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Zum 50. Todestag von Alan Mathison Turing (23. Juni 1912 - 7. Juni 1954)

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"Wir wissen ferner, daß er sich sorgfältig isoliert hat; daß er Zerlumptes trug, im Zwischendeck reiste, in Absteigen schlief. Offenbar war er darauf bedacht, sich zu löschen. Eines Nachts hat er sich in seinem Landhaus, einer Bruchbude, wie in einem Roman von Agatha C., aus Versehen vielleicht, mit Zyankali vergiftet."
Seine erste Biographin, die Mutter Sara, hat bestritten, dass es Suizid war, doch die gefundenen Belege, speziell der halbverspeiste Apfel mit Zyankali-Rückständen, lassen kaum einen anderen Schluss zu. Am 7. Juni 1954 beging Alan Turing, einer der ganz großen Pioniere der Informatik, in seinem -- durchaus respektablen -- Haus in Wilmslow bei Manchester Selbstmord durch Vergiften. Er war knapp 42 Jahre alt. Turings Motive bleiben unklar, hängen aber zweifellos mit seiner Homosexualität zusammen. 1952 war er wegen "sexueller Perversion" angeklagt und verurteilt worden; um einer Haft zu entgehen, unterwarf er sich einer brutalen Hormontherapie, die ihn depressiv machte. Außerdem musste er seine Nebentätigkeit im GCHQ beenden, der englischen Geheimdienstbehörde, die für das Abhören und Entschlüsseln von Nachrichten zuständig ist.

"Aus Überdruß an öffentlichen Verkehrsmitteln lief er oft meilenweit über Land. Radios und andere Geräte pflegte er mit Bindfäden zu reparieren. Der Geheimdienst schätzte ihn, weil er jeden Code brechen konnte. Allerdings wurde er leicht ohnmächtig, ohne ersichtlichen Grund."
Turings Ruhm gründet auf mehreren Pfeilern. Als Kryptologie-Spezialist in Bletchley Park war er während des 2. Weltkriegs maßgeblich an der Brechung der legendären deutschen Chiffriermaschine Enigma beteiligt. Schon vorher hatte er sich an der Universität Cambridge, wo er unter anderem Ludwig Wittgenstein hörte, in mathematischer Logik ausgezeichnet. 1936 beschäftigte er sich in einem berühmten Aufsatz mit dem Entscheidungsproblem der Prädikatenlogik -- ob jede Tautologie nachweisbar ist -- und erfand zu diesem Zweck die Turing-Maschine, die theoretische Urform des Computers. Nach 1945 befasste er sich dann mit richtigen Digitalrechnern und den Anfangsgründen der Künstlichen Intelligenz, sprich Schachprogrammen. 1950 schlug er in einem berühmten Aufsatz eine originelle Methode vor, um Maschinen auf Denkfähigkeit zu testen. Am Ende seines Lebens grübelte er über biologische Probleme und neuronale Netze nach.

"Jedenfalls will das Gerücht nicht verstummen, man könne ihn, oder sein Simulacrum, zuweilen, an feuchten Oktobertagen besonders, in der Umgebung von Cambridge, auf abgemähten Stoppelfeldern, unberechenbar Haken schlagend, im Nebel querfeldein laufen sehen."
Aufgrund seiner Leistungen, seiner Persönlichkeit und seines traurigen Schicksals ist Alan Turing fünfzig Jahre nach seinem Tode neben John von Neumann und Konrad Zuse der populärste Informatik-Pionier und nicht nur Thema zahlreicher Websites, sondern ebenso von Gedichten, Kunstwerken, Briefmarken und eines erfolgreichen Theaterstücks, das bei uns leider nur in der Provinz herauskam. Auch der wichtigste Informatik-Preis ist nach ihm benannt. Turings Name und seine wissenschaftlichen Ideen werden also auf jeden Fall weiterleben.

(Die Zitate zur Einleitung der Abschnitte stammen aus dem Prosagedicht Alan Mathison Turing 1912-1954 von Hans Magnus Enzensberger. Sie sind wiedergegeben nach der Version in: Hans Magnus Enzensberger, Die Elixiere der Wissenschaft, Seitenblicke in Poesie und Prosa, Suhrkamp Verlag 2002.)

(Ralf Bülow) /

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