Zwischen Kohl und Kosmos: 20 Jahre Heinz Nixdorf MuseumsForum

Die Geschichte des weltgrößten Computermuseums, das mehr sein will als eine Schaustätte abgelegter Hard- und Software.

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Peter Sloterdijk in Paderborn

(Bild: heise online / Detlef Borchers)

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Vor 20 Jahren eröffnete Bundeskanzler Helmut Kohl das Heinz Nixdorf Museumsforum (HNF) in Paderborn. Auf den Tag genau hielt der Philosoph Peter Sloterdijk den Geburtstagsvortrag. Zur Geburtstagswoche des Museums gab es ferner ein Kolloquium, das sich mit "vernetzten Welten" beschäftigt.

Das HNF kann auf eine solide Bilanz schauen: 2,3 Millionen Besucher sind für Paderborn ein schöner Erfolg. Mit 6000 m2 Ausstellungsfläche ist es das weltgrößte Computermuseum und übertrifft das US-amerikanische Computer History Museum, das freilich mehr Ausstellungsobjekte hat, wie dessen Chef Marc Weber auf dem Geburtstags-Kolloquium betonte. 17.000 Veranstaltungen wurden in den vergangenen Jahren durchgeführt, wobei besonders die Workshops und Vorträge bei Paderbornern beliebt sind. Von den 30 Sonderausstellungen leisteten einige Pionierarbeit, wie etwa die zum Leben und Werk von Claude Shannon, für die seine Basteleien wieder funktionsfähig gemacht wurden. Andere Ausstellungen wie die über den Sport oder Medizin tourten im In- und Ausland.

Künstler Schönwandt vor Zuse-Portrait mit aufgestellter Tonne, in die Tastaturen gekloppt werden können.

(Bild: heise online / Detlef Borchers)

Als Kanzler Kohl das Museumsforum eröffnete, bekräftigte er in seiner Rede, dass Deutschland das Zeitalter der Informationsgesellschaft nicht in der Landesliga erleben will, sondern erstklassig mitspielen werde. Solche Worte fehlten diesmal in Paderborn, wo zum Jahresende 2016 mit dem Forschungszentrum von Fujitsu der letzte IT-Hersteller dicht macht. So hat es seine eigene Symbolik, wenn zu den Jubiläumsfeiern der Künstler Peter Schönwandt auftritt, der aus Computertasten Pixelbilder macht und für den deshalb die Aktion Noch alte Tasten im Schrank? initiiert wurde.

Zum Geburtstag meditierte der Philosoph Peter Sloterdijk in Anlehnung an die Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde von Buckminster Fuller darüber, dass es eben keine anständige Bedienungsanleitung für die Erde gibt. So seien wir im Kosmos ohne brauchbare kosmologische Landkarte unterwegs. Ohne Bedienungsanleitung sei die Menschheit in jeder Epoche überfordert gewesen, was auch für die Vernetzung gelte. Das Internet ist nach Sloterdjk eine Technik, die eine "Welt ohne Abstände" mit neuen Überforderungen produziert habe.

Als Ausweg sah Sloterdijk verschiedene Glückskreise kommen, Zyklen, die ein "mehr" an Schutz vor der Überforderung bedeuten können. Der Glückskreis Kunst produziere immer mehr Kunst, Geld produziere immer mehr Geld, gab Sloterdijk zu bedenken, aber auch, dass ein Staat immer mehr Staat produziere. "Es wäre sehr reizvoll, zu diesem Zeitpunkt mit der eigentlichen Vertiefung des Themas anzufangen", sagte Sloterdijk, als er pünktlich auf die Minute seinen einstündigen Vortrag beendete. Damit beglückte er das überwiegend ältere Publikum, dem das Internet doch "irgendwie unheimlich" ist, wie eine Zuhörerin bemerkte. (anw)