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re:publica 15: Vom Zeitalter der "liquiden Überwachung" und der fehlenden reflexiven Modernität

1925 geboren und alles andere als ein digital Native, bekam Zygmunt Bauman 2015 stehenden Applaus auf der re:publica, wie sonst nur der Astronaut Alexander Gerst. Seine Mahnung: Wir müssen alle reflexiver in der flüchtigen Moderne.

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Zygmunt Bauman

(Bild: Detlef Borchers)

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Am dritten Tag der re:publica sorgte der emeritierte Philosoph Zygmunt Bauman für die nötige Theorieschwere, als er den digitalen Lebenskünstlern anempfahl, sich über die ständige Produktion von Daten Gedanken zu machen. Sie würden von anderen zu Tatprofilen aggregiert, ob zum Kaufen oder für die allgemeine Überwachung. Für Bauman sind die Auswirkungen der Smartphone-gesättigten Kommunikation ungleich stärker als Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern.

Der in Polen geborene Zygmunt Baumann, der nach dem Weltkrieg zunächst in Warschau lehrte, dann aber nach Großbritannien fliehen musste, ist im hohen Alter als Theoretiker der "flüchtigen Moderne" bekannt geworden. Für Bauman leben wir im Zeitalter der "liquiden Überwachung", in der der Staat seine Bürger mit der Strategie der "Adiaphorisierung" in Schach hält. Mit diesem aus der mittelalterlichen Theologie entlehnten Begriff, mit dem die Kirche "amoralische Ketzer" belegte, möchte Bauman darauf aufmerksam machen, dass die Ziele der Überwacher sich keinem moralischen Urteil mehr zuordnen lassen.

Bauman wies auf die vielen Plakate hin, die zum 70. Jahrestags des Kriegsendes am 8. Mai in den Städten hängen und zum Gedenken die Achtung der Menschenrechte anmahnen. Gleichzeitig würden durch die staatliche Überwachung Menschenrechte verletzt und wenn dies angeklagt werde, seien die Begründungen fadenscheinig.

Seine Generation sei von der strengen (jüdischen) Gemeinde überwacht worden und habe nach dem Krieg von der Freiheit geträumt, nur um zu erfahren, das sie ausspioniert wurde. Die heutige Generation möchte der Überwachung entgehen, könne aber nicht das Smartphone mehr weglegen: "Ich starre auf einen Schirm, also bin ich." Mit dem Smartphone könne die Angst, allein und einsam zu sein, überwunden werden, frelich auf Kosten der Überwachung.

Die "Language of Privacy" werde verlernt, das Recht, allein gelassen zu werden, werde ignoriert. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und davor, zu den redundanten Menschen zu gehören, werde von genialischen Erfindungen wie Zuckerbergs Facebook im Zaum gehalten. Gleichzeitig erhalte der Smartphone-Besitzer die unerhörte "Macht", einen Freund mit einem Fingerwisch löschen zu können.

Nach Ausführungen zum Starkult und der Rolle von "Unterhaltung" im Netz wandte sich Bauman zum Schluss noch einmal dem Überwachungsthema zu. Das Internet erziehe die Menschen dazu, in einer Kultur des Vergessens zu leben, aber auch zu vergessen, dass sie mit dem Smartphone das Panoptikum von Bentham mit sich tragen. Die größte Leistung von NSA und CIA sei es, die von Bentham definierte klare Trennung von Überwachern und Überwachten technisch nachbilden zu können, nachdem das Mobiltelefon in die Taschen der Menschen wandern konnte. Für die Zukunft hielt Bauman den Rat parat, kritischer zu werden: "Wir sind alle nicht reflexiv genug und lassen uns zuviel gefallen." (anw)