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Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Er wollte die Verhältnisse zum Tanzen zwingen

Vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren. Zu den Geburtstagsfeierlichkeiten gehört ein kleiner Marx-Hype mit vielen Büchern und Aufsätzen über die Aktualiät des Marxismus.

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Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Er wollte die Verhältnisse zum Tanzen zwingen

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

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Vor 200 Jahren wurde Karl Marx in Trier geboren. Seit dem gestrigen Samstag gibt es dort eine große Ausstellung, außerdem ist das Karl Marx-Haus wieder eröffnet worden. Selbst das Dommuseum widmet sich mit einerAusstellung zur Kategorie Arbeit einem zentralen Thema der Theorie.

Zum Geburtstag hat China eine mächtige Bronzestatue geschickt, die eigentlich doppelt so groß sein sollte. Im Geleitgruß von Staatschef Xi Jinping ist davon die Rede, dass Marxens Theorie immer noch mit dem brillianten Licht der Wahrheit leuchtet. Es gibt eine Sonderbriefmarke zum Mehrwert von 70 Cent, die ein bekanntes Bild von Marx mit Querstreifen von Feinstleiterbahnen nachzeichnet. Auf der gerade zu Ende gegangenen re:publica zwinkerte das Marx-Bild vom Laptop in der BMBF-Collage "God has burnout". Der erste Theoretiker des Marxismus hat also Konjunktur. Marx is Muss.

Im August 1849 spazierte der gerade in England eingetroffene deutsche Emigrant Karl Marx durch die Straßen von London und entdeckte im Schaufenster eines Modegeschäfts in der Regent Street eine herumfahrende elektrische Modelleisenbahn. Marx gerät völlig aus dem Häuschen. Begeistert eilt er nach Hause und notiert die Wunder neuer Technik: "Jetzt ist das Problem gelöst und die Folgen sind unabsehbar. So wie der König Dampf die Welt im vergangenen Jahrhundert verändert hat, wird jetzt der elektrische Funke eine neue Revolution auslösen. Der ökonomischen Revolution muss mit Notwendigkeit die politische folgen, denn sie ist nur deren Ausdruck."

In Erwartung einer anstehenden Weltwirtschaftskrise, die den gescheiterten revolutionären Bestrebungen von 1848 wieder Auftrieb verleihen könnte, interpretiert Marx die gewaltigen Anstrengungen, die bei der Elektrifizierung der Welt zu leisten sind, als Chance. Er schlussfolgert, dass die Elektrifizierung nicht von dem Fabrikbesitzern und Bourgeois gesteuert werden kann, sondern nach einer politischen Umwälzung gesamtgesellschaftlich gestemmt werden müsse.

"Es ist unwahrscheinlich, dass auch nur ein einziger Passant in der Regent
Street vor besagtem Schaufenster innehielt, um über die politischen Folgen dieses eisernen trojanischen Pferdes nachzudenken, aber für Marx zählte ausschließlich das"
, so der Marx-Biograph Francis Wheen. Später wird ein Marx-Adept namens Lenin für sein Land dektretieren, dass Kommunismus die Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes ist.

Spätestens seit den Pariser Manuskripten von 1844 war Karl Marx unablässig auf der Suche nach den Fundamenten einer Gesellschaftstheorie, die sich nicht mit abstrakten Annahmen begnügt, sondern die Industrialisierung zum Ausgangspunkt nimmt. Die Manuskripte beginnen so: "Arbeitslohn wird bestimmt durch den feindlichen Kampf zwischen Kapitalist und Arbeiter. Die Notwendigkeit des Siegs für den Kapitalisten. Kapitalist kann länger ohne den Arbeiter leben als dieser ohne jenen."

Die Arbeit wird zur Ware und der Arbeiter sinkt zur Maschine herab, die ihm als Konkurrent gegenübersteht. Die großen Kapitalisten ruinieren die kleinen und werden immer mächtiger. Hatte Marx im Jahre 1844 noch keine Antwort darauf, wie das alles enden würde, so war er 1849 davon überzeugt, dass die notwendigen Investitionen in den technischen Fortschritt wie die Elektrifizierung größer sind als das, was die Kapitalisten insgesamt produzieren können. In London machte er sich daran, den Prozess ausführlich zu beschreiben.

Das Kapital erschien in drei Bänden, wobei Marx nur das Erscheinen des ersten Bandes in erster und zweiter Auflage erlebte. "Die Redlichkeit eines heutigen Gelehrten, und vor allem eines heutigen Philosophen, kann man daran messen, wie er sich zu Friedrich Nietzsche und Karl Marx stellt. Wer nicht zugibt, dass er gewichtige Teile seiner eigenen Arbeit nicht leisten könnte, ohne die Arbeit, die diese beiden getan haben, beschwindelt sich selbst und andere." Die Worte stammen von keinem "Marxisten", sondern von Max Weber, einem der Begründer der Soziologie.

