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eNotfallakte und eMutterpass für die schnelle Hilfe

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Die elektronische Patientenakte soll uns künftig von der Wiege bis zur Bahre begleiten. An beiden Punkten im Kreislauf des Lebens setzt die Firma InterComponentWare (ICW) an. Zusammen mit der Björn Steiger Stiftung und deren Handy-Ortungssystem "LifeService 112" kommt eine elektronische Notfallakte zum Einsatz, die überlebenswichtige Daten zum Rettungsarzt schickt, wenn der Notruf von einer registrierten Handy-Nummer ausgelöst wurde. Zusammen mit der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg und sieben niedergelassenen Ärzten geht der elektronische Mutterpass (eMP) in die Erprobung, der das blau-grüne Heft ergänzen soll, das jede Schwangere mit sich führt.

Auf einer Pressekonferenz in Berlin stellte die Björn Steiger Stiftung die Erweiterung ihres "Liveservices 112" um eine elektronische Notfallakte vor. Wer sein Mobiltelefon für den Notfallruf registrieren lässt, hat ab sofort die Möglichkeit, eine kostenlose Notfallakte anzulegen, in der für den Notfallarzt wichtige Informationen, aber auch Patientenverfügung, Organspendeausweis und die Kontaktdaten von Angehörigen gespeichert sind. Wird um Hilfe gerufen, lokalisiert die Leitstelle der Feuerwehr zunächst das Handy und schickt dann die wichtigsten Informationen der Notfallakte zu den Sanitätern. Lieferant der eNotfallakte ist ICW, die praktisch den Notfallteil ihrer elektronischen Gesundheitsakte Lifesensor zur Verfügung stellt.

Zur Vorstellung der passwortgeschützten Notfallakte für den Liveservice 112 betonte der Berliner Landesbranddirektor Wilfried Gräfling, dass der Datenschutz bei der Programmierung des Gesamtsystems eine wichtige Rolle gespielt habe. "Die Ortung kann nur dann durchgeführt werden, wenn der Handynutzer einen Notruf abgesetzt hat und der Ortung zustimmt. Eine 2-Faktor-Authentifizierung garantiert, dass nur autorisierte Mitarbeiter einer Leitstelle eine Ortung im Notfall durchführen können." Bei der praktischen Demonstration eines Notfalleinsatzes in der Leitstellen-Software zeigte sich jedoch neben Menüeintrag "Zustimmung erteilt" ein Eintrag "Zustimmung nicht erteilt, Gefahr für Leib und Leben", der genutzt wird, wenn ein Hilferufender nicht mehr reagiert. In der Demonstration des Systems wurden notrufende Handys mittels der Geräte-Ortung in der Funkzelle eines Providers (Genauigkeit 130 bis 290 Meter) ebenso wie mittels der exakten Positionsangabe über das GPS-Modul im Telefon (Nokia 6110 Navigator) lokalisiert.

Pierre-Enric Steiger von der Stiftung betonte, dass bei dem seit 2006 aufgebauten kostenlosen Liveservice 112 bisher kein einziger Missbrauchfall festgestellt wurde. Derzeit sind 620.000 Telefonbesitzer im Liveservice registriert, knapp 25.000 Menschen konnten 2007 durch die Hand-Ortung schnell gefunden werden. Nach Angaben von Steiger sind 80 Prozent aller deutschen 112-Leitstellen direkt an die Ortungsplattform der Stiftung angeschlossen, für den Rest koordiniert eine Zentrale in Baden-Württemberg die Anfragen. Steiger appellierte an die Mobilfunkprovider, auch international zusammenzuarbeiten. Während die europaweite Notrufnummer 112 mit Ausnahme von Bulgarien allgemein akzeptiert sei, brauche es bis zu 40 Minuten, um Informationen von ausländischen Netzbetreibern zu bekommen.

Für den Aktenlieferanten ICW betonte Vorstandsmitglied Frak Warda gegenüber heise online, dass es keinesfalls darum gehe, den Notfalldatensatz auf der kommenden elektronischen Gesundheitskarte zu ersetzen. "Bis die Karte kommt, heißt es warten und nochmals warten. Wir können heute schon etwas anbieten. Außerdem wird der Notarzt auf der Fahrt zum Einsatzort informiert." Das Szenario, dass Notärzte im Einsatz nach einer Karte suchen müssen, kommentierte er nicht. Warda wies auf die Möglichkeit hin, dass Patienten via Internet zusammen mit ihrem Hausarzt die Notfallakte anlegen können und dass die Notfallakte jederzeit um eine komplette (kostenpflichtige) Gesundheitsakte erweitert werden kann.

Ähnlich wie die Notfallakte ist der elektronische Mutterpass eine "Auskoppelung" der ICW-Gesundheitsakte. Er wird unter Federführung der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg in den nächsten 12 bis 15 Monaten erprobt. An dem Projekt sollen insgesamt 200 Schwangere, sieben niedergelassene Gynäkologen und zwei Geburtshilfestationen in benachbarten Krankenhäusern teilnehmen. Der online verfügbare Mutterpass ist eine exakte Abbildung des 1961 eingeführten Mutterpassheftes, in dem alle Arztbesuche und Untersuchungsergebnisse der Mutter gespeichert werden. Projektleiter Christof Sohn von der Universitäts-Frauenklink betonte den sektorenübergreifenden Informationsaustausch zwischen den niedergelassenen Ärzten und den Krankenhäusern und bezeichnete das Pilotprojekt als einen "entscheidenden Schritt hin zu einer medizinisch optimalen und gleichzeitig individuellen und schwangerenzentrierten Geburtshilfe." Wie bei der Notfallakte ist auch beim elektronischen Mutterpass die Möglichkeit gegeben, für Mütter und Neugeborene eine vollständige Gesundheitsakte anzulegen. (Detlef Borchers) / (jk)

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