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Zwei Jahre Pokémon Go – und kein Ende abzusehen

Zwei Jahre nach dem Start spielen immer noch über fünf Millionen täglich Pokémon Go. Das ist auch gezieltem Taktieren zu verdanken.

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2 Jahre Pokémon Go – und kein Ende abzusehen

(Bild: Niantic (Bearbeitung Gerald Himmelein))

Steht ein Endvierziger neben der Bushaltestelle und tippt heftigst im Stakkato auf sein Smartphone. Guckt ihm eine etwa zehn Jahre ältere Dame über die Schulter und fragt: "Was machen Sie denn da?" Der Mann blickt kurz hoch, errötet kurz und antwortet nur knapp, weil er gerade eine Arena plattmacht: "Ich spiele Pokémon Go." Die Dame guckt ihn groß an: "Wie? Das gibt es noch?"

Ja, das gibt es noch. Am 6. Juli 2016 veröffentlichte Entwickler Niantic das immer noch erfolgreichste Mobilspiel überhaupt. Am 13. Juli zählte Pokémon Go über 28 Millionen Spieler, mittlerweile hat sich die Zahl der täglich aktiven Spieler bei 5 Millionen eingependelt – nicht schlecht für eine vermeintliche Eintagsfliege. Dank neuer Features kommen derzeit sogar neue Spieler hinzu und alte kehren zurück – PoGo erlebt gerade seinen dritten Sommer.

Zum zweiten Geburtstag gibt es wieder ein Sonder-Pikachu zu fangen: Bis zum Monatsende sollen verstärkt das Pokémon-Maskottchen Pikachu und seine Vorstufe Pichu auftauchen. Zudem verspricht Niantic eine tropische Pikachu-Variante, komplett mit Strohhut und Sonnenbrille. Für den kompletten Hunter S. Thompson fehlt eigentlich nur noch die Zigarette mit Halter. Wer ein richtiger Fan ist, kann seinen Spiele-Avatar gegen Spielgeld in Pikachu-Klamotten einkleiden, komplett mit Kopfband, Hemd, Hose und Schuhen.

Derart Gelb in Gelb ausgestattet stapft der geneigte Spieler dann ins kommende Wochenende: Am Samstag gibt es drei Stunden lang eine Sonderedition des Eisvogels Arktos zu fangen, am Sonntag ist der monatliche Community Day mit Schiggy, von dem es ebenfalls eine Variante mit Sonnenbrille zu ergattern geben soll. Ganz schön viel Action für ein schon so oft totgesagtes Spiel.

Das Spielprinzip klingt simpel: In Pokémon Go geht es darum, virtuelle Monster mit einer einfachen Fingerbewegung in Bällen zu fangen. Die Besonderheit: Um Pokémon Go zu spielen, muss man sich bewegen, und zwar am besten zu Fuß. Das Spiel zeigt eine Landkarte, auf dem sich innerhalb einer bestimmten Entfernung zum Spieler die Monster materialisieren. Tippt man diese an, kommt man zum Fangbildschirm. Um neue Pokémon zu fangen, müssen die Spieler zwangsläufig ihre Umgebung erkunden. Dabei brütet eine mitgeführte Brutmaschine bunte Pokémon-Eier aus, die nach einer bestimmten Kilometerzahl schlüpfen. Das Spiel zählt die zurückgelegte Entfernung nur bis zu einer Geschwindigkeit von ca. 10 km/h – Rad- und Autofahrer bleiben außen vor, aber auch schnelle Jogger.

Bis dahin klingt alles noch recht einfach. Damit die zum Fangen benötigten Bälle nicht ausgehen, müssen Spieler immer wieder Pokéstops besuchen, deren virtuelle Position sich an realen Sehenswürdigkeiten orientiert. Das Spiel belohnt Monsterfangen mit Punkten und schaltet neue Levels frei, für deren Erreichen es nützliche Bonusgegenstände gibt. Nach dem fünften Level darf man sich für eines von drei Teams entscheiden: rot, gelb oder blau. Dies öffnet eine neue Spielebene: Durch das Besetzen von Arenen für das eigene Team erwirbt man Pokémünzen, die man im Spiel-internen Shop gegen diverse Spielhilfen eintauschen kann – etwa eine zweite Brutmaschine, um mehrere Eier parallel auszubrüten.

Spieler haben also mehrere Ziele vor Augen: Die meisten spielen, um möglichst viele unterschiedliche Monstertypen zu fangen, die das Spiel in einem Pokédex registriert. Andere spielen, um höhere Levels zu erreichen – bis 40 geht bisher die Spannweite. Wieder andere messen sich gern in Arenen an den Monstern anderer Spieler und stellen dafür aus ihrem Pokémon-Bestand besonders effiziente Angriffsteams zusammen. Und die ganz Harten suchen nach ganz seltenen Monstern mit maximaler Angriffsstärke oder Falschfarben ("Shinys").

