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.koeln, Alaaf – Klüngel bei der stadteigenen Top-Level-Domain?

Nach Berlin und Hamburg schaltet heute auch die dritte und letzte deutsche Stadt eine eigene Internet-Endung frei. Statt einer gibt es jedoch gleich zwei neue TLDs: .koeln und .cologne. Und der Betreiber ist eine Tochter der Stadt.

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Stilecht um 11 Uhr 11 gehen in der Karnevalsstadt .koeln und .cologne an den Start. Zuvor konnten sich nur Markeninhaber Domains sichern sowie Kölner Vereine und NGOs. Vorgeschaltet war zudem eine "Landrush“-Phase. In einem Zeitraum von zehn Tagen reduzierten sich die Preise täglich, von Anfangs 100.000 Euro auf schlussendlich 50 Euro.

Die Domains beider TLDs, die ab heute für jederman registriertbar sind, sind vergleichsweise billig. Sie kosten je nach Registrar die Hälfte oder noch weniger im Vergleich mit den vergleichbaren Adressen unter den zuvor gestarteten TLDs .berlin und .hamburg.

Betreiberin der zwei jecken Internetendungen .koeln und .cologne ist der regionale Telekommunikations-Konzern NetCologne. Der ist eine 100-prozentige Tochter der städtischen Holding GEW Köln AG. Und die wiederum ist im Besitz der Stadt Köln. .koeln und .cologne sind also Top-Level-Domains in kommunalem Staatseigentum.

Sieht Kölner Klüngel bei der Vergabe am Werk: NetCologne-Konkurrent Thomas Lenz.

(Bild: Thomas Lenz)

Allerdings ist die Stadt nicht eingesprungen, weil sich niemand anderes gefunden hat. Es gab noch einen zweiten Bewerber. Die Stadt hatte nach einer Ausschreibung das zwingend benötigte Unterstützerschreiben aber an die eigene Firmentochter ausgestellt. Thomas Lenz, damaliger Geschäftsführer des alternativen Bewerbers, ist nicht davon überzeugt, dass sein Konzept tatsächlich schlechter war.

Im Jahr 2008 hat Thomas Lenz, inspiriert durch den Gründer von .berlin, beschlossen: Auch Köln braucht eine eigene Internetendung. Die Suche nach einem Investor hatte sie zuerst zu NetCologne geführt, dem späteren Wettbewerber. Der hatte aber abgewunken und in einer lokalen Internetendung keinerlei Pozential gesehen, erinnert sich Lenz. Interesse hatte hingegen der lokale Telefonbuchverlag Greven. Der stieg mit 50 Prozent in die 2009 gegründete Firma dotKöln Top-Level-Domain GmbH ein. Ansonsten waren noch Lenz selbst beteiligt, die TLD-Beratungsfirma Dotzon um den .berlin-Gründer Dirk Krischenowski und die Bonner Rechtsanwaltsgesellschaft Schollmeyer & Rickert.

Dann ging das Klinkenputzen bei der Stadt los. Im Jahr 2011 fasste der Kölner Stadtrat schließlich den Beschluss, dass es eine Ausschreibung für die Internetendung geben soll. Zu Lenz' Verwunderung erfuhrt er dann von NetCologne, dass die sich auch um die Endung bewerben – "auf Druck der Politik“. Als dann die Ausschreibungs-Unterlagen veröffentlicht wurden, wunderte sich Lenz noch mehr: Aus einer TLD laut Ratsbeschluss wurden in der Ausschreibung plötzlich zwei. Wieso, weiß Lenz bis heute nicht. In einer Bewertungs-Matrix waren maximal 100 Punkte zu erreichen. Bei einer Doppel-Bewerbung für .koeln und .cologne gab es 30 Punkte, bei einer einfachen Bewerbung Null. dotKöln schnitt die Bewerbung auf zwei TLDs zu.

Kölns neue Top Level Domais

(Bild:  Original: Luke Ma, CC BY 2.0 )

Das Unterstützer-Schreiben ging dann im Januar 2012 aber doch an die Stadt-eigene Tochter. Als Begründung hieß es laut Lenz, dass deren Marketing- und Vertriebskonzept überzeugender gewesen wäre – was er nicht nachvollziehen kann. Der größte Gesellschafter von Lenz' Firma war ein lokal verankerter Telefonbuchverlag mit jahrelanger Erfahrung im lokalen Markt und mit einem Team an erfahrenen Vertriebsleuten. Bei der Pressestelle von NetCologne ist zu den Umständen nichts zu erfahren. Bei der Stadt Köln heißt es eher vage: "Unsere Schwerpunkte in der Ausschreibung waren neben der technischen Umsetzung die Zielgruppenorientierung und Qualität der inhaltlichen Konzeption der Verbreitung von Second Level Domains und damit der Marke Köln im Internet.“

Und wieso wollte die Stadt plötzlich zwei statt nur einer TLD haben? Laut Sabine Möwes, Ressortleiterin E-Government und Onlinedienste, haben Markenexperten dringend geraten, auch den internationalen Namen der Stadt mit zu berücksichtigen: „So steht Köln auf allen internationalen Landkarten. Das haben wir dann selbstverständlich auch umgesetzt.“

NetCologne verweist darauf, dass .cologne für international aktive Unternehmen Sinn mache und dem Tourismus neue Chancen biete und sogar einer ganz unerwarteten Branche: der Parfümindustrie. Der entsteht so eine „Alternative zu den überlaufenen .de und .com Endungen“. Lenz überzeugt das nicht. „Das ist, als ob es nicht nur .de gäbe, sondern auch .ger für Germany.“ Zwei Top-Level-Domains für eine Gebietskörperschaft seien Unsinn.

Dass die Vergabe wirklich fair war, daran hat Lenz bis heute Zweifel. Leider sei die Ausstellung des Unterstützerschreibens durch die Stadt nur ein „konzessionsähnlicher“ Tatbestand gewesen, sodass die strengen Regeln des Vergaberechts keine Anwendung finden konnten. Die Vergabe sei deswegen nicht anfechtbar gewesen, auch wenn Aussenstehende klar erkennen konnten, wie das abgelaufen sei. Zudem habe man mit Rücksicht auf eine mögliche Zusammenarbeit mit NetCologne bei der Bewerbung und dem Betrieb der Internetendung von jeglichen Schritten abgesehen.

War die Vergabe des Unterstützerunterschreibens an eine Stadt-eigene Tochter also ein Beispiel für den berühmt-berüchtigten Kölner Klüngel? Sabine Möwes von der Stadt Köln widerspricht: "Von Klüngel kann überhaupt keine Rede sein. Wir haben eine korrekte und transparente Ausschreibung durchgeführt und nach dem eindeutigen Ergebnis den Ausschreibungsgewinner beauftragt."

Thomas Lenz ist anderer Meinung. "Vom Feinsten“, antwortet Lenz auf die Frage, ob es sich um Klüngel handelt, und wird dann diplomatisch: "Man sieht hier sehr gut, wie in Köln die Stadt manchmal mit Projekten umgeht.“ Nach dem Leitbild der Stadt Köln solle unternehmerisches Engagement in Köln aktiv gefördert werden. Wie das zuweilen aussehen kann, zeige der Verlauf dieses Projekts. (Stefan Mey) / (axk)

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