. (Monika Ermert) / (jk)

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