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heise online: Welten - eine Leseprobe aus "Die letzte Crew des Wandersterns"

Mit der SF-Buchreihe "heise online: Welten" werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wir wollen auch den Blick schärfen, wie Digitalisierung die Welt verändert.

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heise online: Welten - eine Leseprobe aus "Die letzte Crew des Wandersterns"

Kann Science Fiction überhaupt in die Zukunft schauen? Die Trefferliste bisheriger Science Fiction ist eher mau, dabei gibt es immer wieder herausragende Beispiele, die Visionen einer Zukunft formulieren, die uns heute sehr real erscheinen. Der Science-Fiction-Autor (und Netzaktivist) Cory Doctorow meint gar: Eine Prognose für die Zukunft liefert Science Fiction nicht. Aber sie kann im besten Fall die Zukunft verändern. Dadurch, dass sie den Lesern begreiflich macht, worin die Bedeutung aktueller Entwicklungen liegt und welche Effekte auf den Einzelnen und die Gesellschaft sie haben.

Mit der SF-Buchreihe "heise online: Welten" wollen wir nicht nur die aktuellen Entwicklungen in Technik und Forschung beschreiben, sondern sie auch kritisch hinterfragen und den Lesern begreiflich machen. Dabei verfallen wir weder in apokalyptische Technik-Kritik noch in blinde Technik-Euphorie; wir wollen keinesfalls, dass die Chancen, die Neuerungen in Technik und Wissenschaft bieten, für die Gesellschaft und den einzelnen Anwender ungenutzt bleiben.

Mit einem Roman "Die letzte Crew des Wandersterns" von Hans-Arthur Marsiske starten wir "heise online: Welten" mit einem Autor, der den heise-online-Lesern wohlbekannt ist: Vor allem seine Texte und Berichte zur Robotik führen nicht nur in die gegenwärtige Technik der Automaten ein, sondern diskutieren beispielsweise immer wieder die Ethik des Technikeinsatzes und die spezielle Maschinen-Ethik. Marsiske greift im Roman noch einmal weit über den schon sehr weiten Rahmen der Robotik hinaus, begibt sich in den Weltraum und kehrt doch zurück zu unerwarteten Begegnungen.

Der Roman ist im heise Shop, beim Hinstorff-Verlag, in stationären Buchläden und in Online-Buchläden wie Amazon sowohl als gedrucktes Buch als auch als eBook erhältlich.

  • Als Leseprobe: Kapitel 14 aus "Die letzte Crew des Wandersterns":

[...]

14

Juri hatte die gesamte Besatzung zusammengerufen, um über Suneethas Entdeckung zu beraten.

„Die Unregelmäßigkeiten im Verbrennungsversuch deuten auf einen externen Einfluss, möglicherweise eine heftige Erschütterung von extrem kurzer Dauer“, trug er die Einschätzung der Bodenkontrolle vor. „Wir arbeiten an der virtuellen Rekonstruktion des Vorgangs und rechnen mit genaueren Ergebnissen in etwa zwei Stunden. Da es ansonsten keinerlei Anzeichen für eine erhöhte Gefährdungslage gibt, sehen wir keine Veranlassung für eine erhöhte Alarmstufe.“

Er drehte sich so, dass er alle im Blick hatte.

„Sehen wir das auch so?“

Nick brach zuerst das Schweigen.

„Wir werden jetzt ohnehin alle noch aufmerksamer sein. Ansonsten können wir nichts tun. Es gibt keinerlei Hinweise auf Systemfehler oder Störungen, alles läuft rund. Alles was wir haben, ist eine wackelnde Flamme.“

„Und pulverisierte Proteinkristalle“, wandte Suneetha ein.

„Auch das“, bestätigte Nick. „Die zeitliche Nähe der beiden Ereignisse lässt auf eine gemeinsame Ursache schließen, die wir erforschen müssen. Warten wir die Ergebnisse ab. Solange wir nichts Genaueres wissen, sollten wir so weitermachen wie bisher.“

Er schaute in die Runde.

„Oder kennt ihr besondere Vorsichtsmaßnahmen, die wir jetzt ergreifen könnten?“

Nein, dazu waren die von Suneetha beobachteten Vorgänge zu rätselhaft.

Als sie gemeinsam mit Mark die Aufzeichnungen der Flammenexperimente betrachtet hatte, war ihnen beiden einmal ein leichtes Flackern aufgefallen. War da eine Druckwelle durch die Flammenkugel gejagt? Die Zeitlupenwiedergabe gab keinen eindeutigen Aufschluss. Mark vermutete eine Vibration und machte eine Notiz für das Forschungsteam. Suneetha merkte sich den genauen Zeitpunkt, zu dem dieser Versuch stattgefunden hatte.