Neben der scharfen Beobachtungsgabe zeichnete sich Karl Marx auch durch Sprachgewalt aus. Man nehme nur das "Manifest_der_Kommunistischen_Partei" von 1848 und den hübschen Satz vom Gespenst, das in Europa umgeht, eine Entlehnung aus Mary Shelleys zeitgenössischem Frankenstein. Das war ein Roman, den Marx andeutete, um die entfremdete Arbeit des Arbeiters zu charakterisieren. Der wird von einem Dämon so getrieben, "dass seine Arbeit zu einem Gegenstand, zu einer äußeren Existenz wird, so dass sie außer ihm, unabhängig, fremd von ihm existiert und eine selbständige Macht ihm gegenüber wird. dass das Leben, was er dem Gegenstand verliehn hat, ihm freindlich und fremd gegenübertritt."

Ähnlich sieht es aus, wenn im "Kapital" die Automatisierung in der Fabrik beschrieben wird. Man sieht förmlich die Kuka-Roboter tanzen, wenn es im Kapital heißt: "Sobald die Arbeitsmaschine alle zur Bearbeitung des Rohstoffs nötigen Bewegungen ohne menschliche Beihilfe verrichtet und nur noch menschlicher Nachhilfe bedarf, haben wir ein automatisches System der Maschinerie /.../ An die Stelle der einzelnen Maschine tritt hier ein mechanisches Ungeheuer, dessen Leib ganze Fabrikgebäude füllt und dessen dämonische Kraft, erst versteckt durch die fast feierlich gemeßne Bewegung seiner Riesenglieder, im fieberhaft tollen Wirbeltanz seiner zahllosen eigentlichen Arbeitsorgane ausbricht."

Natürlich hatte Marx keinen Zugang zu Steuerungsmechanismen wie den Lochkarten der Jacquard-Webstühle, die den fieberhaft tollen Wirbeletanz orchestrierten, doch Berührungspunkte finden sich, als Marx Charles Babbage exerpiert und eine frühe Beschreibung der Differenzmaschine in seiner Kladde notiert.

Unverändert aktuell ist auch der ökologische Karl Marx, der im "Kapital" unter dem Eindruck des 1847 erschienenen Buches "Klima und Pfanzenwelt" von Karl Nikolaus Fraas schrieb: "Alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen."

Zeitweilig war Karl Marx nicht nur Wissenschaftler und Konspirator diverser Bünde, sondern auch Journalist, erst bei der Rheinischen Zeitung, dann bei der Neuen Rheinischen Zeitung, in die er sein Familienerbe steckte. "Die erste Pflicht der Presse ist nun, alle Grundlagen des bestehenden Zustandes zu unterwühlen" ist eine Aufforderung von anderem Kaliber als das recht anämische zeitgenössische Diktum vom "Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein."

Cool bleiben, das war absolut nicht die Sache von Karl Marx. Als Mensch von aufbrausender Natur legte er sich mit zahlreichen Abweichlern von der reinen Lehre, seiner Lehre an. Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen, in dem man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt, so lautete ein frühes Credo von Marx. Im Laufe seines Lebens musste Marx erkennen, dass es nicht so einfach ist, diese Melodie zu finden und "Gesellschaftsformationen" sich nur langsam umwälzen. Er glaubte, den Kapitalismus in seiner Kurzlebigkeit zu schildern, beschrieb und analysierte aber nur das, was die Anfänge des globalen Kapitalismus waren. Erst gegen Ende seines Lebens erkannte er, dass die Krisen und Zusammenbrüche zum Wesen des Kapitalismus gehören, ihn nicht schwächen, sondern stärker machen.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Marx nur wenig aus dem Wust von Manuskripten und Exerpten, die er schrieb, um die sich umwälzende Gesellschaftsformation zu erkennen. Es blieb Friedrich Engels überlassen, aus Marxens Aufzeichnungen das Werk zu destillieren, das beide prägte. In ihm gibt es nach wie vor Entdeckungen zu machen. Aktuelle Debatten über Marx im Informationszeitalter setzen darum nicht mehr bei dem Kapitalisten und dem Arbeiter mit seiner Arbeitskraft an, sondern orientieren sich vielmehr an den Maschinenfragmenten und dem Begriff vom Wissensarbeiter.

Die Frage ist, zu "welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozesses selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind." (axk)