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Zwischen Web-2.0-Euphorie und openBC-Börsengang

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Die Euphorie um das Web 2.0 ist unbestritten, auch wenn der Rummel nicht jedem Nutzer und auch nicht jedem Anbieter einleuchtet. Der Börsengang des Internetportals Open Business Club (openBC/XING) wird aber auf zunächst die Ausnahme bleiben. Kenner der rasant wachsenden Branche um die interaktiven Internetplattformen und Social Networks – darunter Online-Enzyklopädien, Video- oder Foto-Onlinealben und Online-Kontaktnetzerke für bestimmte Nutzergruppen – sehen zurzeit keine weiteren Börsen-Kandidaten. Wahrscheinlicher seien Übernahmen oder der Einstieg von Investoren.

Dabei klingen die ambitionierten Pläne des openBC-Vorstandsvorsitzenden Lars Hinrichs verlockend: Einen Erlös von mehr als 100 Millionen Euro hält der 29-Jährige für möglich. An der Börse könnte openBC künftig weit mehr als 200 Millionen Euro wert sein. Zum Vergleich: Der Umsatz des Online-Netzwerks für Geschäftskontakte betrug im vergangenen Geschäftsjahr gerade einmal knapp 6 Millionen Euro. Die Konsortialbanken sehen keine Probleme: "So hoch wie gestern der Umsatz, wird morgen bereits der Gewinn ausfallen", sagen sie mit Blick auf ein operatives Ergebnis, das sie für 2007 bei etwa 6 Millionen Euro erwarten.

Das mag sich für viele wie eine Neuauflage des Hypes und der teilweise absurden Geschäftsmodelle zur Hochphase des New-Economy-Booms anhöhren. Immerhin aber verdient OpenBC im Unterschied zu vielen anderen Web-2.0-Unternehmen unterm Strich Geld, wenn auch erst seit dem vergangenen Quartal. Eine kostenpflichtige Mitgliedschaft zusätzlich zum Basisangebot ist die Einnahmequelle. Eine steil wachsende Mitgliederkurve – mehr als 1,5 Millionen Männer und Frauen haben sich seit der Gründung 2003 registriert –stimmen openBC zuversichtlich. "Wir hatten in den vergangenen Jahren viele Kaufangebote", sagt Hinrichs nicht ohne Stolz. Er will sich das Heft aber nicht aus der Hand nehmen lassen.

Henning Röper, Leiter Media Practice beim Beratungsunternehmen Solon, rechnet mit Beteiligungen von klassischen Medienhäusern. "Die großen Verlagshäuser wie Burda, Axel Springer oder Holtzbrinck, aber auch TV-Sender wollen sich das Wachstumsfeld Internet im Rahmen von Beteiligungsinvestitionen erschließen", sagt er. Im Unterschied zu reinen Finanzinvestoren könnten die Medienhäuser in ihren Netzwerken die erforderliche Aufmerksamkeit für Online-Angebot herstellen. Auslöser des Interesses unter den großen Internet- und Medienhäusern war nicht zuletzt die milliardenschwere Übernahme der Videoplattform YouTube durch den Suchmaschinenbetreiber Google Anfang Oktober. So kaufte sich die Sendergruppe ProSiebenSat.1 bereits bei der deutschen YouTube-Version Myvideo.de ein. Auch der Internetkonzern AOL hat Zukaufsabsichten. Kein Wunder: Der Online-Werbemarkt wird 2006 nach Berechnungen der Branche um 59 Prozent auf 1,65 Milliarden Euro wachsen – nach einem Plus von 87 Prozent im Jahr 2005.

Nach Meinung Röpers sind die USA und Großbritannien Deutschland in der Entwicklung von Web 2.0-Angeboten voraus. "Aber gerade an openBC kann man sehen, dass gute Konzepte mit internationalem Potenzial auch aus Deutschland kommen können", erklärte der Berater. Ein weiteres Beispiel für ein Wachstum über die deutschen Grenzen hinweg sei etwa das Verbrauchermeinungsportal Ciao, das es mittlerweile von Deutschland ausgehend in mehreren europäischen Ländern gibt. Sorgen vor einer neuen "Blase" wie zu Zeiten der New Economy seien unbegründet, meint zumindest der als Internet-Berater arbeitende Ossi Urchs, der seinerzeit als "Internet-Guru" bekannt wurde. "Anders als damals haben wir es von Anfang an mit gehaltvollen Ideen zu tun." Dennoch fehle den meisten der interaktiven Internetunternehmen noch das Geschäftsmodell. "Es gibt die begründete Hoffnung, dass die Firmen diese Modelle finden, aber das wirkliche Ergebnis werden wir erst im nächsten oder übernächsten Jahr sehen." (Nadine Schwede, dpa-AFX) / (jk)