Während Mark das Gespräch mit der Schulklasse führte, hatte sie sich dann noch einmal die Daten des misslungenen Kristallisationsversuchs angesehen. Es ließ sich nicht auf die Minute genau ermitteln, wann die Kristalle zusammengebrochen waren, aber die Oszillation beim Flammenexperiment war auf jeden Fall während der Kristallisierung von Oxiaplanumase-88 aufgetreten.

Hier oben, in dieser künstlichen Welt, diesem Paradies für Kontrollfreaks, wo alles überwacht und geregelt wurde, waren Irregularitäten und rätselhafte Erscheinungen aller Art tendenziell bedrohlich. Als besonders beunruhigend hatte Mark es empfunden, dass die übrigen Sensoren der Raumstation nichts aufgezeichnet hatten. Doch Juri hatte sogleich widersprochen.

„Das kannst du ebenso gut als gutes Zeichen sehen. Wenn der Stoß, den die Station offenbar empfangen hat, unterhalb der Wahrnehmungsschwelle lag, war er höchstwahrscheinlich auch unter der Gefährdungsschwelle.“

Die zeitliche Nähe der beiden Ereignisse war bemerkenswert, aber nicht besorgniserregend. Darin waren sie sich rasch einig, nachdem Suneetha und Mark ihre beiden Gefährten über die Beobachtungen informiert hatten. Ebenso schnell löste sich die Einigkeit wieder auf, als sie begannen, über mögliche Ursachen zu spekulieren.

„Es muss ein extrem kurzer Impuls gewesen sein“, vermutete Nick. „Deutlich unter einer Mikrosekunde. Ansonsten hätten ihn die Sensoren der Raumstation registriert.“

„Das mag sein“, sagte Mark. „Dafür war die Intensität offenbar umso höher, wenn er die Kristalle so restlos zerstören konnte. Aber müssten wir dann nicht Spuren von sekundären Vibrationen finden? Der eigentliche Impuls selbst mag der Sensorik entgangen sein, aber er muss doch Schwingungen hervorgerufen haben, die länger andauerten.“

„Möglich“, stimmte Juri zu. „Das werden die unten sicherlich genau untersuchen. Es mag aber vielleicht auch ein lokales Ereignis gewesen sein. Die Wirkung beschränkte sich möglicherweise auf das Columbus-Modul – oder sogar nur auf die Experimente. Wir wissen auch nicht, ob die flackernde Flamme und die krachenden Kristalle wirklich etwas miteinander zu tun haben. Das zeitliche Zusammentreffen könnte Zufall sein.“

„Ein lokales Ereignis, hm?“ Suneetha griff den Gedanken auf. „Meinst du, Columbus könnte von einem Meteoriten oder einem Stück Weltraumschrott getroffen worden sein?“

„Trümmer von Envisat womöglich“, sagte Mark. „Das hieße dann, wir zerlegen uns weiter selbst im Weltraum. Aber eigentlich müssten sich die Bruchstücke doch noch in Höhen weit über uns bewegen, oder?“

Juri nickte. „Die katalogisierten Teile, die sich beobachten und verfolgen lassen, sind bislang noch keine Gefahr. Über die kleineren Trümmer, die maximal ein paar Zentimeter Ausdehnung haben, wissen wir allerdings weniger. Sie haben sicher stärker gestreut. Ausschließen lässt es sich nicht, dass sich der eine oder andere Splitter bis zu uns verirren könnte.“

„Das wäre mir ausgesprochen peinlich“, sagte Mark. „Envisat war schließlich ein europäischer Satellit. Und er hätte eigentlich längst aus der Gefahrenzone entfernt sein sollen. Wenn ausgerechnet der uns jetzt Probleme bereiten sollte, hätte das schon eine gewisse Ironie.“

Die anderen schwiegen einen Moment. Natürlich kannten sie alle die Geschichte. Envisat war einst das Flaggschiff der europäischen Erdbeobachtungssatelliten gewesen, ein 25 Meter langer und acht Tonnen schwerer Koloss, der einige Jahre lang Umweltdaten gesammelt hatte, bevor im Jahr 2012 der Kontakt zu ihm verloren ging und der unkontrolliert um die Erde kreisende Brocken selbst zum Umweltproblem wurde.

Es hatte Pläne gegeben, ihn mit einem Roboterarm einzufangen und gezielt zum Absturz zu bringen. Doch dann sorgte die Entdeckung der Marsproteine für massive Umschichtungen in den Raumfahrtbudgets. Wie viele andere Missionen musste auch die zur Entsorgung von Envisat auf einmal mit deutlich geringeren Mitteln auskommen und ihren Zeitplan entsprechend strecken. Als der Satellit dann Ende 2024 durch die Kollision mit einem Trümmerteil in seine Einzelteile zerlegt wurde, war ohnehin alles zu spät.