Die simplen Grundregeln und die ungewöhnliche Spielmethode waren es, die vor zwei Jahren das Pokémon-Fieber auslösten. Selbst Leute, an denen die ursprünglichen Pokémon-Spiele von Nintendo spurlos vorübergegangen waren, zogen plötzlich abends nochmal um den Block, um nachzusehen, ob sich da vielleicht wieder ein Evoli herumtrieb.

Doch dann kam der Herbst und je kürzer die Tage wurden und desto weiter die Temperaturen fielen, desto weniger Spieler hatten Lust darauf, draußen mehr Zeit zu verbringen als nötig. Dass heute immer noch mehr als fünf Millionen Spieler täglich auf Monsterjagd gehen, liegt an den zahlreichen zusätzlichen Anreizen.

Die ersten Monate nach dem Spielstart hatte Niantic vor allem damit zu tun, den Spielverlauf zu stabilisieren. In den ersten Wochen kämpften Spieler immer wieder mit streikenden Servern – bis heute gibt es Webseiten, die nur protokollieren, ob Pokémon Go gerade erreichbar ist oder nicht. Kurz vor dem ersten Jahrestag begann Niantic dann, das Spiel auszubauen: Ein neues Arenasystem verbesserte die Chancen für Gelegenheitsspieler, Pokémünzen zu ergattern. Neue Pokémon-Generationen sorgten für Abwechslung beim Monsterfang, zeitlich gestaffelte Raid-Kämpfe gegen überstarke Monster-Bosse fordern Spieler zur Kooperation heraus.

Wenn das Spielerinteresse dennoch abflaute, blieb den Entwicklern immer noch der Griff zur Content-Wumme: Zum ursprünglichen Pokémon-Sortiment gesellten sich zwei zusätzliche Generationen, was den Pokédex auf das Doppelte anschwellen ließ. Mittlerweile dosiert Niantic den Monsterzuwachs vorsichtiger: Statt zügig die vierte und fünfte Generation nachzulegen, wurden superseltene "legendäre" Pokémon freigeschaltet, die Spieler nur über Spezialaufgaben fangen können – zum Fang eines Mewtu muss man sogar eingeladen werden. Zuletzt führte Niantic "Alola"-Varianten bekannter Pokémon der ersten Generation ein, um beim Monsterfang für Abwechslung zu sorgen.

Seit Ende März gibts sogar Hausaufgaben: Pokéstops werfen "Feldforschungen" ab, für deren Erfüllung das Spiel nicht nur Bonusgegenstände vergibt, sondern auch Pokémon zum Fang freigibt – mitunter sogar legendäre Pokémon. In der Ankündigung für den zweiten Geburtstag verspricht Niantic, dass Spieler in Kürze auch das "mysteriöse" Pokémon Celebi freispielen können.

Jüngst führte Niantic zudem virtuelle Freundschaften ein – hierbei gibt man an Pokéstops eingesammelte Geschenke an befreundete Mitspieler weiter, die ihrerseits Goodies zurückschenken, darunter gelb-rosafarbene Spezialeier mit besonders seltenen Monstern. Mit Freunden kann man erstmals auch Monster tauschen – eine Funktion, die sich Spieler schon seit zwei Jahren wünschen. Hier ist aber noch viel Luft nach oben, so fehlt etwa eine Chat-Funktion.

Zur Abwechslung von der Fangroutine ruft Niantic immer neue "Events" aus, bei denen bestimmte Pokémon-Sorten verstärkt auftauchen. Im Frühling überschlugen sich die Events sogar: Noch während des Gesteins-Events im Mai wurden die ersten Alolas freigesetzt und nur zwei Tage nach Ablauf des ersten Events startete Anfang Juni das Wasserfestival.

Zusätzlich finden ortsgebundene Events statt: im Mai in Chicago, Ende Juni in Dortmund, im Juli nochmals Chicago, Ende August in Yokosuka (Japan). Bei diesen Safari-Events gibt Niantic dann auch sonst auf bestimmte geografische Regionen beschränkte Monster zum allgemeinen Fang frei. Einigen Spielern ist dieses Privileg wichtig genug, um hunderte von Kilometern anzureisen. Der Rest der Welt darf mitspielen und kommt dafür in den Genuss einiger der auf den Festen ausgestreuten Boni.

Mit zwei weiteren Pokémon-Generationen in der Hinterhand und diversen weiteren Erweiterungen am Horizont scheint Niantic zuversichtlich, dass es den Spielern auch langfristig nicht langweilig wird. Und das, obwohl das grundsätzliche Spielprinzip auch im dritten Spieljahr dasselbe bleibt – im Kern geht es unverändert darum, virtuelle Monster in Bällen zu fangen. (Gerald Himmelein) / (olb)

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