.fam, .med, .moon: Goldgräberstimmung bei neuen Domains

Wird es Tausende von neuen Internetadresszonen geben? Unwahrscheinlich. Und Markenrechtsinhaber melden schon Bedenken beim neuen Registrierungsverfahren an. Die Gebühren und rechtliche Vorgaben für die Registrierung sind zudem derzeit noch unklar.

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Wird es Tausende von neuen Internetadresszonen geben? Oder mehr? Beim Treffen der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) in Paris herrscht jedenfalls eine gewisse Goldgräberstimmung – auch wenn niemand angesichts der byzantinischen Organisations- und Entscheidungsstrukturen der ICANN erwarten durfte, dass die Registrierung einer neuen Top Level Domain (TLD) so einfach wird wie der tägliche Lebensmitteleinkauf, wie diverse Berichte im Netz suggerierten.

Die ICANN will aber immerhin von ihrem in den letzten Jahren verfolgten Prinzip abgehen, neue TLDs nur in sehr geringer Anzahl zu von der Internet-Verwaltung bestimmten Zeiten zuzulassen. Während jedoch immer mehr Sprach- und Kulturgemeinschaften ihre Projekte zu neuen Domains anmelden – neben den Schotten und Walisern, den Galiziern und Bretonen hätten beispielsweise auch die Mittelmeeranrainerländer gerne .med –, warnten die Vertreter großer Markenrechtsinhaber beim ICANN-Treffen vor verwirrten und in die Irre geleiteten Nutzern.

Markeninhaber wie eBay müssten beim Start von hunderten oder tausenden neuer Domains entweder registrieren oder gegen den Missbrauch vorgehen, sagte Susan Kawaguchi, Global Domain Name Manager bei eBay. "Beides ist eine Menge Arbeit," warnte sie und bekundete, ihr Unternehmen sei auf jeden Fall nicht bereit, die neuen Registries durch hohe Gebühren für Sunrise-Phasen zu finanzieren. Diese Sunrise-Perioden, die Rechteinhabern an bestimmten Begriffen eine Registrierung vor der allgemeinen Öffnung der Domain erlauben und vor den Augen der Markenrechtsinhaber Gnade finden, gehören zu den komplizierten Verfahren. Eigens wurde eine Broschüre für die neuen TLD-Bewerber unter dem Titel "The Perfect Sunrise?" aufgelegt. Yahoos Justiziar Jay Scott Evans warnte, aggressive Markenrechtsinhaber könnten irgendwann auf die Idee kommen, Registries, Registrare und die ICANN als Unterstützer zu verklagen, einfach weil die Praktiken von Cybersquattern, die Domains unrechtmäßig besetzen und Gewinn aus deren Verkauf schlagen wollen, seit Jahren bekannt seien und nichts dagegen unternommen wurde.

Markenrechtsexperte John Berryhill nannte solche Überlegungen eine Reaktion von "Großgrundbesitzern", die mit dem Erschließen neuen Landes Angst um den Wert ihrer Schürfrechte habe. Dirk Krischenowski von dot.berlin sagte, die Szenarien, nach denen es Tausende von neuen TLDs geben werde, halte er für übertriebene Szenarien. Nach Ansicht vieler Experten wird der Goldgräber-Ansturm nicht zuletzt davon abhängen, wie teuer eine Bewerbung wird. Eine ICANN-Mitarbeiterin trat Spekulationen, die sich zwischen 50.000 und 250.000 Dollar bewegten, entgegen. "Die ICANN hat dazu keinerlei Aussagen gemacht," unterstrich sie. Mindestes zu Anfang gehe man aber von einem Einheitspreis aus, sagte ICANNs Senior Vice President Kurt Pritz, es werde also kein Vorzugspreis für "Community-Domains" geben.

Bei aller Goldgräberstimmung bleibt für die Bewerber für .fam oder .med noch Zeit. Nicht vor dem zweiten Quartal 2009 wird die ICANN laut offizieller Zeitplanung Bewerbungen entgegennehmen. Denn zwischen der Veröffentlichung der endgültigen Bewerbungsbedingungen um die Jahreswende herum und der Bewerbungsfrist will man vor allem Newcomern noch Zeit geben, damit sie vergleichbare Chancen erhalten wie die, die ihre Bewerbungen schon in den Schubladen haben.

Marcus Fauré, Geschäftsführer von Global Village und Mitglied des Registrarkonsortiums Core, kritisierte die erneute Verzögerung, die Bewerber mit Risikokapital in finanzielle Schwierigkeiten bringen könne. Noch seien die hauptamtlichen Mitarbeiter bei der ICANN damit beschäftigt, Details für die Implementierung sowie die anstehenden Vertragsfragen und das Ausschreibungsverfahren vorzubereiten, sagte ICANNs CEO und Präsident Paul Twomey. Gleichzeitig lasse ICANN auch eine Studie anfertigen, die die bislang notwendige obligatorische Trennung von Registry und Registraren unter die Lupe nehme. Die im Regierungsbeirat der ICANN vertretenen Regierungen mahnten beim Meeting der Internet-Verwaltung in Paris weitere Nachbesserungen beim Ausschluss von geographischen Bezeichnungen an, konnten aber nicht genau sage, wie groß die zu schützende Liste sein soll. "Ländernamen und regionale Bezeichnungen sind klar", meinte Twomey, bei "Ortsnamen" werde es dagegen schwierig.

Der Vorsitzende des Regierungsbeirates, der litauische Diplomat Janis Karklins, unterstrich andererseits, dass eine Anfechtungsmöglichkeit der beantragten TLD-Namen wegen eines Konflikts mit Moralvorstellungen keineswegs auf eine Forderung der Regierungen zurückgehe. Der auf dem Tisch liegende Vorschlag für das Verfahren sieht Einspruchsmöglichkeiten vor wegen Ähnlichkeit mit einer existierenden TLD, wegen Urheberrechts- oder Markenrechtsverletzungen, wegen Bedenken bei Moral und öffentlicher Ordnung sowie aufgrund des Einwands einer Gemeinschaft. Wie das neue Verfahren nun aussieht und ob es überhaupt angenommen wird, darüber immerhin will die ICANN noch in dieser Woche entscheiden.

Zum 32. Treffen der Internet-Verwaltung ICANN siehe auch:

(Monika Ermert) / (jk)