„Glaubst du wirklich“, fragte Nick, „dass irgendeine Raumfahrtnation anders gehandelt hätte? Das ist kein spezifisch europäisches Problem. Und du musst es schon gar nicht persönlich auf deine Kappe nehmen.“

Mark ließ sich nicht so leicht beschwichtigen.

„Ich würde mir trotzdem wünschen, dass wir dort oben entschlossener aufräumen. Die Situation im 800-Kilometer-Orbit ist durch die Kollision ja nicht besser geworden, im Gegenteil. Wollen wir warten, bis auch alle Zenit-2-Oberstufen zertrümmert sind und der Orbit komplett unbrauchbar geworden ist? Aber den Dreck anderer Leute wegzuräumen, kommt für das stolze Europa wohl nicht in Frage.“

„Habt ihr schon einmal überlegt“, brachte Juri das Gespräch aufs eigentliche Thema zurück, „dass die Ursache für die Störung vielleicht nicht draußen zu suchen ist, sondern hier drinnen?“

„Der Zerfall der Proteinkristalle könnte durchaus in den Molekülen selbst angelegt gewesen sein“, sagte Suneetha und versicherte, dass auch diese Möglichkeit mithilfe von Simulationen am Boden überprüft werde.

Einen Fehler in der Anlage zur Kristallzucht könnten sie bislang ebenso wenig ausschließen.

„Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie so ein Fehler die Verbrennung im mehrere Meter entfernten Flammenexperiment stören sollte.“

Sie dachte kurz nach.

„Nein, eine externe Störung scheint mir nach wie vor wahrscheinlicher.“

Niemand widersprach. Nach einer Weile ergriff Juri wieder das Wort.

„Und wenn es keine im engeren Sinn physische Ursache gäbe? Liegt der Fehler vielleicht im System? Meldet uns der Computer eine Störung, die es in Wirklichkeit gar nicht gegeben hat?“

„Das wäre das beunruhigendste Szenario“, sagte Nick. „Auf das Computersystem müssen wir uns hundertprozentig verlassen können, sonst könnten wir gleich aufhören.“

Er stutzte, als er das Lächeln bemerkte, das Juris Mundwinkel umspielt.

„Aber du glaubst offenbar selbst nicht wirklich daran, oder?“

Juri wurde sogleich wieder ernst.

„Ein Computerfehler ist wohl eher unwahrscheinlich“, gab er zu. „Aber ausschließen können wir ihn nicht. Solange wir nichts Genaueres wissen, müssen wir auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen.“

Das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück.

„Mir war nur gerade aufgefallen, wie eng wir schon wieder Kubricks Drehbuch folgen. Ist es nicht erstaunlich, was dieser Bursche damals schon alles vorausgesehen hat? Vor 60 Jahren! Da waren Computer noch träge Rechenmaschinen, die unglaublich viel Platz und Energie verbrauchten und ständig gekühlt werden mussten.“

Suneetha nickte zustimmend.

„Wenn uns der Bordcomputer die Störung nur vorgetäuscht haben sollte, weil er damit eigene Pläne verfolgt und uns loswerden will, wäre das in der Tat eine verblüffende Parallele. Aber bislang sprechen wir ja nicht einmal mit unserem Rechner, und er singt uns auch keine Lieder vor. Nein, ich denke, ein Komplott intelligenter Maschinen ist sicherlich das Letzte, was uns droht. Außerdem kann ich beim besten Willen nicht erkennen, welche Strategie der Computer mit dieser Manipulation der Experimente verfolgen könnte.“

„Aber genau das macht doch die Superintelligenz aus!“, wandte Nick ein. „Ihre Gedankengänge sind für uns kleine Menschlein mit unserem beschränkten Verstand nicht mehr nachvollziehbar. Hinter diesen scheinbar sinnlosen Aktionen könnte eine Absicht stecken, die sich uns erst viel später erschließt – vielleicht auch niemals.“

Juri breitete die Arme aus, um anzudeuten, dass die Besprechung beendet war. Es war gut gelaufen, fand er. Sie hatten offen über alles gesprochen, die Situation realistisch eingeschätzt, das weitere Vorgehen geklärt. Und der Schwenk zum Kino, der ihm tatsächlich ganz spontan eingefallen war, hatte zum Schluss wieder für eine gelöstere Stimmung gesorgt.

„Lasst uns darüber beim Essen weiter reden“, sagte er. „Und seid bitte pünktlich: Es gibt heute etwas ganz Besonderes.“

15

[...] (jk)