Menü

eCall: Tor für neue Telematik-Dienste

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 90 Beiträge
Von

Scharfe Bremsmanöver könnten künftig die Versicherungsprämie nach oben treiben. Zahlreiche Assekuranzen arbeiten daran, den Fahrstil ihrer Kunden zur Grundlage der Prämienberechnung zu machen. Das berichtet das Magazin Technology Review in einer seiner aktuellen Ausgabe 9/2013 (am Kiosk oder hier zu bestellen).

In den vergangenen fünf Jahren hat die italienische Allianz-Tochter Allianz Telematics nach eigenen Angaben bereits mehr als 80.000 Fahrzeuge in neun europäischen Ländern mit elektronischen Fahrtenschreibern versehen. Ein eingebauter GPS-Empfänger protokolliert die gefahrene Strecke und sendet sie per Mobilfunk an die Versicherung. "Wer beispielsweise nachts oder am Wochenende nicht fährt, kann einen Rabatt bekommen, weil zu diesen Zeiten statistisch gesehen das Unfallrisiko höher ist", sagt Allianz-Telematics-Chef Jacques Amselem. "Einheitstarife wie bisher wird es nicht mehr geben."

"Pay as you drive" heißt das Prinzip. Die meisten großen Gesellschaften bieten in den USA bereits solche Tarife an. Italien schreibt den Kfz-Versicherern vor, mindestens einen Telematik-Tarif zu offerieren. Und die schweizerische Winterthur-Versicherung lockt junge Fahrer mit einem kostenlosen Fahrtenschreiber und 15 Prozent niedrigeren Prämien. Entsprechende Angebote gibt es für deutsche Privatkunden – noch – nicht.

Neue Technik wird das Datensammeln aber erheblich vereinfachen. So bietet der spanische Mobilfunkkonzern Telefónica europäischen Kfz-Versicherungen an, per Smartphone-App das Fahrverhalten ihrer Kunden zu analysieren. Deutsche Telekom und Vodafone haben ähnliche Dienstleistungen im Angebot – einschließlich statistischer Auswertung der ermittelten Daten. "Dazu gehören typischerweise Kilometerstand, Brems- und Beschleunigungsverhalten sowie die Tageszeit", heißt es bei der Telekom. Der Fahrstil fließt also offenbar auch in die Prämienberechnung ein.

Weiteren Anschub dürfte das automatische Notrufsystem eCall bringen. Nach einer neuen EU-Vorschrift soll es ab 2015 serienmäßig in jedem Neuwagen verbaut werden. Löst etwa der Airbag aus, bucht sich das eCall-Modul über eine eigens dafür vorgesehene SIM-Karte ins Mobilfunknetz ein und setzt einen Notruf mit der genauen Position des Unfallwagens ab. Zur dauerhaften Überwachung darf das eCall-System laut EU-Vorschrift nicht benutzt werden. Dennoch könnte es der Türöffner für Datengeschäfte einer ganz neuen Dimension sein. Es etabliert in jedem Neuwagen einen technischen Brückenkopf für Telematik-Dienstleistungen – und ist eine potenziell offene Plattform, die nicht mehr eng mit dem Autohersteller verknüpft ist.

Mehr als eine zweite SIM-Karte wird nicht benötigt, um neue Anwendungen auf die eCall-Box aufzusetzen. Kunden können dann einfach bestimmte Telematikdienste buchen oder den Anbieter wechseln, ohne jedes Mal neue Hardware installieren zu müssen. Versicherungskonzerne pochen bereits darauf, gleichberechtigten Zugang zu den eCall-Daten zu erhalten. So könnten sie Autofahrer etwa dazu bringen, ihre Unfallwagen in ihren Partnerwerkstätten statt in den Vertragswerkstätten der Autobauer reparieren zu lassen.

Obwohl die Versicherungen betonen, es stehe jedem Autofahrer frei, einen Rabatt anzunehmen oder nicht – sie etablieren mit den Telematiktarifen eine Preisdifferenz zwischen überwachtem und nicht überwachtem Fahren. Und da voraussichtlich zuerst die vorsichtigen Fahrer in die Überwachungstarife wechseln, dürfte die Preisdifferenz für den Rest noch größer werden. Dabei ist es gleichgültig, ob ein Autofahrer die Kontrolle scheut, weil er tatsächlich einen grenzwertigen Fahrstil pflegt oder weil er der Datenerfassung grundsätzlich misstraut. (grh)